Sebastian Albrecht
16. Februar 2016

Kultur und Dialog

Die Veranstaltungsreihe “Der Reichtum der Fremden” erinnert an etwas, das auf der Flucht häufig verloren geht: die Kultur der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen

Der Reichtum der Fremden

Auch ohne materielles Hab und Gut trägt der Mensch viel mit sich herum: vor allem seine Kultur

Reichtum, das bedeutet für viele vielleicht erst einmal riesige Paläste mit Kronleuchtern und Bernstein-Schlafzimmern, goldene Müsli-Schüsseln, eine Armada Yachten in Monte Carlo, ein gigantisches Riesen-Aquarium mit Fluss-Delfinen und einen Geparden-Zwinger, Ferien-Domizile in Gegenden, die selbst bei schlechtestem Wetter noch Hochglanz-Fotogenität besitzen, und einen Kontostand, für den es einen doppelt so langen Kontoauszug braucht, damit die Vermögenssumme nicht mit einem Zeilenumbruch dargestellt werden muss. Und sicher, fragte man Dagobert Duck, der 2013 die bisher letzte Liste der reichsten fiktionalen Personen des “Forbes”-Magazins anführte, dächte er als erstes sicherlich auch an die vielen Taler in seinem Geldspeicher und seine erste verdiente Münze, seinen Glückskreuzer. Geld kommt bei ihm an erster Stelle, selbst sein Neffe Donald bekommt das regelmäßig zu spüren, und nicht umsonst ist das Bild von Dagobert Duck unzertrennlich mit dem Begriff “Geizhals” verknüpft. Und doch besitzt er noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Reichtum, der ihm den monetären bereits mehrmals gesichert hat: Außer Donald stehen ihm nämlich noch seine drei Großneffen Tick, Trick und Track zur Seite, die ihm im Kampf gegen die Panzerknacker, Gundel Gaukeley oder Mac Moneysac mit ihrer Intelligenz immer erfolgreich zur Seite stehen.

Öffentliche Flüchtlingsdiskussion

Doch obwohl Reichtum nicht zwingend ein materieller sein muss, sondern auch ein geistiger sein kann und zum Beispiel auch einfach aus außerordentlichem Wissen bestehen kann, scheint es in unserer Gesellschaft fast schon als Widerspruch, eine Person, die keinerlei haptischen Besitz ihr eigenen nennt, als reich zu bezeichnen – selbst wenn diese sich selbst als einen reichen Menschen sieht. Besitzlosigkeit wird häufig damit gleichgesetzt, keinen Euro in der Tasche mehr zu haben und sich keine Mahlzeit oder neue Kleidung leisten zu können. Besitztum ist ein Eckpfeiler unserer – westlichen – Gemeinschaft. Und so nehmen wir auch die Flüchtlinge war, die seit letztem Jahr, unter anderem wegen des Syrien-Krieges und der Gewalt des IS, auf der Flucht sind und das mediale Bild und die öffentliche Debatte prägen. War die Stimmung auf der einen Seite zu Beginn durch etwas bizarr anmutende Applaus-Empfänge und wichtige, offene Hilfsbereitschaft geprägt, sind die kritischen Stimmen nach den Anschlägen in Paris vor drei Monaten und den Vorfällen an Silvester in Köln und anderen deutschen Städten lauter und heftiger geworden. Während die Gegner der Einwanderung sich bestätigt fühlen, herrscht bei manch Helfendem Katerstimmung. Aus den Menschen, die alles verloren haben, was sie hatten, oder gar nicht erst viel besaßen, sind nun in den Augen vieler Menschen geworden, die uns etwas nehmen wollen, was uns zusteht, die unsere Werte und Gesetze missachten und die Identität unseres schönen Abendlands untergraben.

Black or white?

Die aktuelle Flüchtlingsdiskussion ist eine quälende, nicht selten anstrengende Debatte, die nur sehr schwerlich noch sachlich und differenziert ausgetragen werden kann, wenn überhaupt. Starres Schwarzweiß-Denken beherrscht meist die Gespräche, Zahlen und Statistiken werden aus dem Zusammenhang gerissen, gefälscht und bis zur Unkenntlichkeit zerrupft, der Onkel von einer Freundin des Arbeitskollegen des Vaters als unumstößliche Quelle für die eigene Meinung ins Feld geführt. Zwischen den Positionen, jeder – zumindest männliche – Flüchtling sei quasi ein Schwein, wie Köln eindrucksvoll bewiesen habe, und der Untergang unserer Kultur, Gesellschaft und unserer Werte durch die Überfremdung sei so gut wie nicht mehr aufzuhalten auf der einen Seite und der Negierung jeglicher Probleme und der Rettung des Wirtschaftstandortes Deutschland für die nächsten dreitausend Jahre allein durch die Flüchtlingsaufnahme auf der anderen Seite, ist meist nicht mehr viel zu finden.

