Susanne Viktoria Haupt
1. März 2016

“Gleichheit, Freiheit und Menschlichkeit, nach innen und nach außen”

Seine pointierten Fernseh-Berichte verbreiten sich stets wie ein Lauffeuer. langeleine.de sprach mit Michel Abdollahi über die Zustände in Sachsen, Rassismus und die Flüchtlings-Debatte

Sorgt mit seinen Beiträgen immer wieder für Aufsehen und Diskussionen: der Conférencier, Journalist und Künstler Michel Abdollahi

langeleine.de: Herr Abdollahi, im Januar wurden Sie für Ihre persönliche Leistung mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Dazu gratulieren wir Ihnen herzlich. Besonders die Dokumentation über Ihren Aufenthalt in Jamel und ihre Straßenberichte für das Kulturjournal des NDR erfreuen sich großer Beliebtheit. Häufig thematisieren Sie dabei die aktuelle Stimmung und Meinung gegenüber Flüchtlingen und treten in den direkten Dialog mit Passanten. Welche signifikanten Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Michel Abdollahi: Nun, ich würde auch gerne andere Themen behandeln, als mich ständig mit Vorurteilen, Ausgrenzung und Hass zu beschäftigen, aber momentan stehen diese Themen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, und ich denke, dass man meine Arbeit als Aufklärungsarbeit sehen sollte. Offenbar ist das zurzeit ja wichtiger denn je, bei all den vermeintlich ahnungslosen Menschen. Die Erfahrungen kann man in einem Satz zusammenfassen: Spricht man mit den Menschen, verschwinden auch häufig die Vorurteile. Zumindest für den Moment. Wir wollen zum Nachdenken anregen und zu einer offenen, fairen Diskussion, damit der kleine, aber besonders laut pöbelnde Rand nicht mehr Zuwachs bekommt.

ll: Stichwort Clausnitz und Bautzen. Vor allem in Ostdeutschland spitzt sich die Lage derzeit immer weiter zu. Es wird dabei häufig von der Entwicklung einer “Parallelgesellschaft” gesprochen, gar von einem “ostdeutschen Problem”. Sie waren vier Wochen in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch in Köln kochen seit Silvester die Gemüter hoch und selbst in anderen Großstädten, darunter Hannover, haben sich mittlerweile “Bürgerwehren” gebildet. Wie betrachten und beurteilen Sie diese Entwicklung?

Abdollahi: Natürlich ist das Problem der Parallelgesellschaft kein ostdeutsches Problem. Rassismus gibt es überall. Leider mussten wir in den vergangenen Monaten erleben, dass insbesondere Ostdeutschland seine hässliche Fratze zeigt. Über diese sogenannten Bürgerwehren brauchen wir uns nicht zu unterhalten, die selbsternannten besorgten Bürger und Spaziergänger sind Rassisten und Feinde unserer demokratischen Ordnung. Genauso wie die meisten westdeutschen Pegida-Ableger ein Tummelbecken für Gewalttäter und Neonazis sind. Da brauche ich auch keine Studien darüber, dass bei Pegida in Dresden mehrheitlich die gut gebildete Mittelschicht mitläuft. Die einzige Erkenntnis für mich ist: Geld und Bildung schützen auch nicht vor Hass. Ostdeutschland wurde einfach vergessen, leider. Diese Menschen sind schlicht schlecht integriert. Und ja, natürlich, es gibt auch viele Migranten die sich partout weigern, sich zu integrieren, auch das ist ein großes Problem und muss immer wieder angesprochen werden, damit wir dafür eine Lösung finden. Aber die laufen nicht herum und stecken Häuser in Brand. Sie werfen auch keine Handgranaten auf Flüchtlingsheime und greifen auch keine Politiker mit Messern an.

“Viele sind frustriert, enttäuscht, fühlen sich alleine gelassen, belogen und betrogen”

ll: Pegida galt in seinen Anfängen als eine Bewegung, die zwar innerhalb der Presse in der Kritik stand, der jedoch nicht unbedingt viel Bedeutung beigemessen wurde. Dennoch haben sich auch außerhalb von Dresden relativ schnell ähnliche Gruppen formiert. Sie wurde unter anderem auch zum Nährboden für Parteien wie der AfD. Wurde die Gefahr schlicht und ergreifend unterschätzt und/oder was hätte man präventiv machen müssen?

