Susanne Viktoria Haupt
7. März 2016

„And here’s to you, Mrs. Robinson“

Seitenansicht: „Im Lichte der Vergangenheit“ von John Banville

Das gute alte Spiel mit dem Feuer: „Im Lichte der Vergangenheit“ von John Banville, Buchcover

1967 brach Mike Nichols mit „Die Reifeprüfung“ ein starkes Tabu: Erstmalig und völlig vorurteilsfrei stellte er die romantische Beziehung zwischen einer verheirateten Frau und ihrem jüngeren Liebhaber dar. Selbst heutzutage ist es immer noch „normaler“, wenn ein Mann sich eine jüngere Frau sucht als andersherum. Beziehungen wie die zwischen der 49-jährigen Regisseurin Sam Taylor-Wood und dem 26-jährigen Schauspieler Aaron Taylor-Johnson werden belächelt. Obgleich diese Beziehung mittlerweile zur Eheschließung und zwei Kindern geführt hat. Seit dem Kassenschlager „American Pie“ aus dem Jahr 1999 hat die Welt vor allem für attraktive Frauen, die schon oder dennoch Kinder haben, einen ganz bestimmten diskreditierenden Ausdruck: „Milf“. Näher möchte ich an dieser Stelle darauf nicht eingehen. Verbindungen zwischen zwei Menschen mit einem großen Altersunterschied können etwas sehr Verruchtes, Erotisierendes haben, aber auch an der Grenze zum Ekel stehen. Je nachdem, wer der Rezipient des Ganzen ist.

In John Banvilles sechzehntem Roman „Im Lichte der Vergangenheit“ trifft der Leser auf den Schauspieler Alex Cleave. Banville-Lesern kommt der Name sofort bekannt vor, trafen wir doch schon in dem Roman „Sonnenfinsternis“ auf ihn. In dieser Geschichte jedoch erinnert sich Cleave zurück. Ursprung von allem sind seine Lebensumstände. Er ist zwar verheiratet – seitdem sich seine Tochter in Italien allerdings das Leben nahm, ist sein kleines Familienglück zerbrochen. Vor allem leidet seine Frau stark unter dem Verlust und unzähligen Schuldgefühlen, die bisweilen sogar zu Halluzinationen führen. Cleave zieht sich in seine Vergangenheit zurück und lässt jenen Sommer Revue passieren, als er 15 Jahre alt war und noch so unschuldig. Allerdings nicht unschuldig genug, um sich von der Mutter seines damaligen besten Freundes Ben angezogen zu führen. Die ungefähr 20 Jahre ältere Frau weckte ungeahnte Sehnsüchte in dem Teenager. Aber nicht nur Cleave spürte die Chemie, sondern auch Mrs. Gray kürte den Heranwachsenden zum Lustknaben. Beide verstrickten sich in einer unheilvollen Liason, die damit endete, dass sie aufflog und die Familie Gray in einer Nacht- und Nebel-Aktion das kleine Dorf im erzkatholischen Irland verlassen musste.

Wie ein Wink des Schicksals ist das, was nun passiert: Alex Cleave bekommt ein Rollenangebot für einen Film. Völlig überrascht, da er bisher immer nur auf Theaterbühnen gestanden hat, sagt er zu. Cleave soll die Rolle des Literaturkritikers Axel Vander spielen. Aber nicht nur Axel Vander spielt eine ungeahnte Rolle in der Vergangenheit von Cleave, sondern viel mehr: Der Film dreht sich um eine ähnliche Konstellation wie in Cleaves Leben, wobei es jedoch Vander ist, der eine deutlich jüngere Geliebte hat. Alex Cleave wird viel mehr aufarbeiten müssen, als er sich ursprünglich vorgenommen hatte…

Der irische Autor John Banville hat sein großes Talent schon mehrfach und ausreichend unter Beweis gestellt. Für „Die See“ wurde er 2005 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Unter dem Pseudonym Benjamin Black veröffentlichte er Kriminalromane und vor allem diese Nuance ist auch in seinen anderen Werken stets zu spüren. „Im Lichte der Vergangenheit“ ist ein dichter, erotischer Roman, der zwar ab und an mit zu vielen Details und Beschreibungen die Geduld der Leser strapaziert, aber sich aber dennoch in einem klassisch hohen Niveau-Bereich positioniern kann.

John Banville: „Im Lichte der Vergangenheit“, Roman, 336 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462045956, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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