Susanne Viktoria Haupt
28. März 2016

„Make good Art“

Seitenansichten Spezial: Neil Gaiman

Mutig und unerschrocken: der britische Autor Neil Gaiman

Mit der Graphic Novel-Reihe „The Sandman“ hatte er seinen Durchbruch. Romane wie „Stardust“ und „Coraline“ wurden erfolgreich verfilmt. Er erhielt den Bram Stroker Award, den Hugo Award, den Nebula Award, den British Fantasy Award und viele weitere. Einige davon sogar mehrfach. Die Rede ist vom britischen Schriftsteller Neil Gaiman. 1960 in England geboren, begriff Gaiman sich selbst stets als Außenseiter. Erst kürzlich nahm er für die Organisation „Bystander Revolution“, die sich gegen Mobbing richtet, ein Video auf, in dem er berichtete, dass er als Kind durch seine Tagträumereien, seine Andersartigkeit und Unsportlichkeit einfach immer ein Außenseiter gewesen sei. Während ihn damals keiner im Sport-Team haben wollte, reißen sich seine Fans heutzutage um jeden Fetzen von ihm. Der letzte Jahr verstorbene, weltweit erfolgreiche Autor Terry Pratchett war ein großer Freund des Briten. Keine Frage: Neil Gaiman ist zu einem starken Vorbild, Mentor und Star der Fantasy-Literatur-Szene geworden. Zu seinen eigenen Vorbildern zählt er Größen wie Douglas Adams, der sich selbst mit „Per Anhalter durch die Galaxis“ ein Denkmal gesetzt hat.

Horrorgeschichten für Kinder

Menschen, die kein großes Faible für Fantasy-Literatur haben, haben einfach noch nichts von Neil Gaiman gelesen oder lehnen das Genre generell ab. Ein fataler Fehler, ist eine der Hauptaufgaben von Literatur doch auch die Aktivierung der Fantasie. Fantasy-Reihen wie J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“, J.K. Rowlings „Harry Potter“ und auch – ganz aktuell – George R.R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ erfreuen sich nicht nur starker Verkausfzahlen, sondern haben auch großen Erfolg: So haben es die ersten beiden auf die Top 100-Liste der BBC der wichtigsten Bücher geschafft. Neil Gaiman ist bekannt für seine oft horrorlastige Fantasy und spielt nur zu gerne mit den infantilen Ängsten seiner Leserinnen und Leser. In seinem Roman „Niemalsland“ beispielsweise muss Protagonist Richard Mayhew erkennen, dass nach einer Hilfsaktion seinerseits sein gesamtes Leben ausgelöscht zu sein scheint. In „Coraline“, einem Buch für Kinder, wird das gleichnamige Mädchen in eine Parallelwelt katapultiert, in der ihre Eltern durch fürchterliche, wenn auch menschliche Monster ersetzt worden sind. Im ebenfalls für Kinder geschriebenen Roman „Das Graveyard-Buch“ wohnt der kleine Junge Nobody auf einem Friedhof, von Geistern großgezogen, und muss sich mit durchaus lebendigen Bedrohungen auseinandersetzen. Nun mag man sich fragen, warum jemand solche Horrorgeschichten für Kinder schreibt. In einem Interview jedoch antwortete Gaiman auf diese Frage, dass man Kindern im Prinzip alles zumuten kann, wenn sie als Sieger aus der Geschichte gehen können. Diese Message kommt an und stärkt die jungen Leser. Erwachsene hingegen sehen sich ab und zu einfach noch einmal an ihre kindlichen Ängste erinnert. Und daran, dass diese wohl niemals so ganz verschwinden werden…

