Susanne Viktoria Haupt
4. April 2016

Flimmernde Grautöne

Seitenansichten: „Notes I Found In Pigtown“ von Marc Mrosk

50 Beobachtungen, die Lust auf mehr machen: „Notes I Found In Pigtown“ von Marc Mrosk, Buchcover

Wenn es etwas auf dem deutschen Literaturmarkt gibt, was mir wirklich fehlt, dann sind es ganz lebendige Geschichten, die jemand einfach von der Straße aufgesammelt hat. Ja, natürlich gibt es auch gute deutschsprachige Autoren. Aber was fehlt, ist die Vielfalt, und dazu gehören nun mal auch die Geschichten, die nicht ganz so zahm daherkommen. Wo Themen nicht zwangsweise politisiert werden oder aber es sich um irgendwelche Mittzwanziger dreht, die viel trinken, viel Sex haben und in deren Geschichten möglichst oft „ficken“ oder „Schwanz“ vorkommt. Es fehlen Geschichten von Menschen, die beobachten, den Blick auch mal nach unten schweifen lassen und sich ihre Inspiration von den Momenten holen, in denen nicht alles geradlinig oder nur oberflächlich turbulent verläuft. Klar ist, dass es zwar kleine Verlage gibt, die sich auch gerne unbekannten Gesichtern mit ganz neuen Ansätzen widmen, aber leider bedarf es für diese Form auch einen gewissen Erfahrungsschatz, den man nun mal nicht an jeder Ecke finden kann. Ansonsten wirkt das Ganze häufig blass und aufgesetzt.

Mit seinem in Eigenregie herausgegebenen Band „Notes I Found In Pigtown“, der auf Deutsch geschrieben ist, auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, überschreitet der Autor Marc Mrosk mit Leichtigkeit die Grenze der literarischen Bequemlichkeit. In 50 knappen Beobachtungen entführt er seine Leser in einen kleinen und geschlossenen Kosmos, in dem einen stets ein beklemmendes Gefühl begleitet. Mal geht es um Tim, der seit 15 Jahren kein Date mehr hatte, von einer offensichtlichen Angststörung geplagt wird, und dennoch den Schritt in Richtung Liebe wagt. Dann gibt es einen Namenlosen, der die Erfahrung der unglaublichen Leichtigkeit macht, aber einem anderen damit den Schlaf raubt. Neben der Anspielung auf Milan Kunderas wohl bekanntesten Werk begegnet uns auch Alice im Wunderland in Form einer Stoffpuppe, die unliebsam auf der Straße landen muss. All das sind kurze Beobachtungen, die mal ganz realistisch zu Tage treten, und mal wirken, wie aus einem Film entsprungen. Sie lassen Bilder im Kopf entstehen, die sich häufig in flimmernden Grautönen abspielen. Und zwischen all den Momenten, in denen man sich beim Lesen nicht mehr ganz so wohlfühlt, gibt es eben auch diejenigen Momente, in denen sich so etwas wie ein gutes Ende an eine der Geschichten hängt.

„Notes I Found In Pigtown“ ist ein gelungener Erzähl-Band, den man als Sammlung schriftstellerischer Kurzfilme bezeichnen kann. Das einzige Manko ist, dass die Geschichten schlicht und ergreifend zu kurz sind. Wer sich nämlich einmal in diesen Kosmos hineingwagt hat, so unbequem er auch sein mag, möchte gerne mehr erfahren. Mehr von den einzelnen Person, mehr von den einzelnen Geschichten. Und man möchte sich gerne auch noch mehr von dieser nüchternen und klaren Sprache des Autors erzählen lassen, anstatt nahezu im Minutentakt von einem Moment zum nächsten geschleudert zu werden. Doch gerade diese nahezu surreal und direkt wirkende Beobachtungsweise zieht einen mit und fasziniert beim Lesen. Woran es liegt, dass die Geschichten nicht länger und ausgedehnter sind, weiß niemand, außer der Autor selbst. Aber vielleicht kommt von Marc Mrosk noch irgendwann ein Roman im Stil von Willy Vlautin oder ein knackiger Kurzgeschichten-Band mit längeren Lese-Einheiten, um den deutschen Buchmarkt einmal mehr um eine vermisste Nuance zu erweitern.

Der 1983 geborene Autor Marc Mrosk ist im literarischen „Underground“ kein Unbekannter. Von 2007 bis 2013 gab er das Literatur- und Kunstzine „Lost Voices“ heraus, seit 2013 publiziert er auf seinem neuen Blog „Rogue Blogue“, welcher sich ganz auf Pulp und Noir konzentriert. Und auch für langeleine.de schrieb er eine ganze Zeit lang seine „Rote Reihe“ und gab Hannover damit ein anderes Gesicht. Erfahrungen und literarische Inspiration sammelte er dabei nicht nur in Deutschland, sondern auch einige Jahre in Los Angeles.

Marc Mrosk: „Notes I Found In Pigtown”, Kurzgeschichten, 68 Seiten, 4 Euro, Selbstverlag, zu beziehen über rogueblogue@gmail.com

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel