Susanne Viktoria Haupt
21. März 2016

Heimat und Liebe

Seitenansicht: „Brooklyn“ von Colm Tóibín

Weit weg von zu Hause: Protagonistin Eilis Lacey in Colm Tóibíns Roman „Brooklyn“, Buchcover

Heimat – ein Begriff der stets subjektiv definiert wird. Für die einen ist es der Ort, an dem sie geboren wurden oder aufgewachsen sind. Für die zweiten vielleicht ein Ort, mit dem sie schöne und glückliche Momente verbinden können. Für manch andere wiederum spielt Heimat so gut wie gar keine Rolle. Sie leben ganz bewusst ohne Wurzeln und können sich überall beheimatet fühlen. Auch sind die Gründe, einen Ort oder ein Land als Heimat anzugeben, durchaus unterschiedlich geprägt. Manche nennen Kultur, andere wiederum bloße Erinnerungen. Aber Heimat ist immer zu einem großen Stück auch mit Liebe verbunden. Vielleicht aus wahrer Heimatliebe, vielleicht aber auch, weil etwas zur Heimat wird, weil dort der Mensch ist, den man liebt.

Um Heimat und Liebe geht es auch in „Brooklyn“, dem Roman des irischen Schriftstellers Colm Tóibín. EIm Mittelpunkt steht Eilis. Sie ist Anfang Zwanzig und lebt in den 1950er-Jahren im ländlichen und katholisch geprägten Irland. Ihr Vater ist schon vor einigen Jahren verstorben, ihre Brüder sind nach England gegangen, um besser Geld verdienen zu können. Einzig ihre große Schwester Rose und sie sind bei der Mutter geblieben. Rose ist mittlerweile 30 Jahre alt und gilt damit fast nicht mehr als heiratsfähig. Obwohl sie eine eher extrovertierte Persönlichkeit besitzt und leicht Kontakte schließen kann, bleibt sie lieber bei der Mutter, um sich zu kümmern. Eilis hingegen ist innerlich noch sehr jung, ziemlich schüchtern und hat beruflich auch noch kein Bein auf den Boden bekommen. Tapfer absolviert sie ihre Buchhalter-Kurse und ergattert einen kleinen Job in einem Lebensmittelgeschäft. Irgendwann, so hat sie es vor, möchte sie ihren Brüdern nach England folgen, um bessere Aussichten auf Arbeit zu haben. Für den Moment jedoch ist sie zufrieden.

Rose hat allerdings ganz andere Pläne mit ihrer kleinen Schwester. Sie soll es besser haben, eine Chance auf Erfolg, auf ein besseres Leben bekommen. Gemeinsam mit Father Flood, einem irischen Pastor, der in New York lebt, möchte sie ihre Schwester in den USA unterbringen. Eilis wird von diesem Vorhaben zwar überrumpelt, doch dann stimmt sie zu und begibt sich auf die Reise in die Ferne. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sich in fremder Umgebung einzugewöhnen, lernt sie den jungen Tony kennen und lieben. Die plötzliche Nachricht vom Tod ihrer Schwester Rose reißt die frischen Wurzeln in Brooklyn allerdings schnell wieder heraus, und treibt Eilis zurück nach Irland. Hin und her gerissen zwischen zwei Leben, Vergangenheit und Zukunft, alter Heimat und neuem Zuhause, beginnt für Eilis ein neues, wichtiges Kapitel in ihrem jungen Leben…

„Brooklyn“ wurde von der Presse vielfach gelobt. Dennoch tat sich der eine oder andere Kritiker schwer mit Tóibíns kühlem Erzählton und seiner doch sehr minimalistischen Darstellung von Eilis Gefühlswelt. Eilis ist eine junge Frau, die sich wenig Gedanken um ihre Zukunft gemacht hatte, da ihr diese stets klar erschien. Sie würde arbeiten, heiraten und Kinder bekommen. Entweder in Irland oder England. Ihre Ambitionen reichten gerade einmal für Buchhalter-Seminare, da diese die Grundlage für einen soliden Arbeitsplatz schaffen sollten. Ihr Kosmos in Irland beschränkte sich auf ihre Freundinnen, deren Liebesleben und alltäglichen Kleinigkeiten. Aus Eilins Sicht hatte Rose mehr Potential, etwas im Leben zu erreichen. Die Protagonistin bleibt geprägt vom gesellschaftlichen Klima der 1950er-Jahre, die im ländlichen Irland noch rückschrittlicher waren als anderswo, und der Verantwortung, die Eilin gegenüber ihrer Familie und insbesondere ihrer Mutter gegenüber verspürt. Und so durchblickt der aufmerksame Leser das oft als „kühl“ empfundene Verhalten der jungen Frau bald als notwendiger Selbstschutz. Denn es ist gar keine Schlichtheit oder emotionale Kühle, die aus Eilis‘ Verhalten spricht, sondern die Überforderung mit der Wucht an Ereignissen. Ereignisse, die sie weit weg von dem klaren Weg gebracht haben, der ihr seit vorbestimmt zu sein schien.

Mit „Brooklyn“ hat Colm Tóibín einen Roman geschrieben, der sehr gekonnt mit den Themen Heimat und Liebe spielt. Gleichermaßen vermittelt die Geschichte ihren Lesern, dass sie zu mehr berufen ist, als nur in Papierform zu verharren. Und so wurde die Story unter der Regie von John Crowley und nach einem Drehbuch von Nick Hornby dann auch 2015 verfilmt. Keinen Film aus diesem Buch zu machen, wäre ein Fehler gewesen. Die Nebenfiguren sind klar, reichhaltig und intensiv gezeichnet. Eilis in ihrer nüchternen Art wirkt wie eine Guckloch, durch das man die Welt um sie herum wahrnehmen kann. Schnell gelingt es beim Lesen, in eine vergangene Zeit einzutauchen. Um sich dabei klarzumachen, dass das Thema „Wirtschaftsflüchtlinge“ beileibe nicht neu ist und auch von Europa ausgehen kann. In den USA leben hunderttausende Iren, die einst mit vielen Visionen und der Hoffnung auf Arbeit übersiedelten. Die ihre Heimat verließen, um in der Ferne eine neue, vielleicht bessere zu finden.

Com Tóibín: „Brooklyn“, Roman, 304 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN-13: 978-3-423-08649-3, 9,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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