Abdollahi: Wir dürfen nicht vergessen, dass der Westen sich Ostdeutschland einfach einverleibt hat. Alles war schlecht, alles war doof und falsch. Lebt jetzt so wie wir, hier habt Ihr 100 Mark, kauft Bananen und seid glücklich. Rückblickend fatal, aber wer hätte das kommen sehen können? Häufig muss es erst knallen, damit alle aufwachen. Es ist natürlich verlockend, in dieser Entwicklung eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft und eine diffuse, unüberschaubare Gefahr zu sehen, die wir nicht kontrollieren können, aber so ist es nicht. Wenn man sich auf der Straße mit den Menschen unterhält, dann sind Hass, Vorurteile und Gewaltbereitschaft, wie wir sie tagtäglich in den sozialen Medien beobachten, oft sehr weit weg. Das ist erfreulich. Zudem scheint die Bevölkerung mehrheitlich hinter Frau Merkels Kurs zu stehen. Nur sind die anderen meist lauter. Die Anhänger und Wähler dieser neuen Hetzer sind nicht dumm. Ein Teil davon zumindest nicht. Viele sind frustriert, enttäuscht, fühlen sich alleine gelassen, belogen und betrogen. Vom Establishment und von den etablierten Parteien. Das kann man naiv finden oder auch eben dumm, auf jeden Fall aber ist das ein Grund, sich zu fragen, warum es diesen Menschen so geht und was schief gelaufen ist, dass sich so viel Frust angestaut hat. Die wirklich Bösen sind aber die, die versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Warum sieht sonst AfD-Vize Gauland die Flüchtlingskrise als Geschenk? Der Protest sollte sich gegen diese Rattenfänger und Stimmungsmacher richten, nicht gegen die vielen Ahnungslosen, die ihnen ins Netz gehen.

Macht sich vor Ort ein Bild: Michel Abdollahi auf einer rechten Demonstration

ll: Die AfD hat sehr schnell starken Zulauf erfahren. Andere Parteien meiden jeglichen Dialog ihr. In einem Ihrer Beiträge sind Sie jedoch direkt an einige Mitglieder der Partei herangetreten. Wie sähe für Sie der bestmögliche Umgang mit der AfD aus? Sehen Sie sie als akute Gefahr oder als etwas, das möglicherweise nicht einmal auf kommunaler Ebene dauerhaft Bestand haben könnte?

Abdollahi: Wir müssen uns momentan damit abfinden, dass die AfD zu einem Bestandteil der Parteien-Landschaft geworden ist. Sie wird in mehreren Landtagen vertreten und zumindest für die nächste Legislatur-Periode in der Opposition sichtbar sein. Die AfD ist eine tief gespaltene Partei, ein Tummelbecken für Aussteiger, Rechtsradikale und Hetzer, aber genauso auch für Frustrierte und Menschen, die mit den etablierten Parteien nichts mehr anfangen können. Daran sind nicht die Menschen schuld, sondern die Politik. Nur darf eines nicht vergessen werden: Politik ist nicht nur Meinung und Standpunkt, sondern harte Arbeit. Das werden die künftigen AfD-Parlamentarier selbst erleben und danach ist die Ernüchterung meist sehr groß. Ich bin immer für den Dialog, auch mit der AfD, denn das entlarvt sie immer noch am besten. Wir sind in Deutschland viele Jahre ohne eine salonfähige rechte Partei gut gefahren, weil die CDU/CSU auch dieses Klientel bediente. Jetzt haben wir eine Partei, die an der Grenze auf wehrlose Flüchtlinge schießen will, und viele sind schockiert. Schaut man sich die Front National in Frankreich an, sieht man, dass wir bisher einfach Glück hatten. Politik besteht aus Inhalten, die AfD aber hat keine Inhalte, wie man es auch in unserem Beitrag sehen konnte. Sie möchten in Hamburg in der Kulturpolitik mitmischen, um angebliche linke Bands auf dem Dockville-Festival zu verbieten, das Wort Kultur taucht aber in ihrem Programm in keiner Stelle auf. Von außen pöbeln kann jeder, erst wenn sie selbst Verantwortung übernehmen muss, wird die AfD die Realität einholen. Mit Stammtisch-Themen lässt sich nun mal kein Land regieren.

ll: Mit Ihrer Aktion “Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?” erlangten Sie internationale Bekanntheit. Haben Sie das Gefühl, dass die Bürger mehr Aufklärung benötigen und man möglichem Rassismus auch vorbeugen und ihn bekämpfen kann? Oder ist bei Personen wie denen, die in Clausnitz den Bus belagerten, einfach Hopfen und Malz verloren?

Abdollahi: Ich habe es aufgegeben, zu beurteilen, ob Aufklärung hilft oder nicht. Ich mache es einfach. Früher habe ich immer auf schwarz gesetzt, mal gewonnen und mal verloren. Heute setze ich auch noch auf rot. Verdoppeln kann man so nicht, aber immerhin gewinnt eine Farbe ganz sicher. Und das ist mir gerade lieber, als Statistiken auszuwerten. Das Spiel kann ich so zumindest mit meinem Einsatz beliebig lange fortführen – und wer weiß, vielleicht ist eine der beiden Farben ja die richtige. Aufgeben ist jedenfalls nie eine Lösung.

“Das ist auch schon der Denkfehler: Es gibt nicht den Islam”

ll: Die Angst vor dem Islam scheint in einigen Teilen der Gesellschaft unfassbar groß zu sein. Er wird oftmals gleichgesetzt mit Terrorismus, mit den Attentaten in Beirut und Paris und auch mit Frauenfeindlichkeit. Auch in Ihren Berichten hört man vereinzelt Forderungen, dass sich Muslime von Gewalt und Terrorismus öffentlich distanzieren sollen. Wie sinnvoll erscheint Ihnen diese Forderung und würde die Umsetzung wirklich etwas an der Angst ändern können?

Abdollahi: Ich habe schon mal gesagt, dass ich mich gerne von etwas, wofür ich nicht verantwortlich bin, distanziere, wenn das Oma Trude in Sachsen hilft, besser zu schlafen. Nur ist das meine ganz persönliche Einstellung, das kann ich nicht von allen verlangen. Wie soll ich jemanden glaubhaft davon überzeugen, dass es wichtig ist, sich von etwas zu distanzieren, womit man rein gar nichts zu tun hat? Natürlich vermittelt der Islam gerade ein teilweise erschreckendes und bedrohliches Bild. Aber das ist auch schon der Denkfehler: Es gibt nicht den Islam. Wir reden von anderthalb Milliarden Menschen, wovon sich Gott weiß wie viele überhaupt als gläubig bezeichnen. Dazu kommen mehrere dutzend Regierungen, die ihr Land mal so und mal so führen. Ich werde langsam müde, das zu wiederholen, aber Terror geht nicht vom abstrakten Gerüst der Religion aus, sondern von Menschen und Regierungen, die die Religion dafür missbrauchen. Ich bin Moslem und verspüre überhaupt keinen Drang, irgendwo eine Moschee zu bauen, Frauen zu verschleiern oder mich in die Luft zu sprengen. Wenn der Islam angeblich so gefährlich ist, warum sind dann nicht alle so? Und wir reden hier nicht nur von mir, sondern von Abermillionen völlig friedlich Lebenden Menschen in aller Welt. Die Taten der Terroristen und des sogenannten IS werden momentan als Feinbild genutzt, weil sie greifbar sind. Zusammengefasst ist das vereinfacht schlicht “der Islam”. Das ist einfach und wird überall verstanden. Wenn sie durch eine Pegida-Veranstaltung – wahlweise auch AfD-Demo laufen -, werden den Moslems auch gleich noch Eigenschaften verliehen: Sie klauen, bringen Krankheiten mit und wollen die Welt mit ihrem Glauben unterjochen. Das einzige was fehlt, ist der Ruf nach einer Kennzeichnungspflicht. Aber der kommt auch noch, ganz sicher. Nur dürfen wir dabei nicht vergessen, dass wir hier immer wieder die Rechten und die Rechtspopulisten zeigen und glauben, so sind mittlerweile alle. Das stimmt nicht. Ich habe auf der Straße nur wenige negative Erfahrungen diesbezüglich gemacht und dann auch nur bei Menschen, die generell ominös wirkten. In meinem privaten und beruflichen Umfeld gibt es nahezu keine. Die Stimmung ist gar nicht so schlimm wie angenommen. Zumindest nicht überall. Da sind ein paar Leute nur gerade sehr laut, besonders in Sachsen, während der Ministerpräsident beharrlich schweigt.

Im direkten Dialog sind Vorurteile manchmal gar nicht mehr so groß: Abdollahi bei einem seiner Straßenberichte

ll: Sie sind als kleines Kind mit Ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Zudem engagieren Sie sich im Rahmen des Vereins “Zweikampfverhalten e.V.”, der sich zwar nicht nur ausschließlich, aber vor allem an Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund richtet. Welche Voraussetzungen braucht Ihrer Meinung nach eine funktionierende Integration?

