Matthias Rohl
25. November 2008

Filmgeschichte(n): „Uhrwerk Orange“

„Erst einen Moloko, und dann was Ultra-Brutales“: Wie Stanley Kubrick den perfekten Film der 70er-Jahre erschuf

London, nahe Zukunft. Alexander DeLarge (Malcolm McDowell) blickt mit kaltem, feindselig-starren Blick direkt in die Kamera. Die künstlichen Wimpern seines rechten Auges werden von der Krempe eines schwarzen Bowlers überschattet. Zu den vom Mini-Moog-Synthesizer verzerrten Klängen von Purcells „Elegie auf den Tod von Queen Mary“ fährt die Kamera behutsam zurück und gibt den Blick frei auf ein Pop-Art-Interieur voller nackter Frauen-Statuen in osbzönen Posen, die als Möbelstücke dienen und aus deren Brüsten mit Drogen versetzte Milch fließt. Dann hebt der „Nadsat“-Slang des Ich-Erzählers an: „Das hier bin ich, Alex. Und meine drei Droogs, Pete, Georgie und Dim. Wir hockten in der Korova-Milchbar und überlegten uns, was wir mit diesem Abend anfangen sollten. In der Korova-Milchbar konnte man Milch-plus kriegen. Milch plus Vellocet oder Synthemesc oder Drencrom. Und das tranken wir. Das heizt einen an und ist genau richtig, wenn man Bock hat auf ein wenig ultra-brutale…“

Filmplakat “A Clockwork Orange”

Erschütternd brutale Zukunftsvision: Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“, Filmplakat

Verstörende Odyssee

So beginnt „Uhrwerk Orange“ (1971), nach „Dr. Seltsam oder: wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1963) und „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) das dritte Science-Fiction-Meisterwerk des wohl bedeutensten Regisseurs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Stanley Kubrick (1928-1999). Und bis heute hat dieser Film nichts von seiner verstörenden Strahlkraft eingebüßt. Was geschieht? Der „Künstler-Terrorist“ (Georg Seeßlen) und Beethoven-Fanatiker Alex und seine Droogs, treten erbarmungslos auf einen Obdachlosen ein, knüppeln in einem alten Casino eine rivalisierende, faschistoide Gang nieder, fahren mit Höchstgeschwindigkeit in einem geklauten Durango 95 durch die Nacht, überfallen einen Schriftsteller in seinem Haus, schlagen ihn zum Krüppel, vergewaltigen dessen Frau. In der folgenden Nacht zertrümmert Alex bei einem weiteren Überfall den Schädel der Fitness-Trainerin „Cat Lady“ mit einem riesigen Kunst-Phallus-Objekt, seine Droogs zerschmettern eine Milchflasche in seinem Gesicht und lassen ihn am Tatort zurück. Alex wird zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt und meldet sich nach zwei Jahren Haft zur „Ludovico-Therapie“, einem experimentellen Resozialisierungsprogramm, das ihn durch Gehirnwäsche zum angepassten Musterbürger umwandeln soll. Kubricks Regie verquickt all dies zu einer virtuosen, gleichwohl erschütternden Moritat über das moralische Problem der Vernichtung des freien Willens.

“A Clockwork Orange”, Szenenfoto

„Schau gut zu!“: Alex und seine Droogs

Satanische Perfektion

So kompromisslos die schockierenden Gewaltdarstellungen waren, so hitzig verliefen die Kritiker-Kontroversen. Erkannten die einen eine „Glorifizierung sadistischer Gewalt“ (Pauline Kael) oder gar „faschistische“ Tendenzen (Susan Sontag), zeigten sich andere entzückt und sahen eine „Kino-Satire von kaum vorstellbarer Perfektion und wahrhaft satanischer Bösartigkeit“ (Der Spiegel) sowie „ein äußerst ungewöhnliches – und verstörendes – Kinoerlebnis“ (The New York Times) oder „einen Film von solch souveräner technischer Brillanz“ (Der Tagesspiegel). Der Regisseur indess zeigte sich schon bald frustiert und verkannt und ließ die Aufführung seines Werks in Großbritannien ab 1974 zeitlebens verbieten. Dies war ihm möglich durch einen besonderen Vertrag mit Warner Brothers – so erhielt Kubrick neben den 2 Millionen Dollar Produktionskosten die völlige künstlerische Kontrolle inklusive Endschnitt – und durfte 40 Prozent des Einspielgewinns verbuchen. So maximierte das Leinwand-Genie seinen Gewinn, indem er den Film nur in Kinos zeigen ließ, in denen die Aufführung große Einnahmen versprach. Diese Strategie bescherte dem Zelluloid-Kunstwerk das Einspielergebnis von 40 Millionen Dollar. Stanley Kubrick war es gelungen, die Vermarktung seiner Filme völlig unter seine Kontrolle zu bringen – um so das Maximum künstlerischer Freiheit künftiger Projekte zu eröffnen.

Stanley Kubrick

Genialer Pessimist: Regisseur Stanley Kubrick

Foucault als Film

Wenn sich Alex in der berüchtigten Vergewaltigungsszene, die man zu den erschütterndsten des modernen Kinos zählen muss, mit den Worten „Viddy well, schau gut zu!“ an den am Boden liegenden Schriftsteller wendet, so spricht er kamera-perspektivisch direkt uns als Zuschauer an – und erinnert nicht nur an Kubricks Arbeitsweise der „Crucial Rehersal Period“ (CRP), in der er die Bewegungen der Schauspieler in präzisen Choreographien endlos proben und einstudieren lässt, sondern ebenso daran, dass wir nicht so sehr empört sind, über das, was wir sehen, vielmehr über die Art, in der wir auf die Bilder reagieren. Dass wir den Blick nicht lassen können von Sinnes-Eindrücken, die uns doch eigentlich erschauern sollten. Es ist diese Szene, in der der abgrundtiefe Pessimismus Kubricks unverstellt zum Ausdruck kommt: „Im Grunde ist der Mensch der unbarmherzigste Killer, der je auf der Erde umging. Unser Interesse an der Gewalt reflektiert zum Teil, dass wir uns auf der Ebene des Unbewussten nur sehr wenig unterscheiden von unseren primitiven Vorfahren.“ Man sagt vielleicht nicht zuviel, wenn man in „Uhrwerk Orange“ die Philosophie Michel Foucaults, aufgegangen in Bildern, wiedererkennt. So ist dieses Filmkunstwerk eine visionäre Beschwörung dessen, was der französische Meisterdenker in seinen legendären Vorlesungen der 70er Jahre zu entwickeln suchte – die Geburt der Biopolitik aus der Macht der Psychatrie.

nächste Folge:
„Dead Man“
Hätte Kafka einen Western gedreht, so sähe er aus: Independent-Ikone Jim Jarmusch feiert die Wiedergeburt eines Genres als postmoderne Allegorie

(Fotos: Screenshot/Pressefoto)

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Kategorien: Film

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