Differenzierter Blick statt Populismus

Dass Sexismus aber nicht bloß eine mit den Flüchtlingen importierte Krankheit in eine ansonsten problemlos funktionierende Gesellschaft ist, wusste nicht nur “die beste Band der Welt”, die Ärzte, bereits 1997. Und ebenso dürfte es niemanden verwundern, dass es zu Komplikationen kommen kann, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, schließlich ist der Mensch das wohl komplizierteste und höchstentwickelteste Lebewesen, das in der Lage ist, sich selbst auch da, wo keine sind, Probleme zu schaffen, um in seiner Unzufriedenheit zufrieden sein zu können. Aber immerhin wird ihm auch nachgesagt, er sei das, was in der Arbeitswelt als “problemlösungsorientiert” bezeichnet wird, und so ist es dem Menschen möglich, Probleme zu lösen. Das tut er allerdings nicht dadurch, dass er sie ignoriert oder schönredet und erst recht nicht, in dem er sie größer macht, als sie sind. Es wäre also begrüßenswert, wenn sich die aktuelle Debatte endlich von zu viel Emotionen, Populismus und Sturheit freimachen könnte und Offenheit, Humanismus, Realismus und die Fähigkeit, zu differenzieren, Einzug hielten würden.

Was definiert unsere Kultur?

Da momentan häufig von der deutschen oder europäischen Kultur, unserer Identität und unseren Werten die Rede ist, ist es interessant, einmal auf uns selbst zu schauen und sich zu fragen, was genau eigentlich diese Werte und diese Kultur sind, die nun so bedroht sein sollen, und wie jeder einzelne selbst dazu steht. Gesellschaftliche Grundwerte, demokratische Haltung, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Menschlichkeit und so weiter sind erhabene Begriffe, die jedoch seit einiger Zeit mehrheitlich als Floskeln in Talk-Shows und zu Parolen auf Bannern und Facebook verkommen, aber nicht mit Leben gefühlt werden. Jeder – auch vermeintliche – Angriff auf diese Werte führt inzwischen zu einem automatischen Bekenntnis zu ihnen, was wie im Fall Charlie Hebdo jedoch schnell widerrufen oder eingeschränkt werden kann – und so sind unsere Werte leider oft nicht mehr als ein im Zeitgeist liegendes Lippenbekenntnis. Immerhin wohnt der momentanen Situation die Chance inne, sich der Bedeutung dieser Werte wieder bewusst zu werden, falls sie einem aus den Augen geraten sein sollten.

Die Kultur der anderen

Noch wichtiger als der Blick auf sich selbst, kann aber der Blick auf die anderen sein. Statt negative und positive Vorurteile und Erwartungen auf Flüchtlinge zu projizieren und das Individuum gänzlich der anonymen Masse unterzuordnen, führt die Auseinandersetzung und das Beschäftigen mit ihnen dazu, ein umfassenderes, realistischeres Bild von ihnen zu bekommen. Denn nicht nur wir haben Kultur, Vorstellungen und Werte. Aus was für einer Kultur kommen die Menschen? Welche Werte sind ihnen wichtig? Wo gibt es Überschneidungen, wo Unterschiede? Was bei der Diskussion um Kultur, die es zu verteidigen und zu bewahren gilt, manchmal vergessen wird, ist erstens, dass sie dafür gelebt und bewusst gemacht werden muss. Und zweitens, dass eine Kultur nicht schon seit Beginn besteht und damit unabänderlich ist, sondern sich wandelt. Das muss nicht immer gut sein, siehe die momentane Beschallung mit Helene Fischer und dem Til-Schweiger-Tatort. Aber Kultur kann vieles bewirken, wie beispielsweise der Rock’n'Roll und meisterlich erzählte Serien zeigen.

Impressionen fremder Kulturen

Das Aufeinandertreffen von Kulturen kann Konfliktpotenzial bergen, meistens tut es das. Aber es kann sich ebenfalls bereichernd auswirken, für jede der Kulturen. In beiden Fällen ist der Dialog eine gute Form, ob um Spannungen und Gegensätze aufzulösen oder den häufig zitierten Blick über den Tellerrand zu wagen und gegebenenfalls seinen geistigen Reichtum zu mehren. Dafür gibt es derzeit die Veranstaltungsreihe “Der Reichtum der Fremden”, die vorhandene Mauern einreißen und zumindest einen Eindruck der vielfältigen, fremden Kulturen geben soll und am heutigen Abend im Indiego Glocksee unter dem Motto “Frauen, die ihre Heimat verlassen. Eine poetische Spurensuche” steht. Zusammen mit Martin Kunze führen Rosa und Hanna Legatis durch die Veranstaltung, bei der sie unter anderem Gedichte und Geschichten von Tahere Asghary, Hilde Domin, Semiya Simsek, Nida Khoury und anderen Schriftstellerinnen präsentieren werden.

Dienstag, 16. Februar 2016:
“Der Reichtum der Fremden. Frauen, die ihre Heimat verlassen. Eine poetische Spurensuche”, Indiego Glocksee, Glockseestr. 35, 30169 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto)

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Kategorien: Literatur, Politik, Tagestipps

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