Abdollahi: Ein Pauschalrezept gibt es nicht und da ist auch der nächste Denkfehler: Integration funktioniert nicht nach Schema F. Die Attentäter von Paris waren Franzosen, die auf eine christliche Schule gingen. Viele der selbsternannten Dschihadisten haben eine ausgezeichnete Bildung in der westlichen Welt genossen und sind dann doch radikal geworden. Ich denke nicht, dass sich so etwas je verhindern lässt. Allerdings können wir anfangen, neben völlig klaren Dingen wie dem Erlernen von Sprache, Anreize und Perspektiven für die Zukunft zu bieten, damit es auch lohnt, sich zu integrieren. Sie gehen doch auch nicht arbeiten, wenn es am Ende nichts dafür gibt. Wir bieten unseren Kindern Anreize für die Zukunft. Wir zeigen ihnen, dass es sich lohnt, Einsatz zu zeigen, in der Schule erfolgreich zu sein, einen anständigen Lebensweg einzuschlagen, damit man sich später mal das Leben leisten kann, was man gerne hätte, statt von Hartz IV zu leben. Diese Aufklärungsarbeit ist mühselig und von Fall zu Fall verschieden, aber Integration bei Integrationsunwilligen ist nun mal Einzelfall-Sache, und da muss nach persönlichen Ursachen gesucht werden. Das ist hart, zeitaufwändig und teuer. Die Millionen, die sich nahtlos integriert haben, sieht allerdings oft niemand. Da gab es nämlich keine Probleme, da waren Familie, soziales Umfeld und Verstand in Takt. Und bei einigen Dingen müssen wir realistisch sein: Die syrische Mutti mit vier Kindern ist auch einfach irgendwann nicht mehr in der Lage, sich über die Sprache zu integrieren und die deutsche Kultur anzunehmen. Das müssen wir hinnehmen. Solange wir uns bemühen, dass sich ihre Kinder integrieren. Sie muss ja nicht Sauerkraut essen und frei aus dem Werther zitieren können. Aber sie muss ihren Kindern beibringen können, dass es von Vorteil ist, ein integerer und nützlicher Teil unserer Gesellschaft zu werden. Das funktioniert nur durch das Annehmen und Verstehen unserer Werte. Bete weiter nach Mekka, aber verstehe und akzeptiere das Grundgesetz. Wenn dir das nicht passt, dann tschüß. Parallelgesellschaften braucht niemand.

“Niemand hat ein Recht darauf, dass seine Meinung veröffentlicht oder publiziert wird – und schon gar nicht in einem bestimmten Medium”

ll: In einem Ihrer Berichte für das Kulturjournal haben Sie Menschen befragt, was für sie zu Deutschland gehört. Auch einen Ratgeber für Flüchtlinge haben Sie überprüft. Wie definiert sich Ihrer Meinung nach die deutsche Kultur, und warum besteht die Angst davor, dass sie vom Islam verdrängt werden könnte?

Abdollahi: Kultur kann man nicht definieren. Das hat unser kleines Spiel wieder gezeigt. Zudem hat sich im 21. Jahrhundert der nationale Kulturbegriff extrem geweitet. Ich empfinde das als eine Bereicherung. Abgesehen davon gibt es keinerlei Hinweise, dass die “deutsche Kultur vom Islam verdrängt wird”. Das ist Blödsinn. Und die Angst davor genauso.

ll: Der Umgangston in den sozialen Medien ist erschreckend. Unter Beiträgen von Medien und öffentlichen Personen tummeln sich menschenverachtende Aussagen und Beleidigungen. Auf Hass-Kommentare reagieren viele ebenfalls mit Hass. Die Diskussionen sind selten zielführend. Löschungen werden als Zensur bezeichnet. Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit für einen adäquaten Umgang mit ihnen?

Abdollahi: Ach ja, die Meinungsfreiheit und die Zensur. In Deutschland kann jeder zwar frei seine Meinung äußern und verbreiten, solange man nicht gegen Gesetze verstößt – das garantiert uns Artikel 5 des Grundgesetzes. Niemand hat allerdings anders herum ein Recht darauf, dass seine Meinung veröffentlicht oder publiziert wird und schon gar nicht in einem bestimmten Medium. Jede Redaktion entscheidet frei, ob sie Kommentare veröffentlicht, löscht oder erst gar nicht zulässt. Die Diskussionen zu diesem Thema sind sehr aufgeladen und eine Lösung habe ich auch nicht parat, nur die Hoffnung, dass sich das Internet selbst heilt. So unbefriedigend das Argument auch ist, aber das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten sind noch neu und wir werden den Umgang damit lernen müssen. Sozial, emotional und vor dem Gesetz.

Intensive Berichterstattung: 2015 verbrachte Michel Abdollahi vier Wochen im “Nazi-Dorf” Jamel in Mecklenburg-Vorpommern

ll: Die Medien sind für einige zum Synonym für Lügen und staatlich finanzierte Berichterstattung geworden. Nicht selten liest und hört man Ausdrücke wie “Lügenpresse”. In einem Ihrer Beiträge für den NDR wurde der Sender von Befragten als “Lügenfunk” bezeichnet. Wie sehen Sie die Position der Medien bezüglich der derzeitigen Debatten und welche Schwierigkeiten können Sie durch diese Entwicklung beobachten?

Abdollahi: Auf einer Veranstaltung der ach so liberalen und weltoffenen AfD ist uns das Wort “Lügenfunk” gegenüber so oft gefallen, wie im ganzen Jahr nicht. Aber die AfD wird von uns ja auch immer als böse böse Partei dargestellt, die völlig missverstanden wird. Sie will doch nur das Beste für Deutschland. Raus mit den Ausländern und dafür die deutsche Kultur stärken. Oder wollte das die NPD? Ich kriege das immer durcheinander. Sollen die Leute rufen, was Sie wollen, wir machen weiter. Ich für meinen Teil kann ihnen versichern, dass wir alles so abbilden, wie es ist. So viel Phantasie kann man gar nicht haben, um sich den Unsinn, den manche Menschen in mein Mikrofon erzählen, auszudenken.

ll: Der Slogan “Aufstand der Anständigen” geht zurück auf Gerhard Schröder und den Brandanschlag auf die Synagoge in Düsseldorf im Oktober 2000. Seit letztem Jahr wurde dieser Apell wieder mehrfach ausgerufen. Zwar positionieren sich viele öffentliche Personen und Politiker ganz klar gegen rassistische Gewalt und Hetze, aber die Täter und Gleichgesinnte bleiben immer noch unbeeindruckt. Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, damit wieder ein friedlicher Ruck durch die Gesellschaft geht?

Abdollahi: Ich empfinde unsere Gesellschaft als äußerst friedlich. Die Entwicklungen in Polen, Ungarn und der Schweiz machen mir viel mehr Sorgen. Die Flüchtlingssituation in den Griff zu bekommen, wird eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre werden, wenn nicht die Aufgabe unseres Jahrhunderts. Es ist ja nicht so, wie von den Rechten gerne dargestellt, dass diese Menschen sich einfach dachten: Ach hier in Aleppo gefällt es mir nicht mehr, ich ziehe jetzt nach Zwickau. Wir ernten jetzt die Früchte unserer rücksichtslosen Außenpolitik. Wer anderen Waffen verkauft, muss doch davon ausgehen, dass die auch eingesetzt werden. Dafür muss ich doch nicht Atomphysik studiert haben. Und wir haben viele Waffen verkauft! Nun sind die Leute, deren Häuser mit unseren Waffen kaputt gemacht worden sind, damit wir unseren Staat finanziert bekommen und in Frieden und Ruhe, stabil und sicher leben, auf dem Weg zu uns. Nicht, weil Zwickau so schön ist, sondern weil es bei uns im Gegensatz zu Aleppo ruhig und stabil ist. Es wird kein friedlicher Ruck durch diejenigen gehen, die das nicht verstehen, und leider werden sie es wohl auch nie. Wir müssen nur dafür Sorge tragen, dass die Anständigen immer in der Mehrheit bleiben und am längeren Hebel sitzen, damit wir weiterhin unsere Werte verteidigen könne: Gleichheit, Freiheit und Menschlichkeit, nach innen und nach außen. Dafür müssen wir kämpfen.

(Fotos: Pressefotos/NDR)

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Kategorien: Menschen, Politik

Ein Kommentar

  1. Britta Hinrichsen sagt:

    Ich bin ein sehr großer Fan (wenn man das so nennen kann) von Herrn Abdollahi und finde es bemerkenswert, wie er mit Wörten und überhaupt mit Sprache umgeht!
    Er ist sehr klar in seinen Äußerungen und auch, wie er mit sogenannten “Spielchen auf der Straße” die Menschen zum Nachdenken anregt bzw. oftmals auch “entlarft”… Seine Berichte und Filmbeiträge sind immer wieder ein Vergnügen für mich und damit meine ich nicht, dass ich mich darüber lustig mache, sondern es ist einfach sehr interessant, wie er mit den Menschen ganz offen umgeht! Vielen Dank auf diesem Wege, dass es so jemanden wie ihn gibt…

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