Immer Kunst machen

Aber Gaiman hat nicht nur mit seinen Horrorgeschichten für Kinder für Aufsehen gesorgt. In seiner seit den 1980er-Jahren veröffentlichten Graphic Novel-Reihe „The Sandman“ tauchten ganz natürlich Homosexuelle und Transgender auf. Vor allem Christen gingen auf die Barrikaden. Gaiman selbst begegnete dem vermeintlichen Skandal mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein und erweiterte so seine Fan-Gemeinde. Acht Jahre lang arbeitete er an den „Sandman“-Bänden. Mit seiner präzisen und größtenteils poetischen Wortwahl erlangte er auch Ansehen außerhalb der Fantasy-Kreise. In jedem Werk von ihm finden sich zahlreiche Passagen, die tagtäglich über die Social Media-Seiten verbreitet werden. Aber was macht einen Schriftsteller zu einem so großen Vorbild? Neil Gaiman wollte nie etwas anderes als Autor werden. Egal, ob für Romane, oder Comic-Bücher. Abbringen lies er sich von seinem Traum nie. Er hat nie eine Universität besucht und brachte sich das Schreiben autodidaktisch bei. Er hatte stets diesen einen Willen und seit Beginn seines Erfolgs lässt er andere angehende Autoren an seinen Weisheiten teilhaben. Er macht ihnen Mut, sich immer wieder unermüdlich an das Schreiben zu wagen und nicht voreilig aufzugeben. 2012 wurde er von der University of Arts als Redner für die Abschlussklasse eingeladen. Seine mittlerweile berühmte „Make good Art“-Rede ist in Form eines Youtube-Videos ein Dauerbrenner. Die klare Message, immer einfach Kunst zu machen und kreativ zu sein – egal was auch geschieht -, macht Mut und gibt Kraft.

Andere sensibilisieren

Doch Neil Gaiman ist nicht nur, was die Kunst angeht, mutig und unerschrocken. Auch in Sachen politisches Engagement ist sich der mittlerweile 55-jährige Schriftsteller für kein Statement zu schade. Egal, ob es darum geht, in seiner „Wahlheimat“ Amerika die Massen für die Wahlen zu erwärmen, und dabei ganz klar gegen die Republikaner einzustehen, oder aber um die Flüchtlingskrise, die durch den Syrien-Krieg entstand: Gaiman setzt sich ein. 2014 reiste er im Auftrag der UNHCR in eines der größten Flüchtlingslager nach Jordanien und machte sich vor Ort ein Bild, um seinen Aufenthalt in Form eines Videos zu teilen, um andere für das Thema zu sensibilisieren. Genau wie Schauspieler Benedict Cumberbatch unterstützt auch Gaiman die Kampagne „Help Refugees UK“, damit noch mehr Menschen eine Petition an den britischen Premier David Cameron unterschreiben, um den Flüchtlingen in Calais zu helfen. Neil Gaiman weiß, dass er seine Worte stets pointiert einsetzen kann und tut dieses gerne für gute Dinge.

Ein glaubhaftes Vorbild

Neil Gaiman setzt sich zudem für Leseförderung und den Erhalt von Bibliotheken ein. Wer sich ein wenig mit Gaimans Biographie auseinander gesetzt hat, weiß, dass Bibliotheken für ihn ein Ort der Träume waren. Diese Orte für die nachfolgenden Generationen zu erhalten, ist ihm wichtig. All dies, zusammen mit seinem Charisma, sorgte in den vergangenen Jahrzehnten für eine steile Karriere. Und ebenfalls dafür, dass einer seiner größten persönlichen Träume bereits zweifach erfüllt wurde: Gaiman durfte zwei Folgen für den Serien-Dauerhit „Doctor Who“ schreiben. Zudem ist er mit zwei Geschichten in der mittlerweile erweiterten Auflage der Anthologie „12 Doctors, 12 Stories“ vertreten. Man kann natürlich weiterhin die Nase über das literarische Genre „Fantasy“ rümpfen und glauben, dass uns allen mehr damit geholfen wäre, wenn wir uns der „hohen Literatur“ zuwenden, die ohne Monster, Parallelwelten und Horror auskommt. Wenn wir dies jedoch schon immer getan hätten, dann hätten wir viele wichtige Beiträge zur Welt-Literatur wie beispielsweise Bram Stokers „Dracula“ längst verloren. Und wir würden uns und den nachfolgenden Generationen ein wichtiges, engagiertes und glaubhaftes Vorbild rauben, dass ganz nebenbei einfach auch noch sprachlich ganz wunderbare und phantasievolle Romane schreibt. In Neil Gaimans Sinne: „Make good Art“.

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Manfred Werner/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel