Susanne Viktoria Haupt
2. Mai 2016

Von der Flucht

Seitenansicht: „Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine“ von Madeleine Bourdouxhe

Die Geschichte einer Flucht vor dem Krieg: „Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine“ von Madeleine Bourdouxhe, Buchcover

Aufmerksame Leser unseres Online-Journals könnten den Namen Madeleine Bourdouxhe bereits vernommen haben. Mit ihrem Roman „Gilles Frau“, der erst Jahre später durch die damalige Frauenbewegung wiederentdeckt wurde, hatte die 1906 in Lüttich geborene Schriftstellerin doch noch Erfolge verzeichnen können. Und das ganz berechtigt, denn die Belgierin war ein wahres Talent, wenn es um poetische, stimmungsvolle und einfühlsame Romane und Erzählungen mit intensiv gezeichneten, weiblichen Protagonistinnen ging. Eine ihrer Fürsprecherinnen war Simone de Beauvoir, die sie bei ihren zahlreichen Besuchen in Paris kennengelernt hatte. Dennoch dauerte es noch einige Jahrzehnte bis ihr Talent, und die damit verbundenen Werke erkannt und gewürdigt wurden. Ihre Erzählung „Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine“ war ihr letztes Werk und wurde 1944 auf Französisch veröffentlicht. Erst in den 1990er-Jahren, kurz vor ihrem Tod, durften sich auch die deutschen Leser an dieser sensiblen Erzählung erfreuen. Leider ist diese im Piper Verlag erschienene Erzählung nur noch gebraucht zu finden, allerdings lohnt sich die Suche für jeden, der einen echten literarischen Schatz in seiner Sammlung aufnehmen möchte.

„Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine“ ist eine autobiographische Erzählung. Bourdouxhe bekam am Tag der deutschen Invasion in Belgien ihre Tochter und flüchtete umgehend mit ihrem Mann in ein Dorf nahe Bordeaux. Ihre Erfahrungen auf der Flucht, die Eindrücke und Empfindungen hat sie in diesem schmalen Band berührend zusammen gefasst. So berichtet sie von dem Moment, als ihre kleine Tochter, gerade geboren, neben ihr im Bettchen liegt, während sie draußen Sirenen hört. Sie berichtet von der Angst, die das Gefühl des Glücks überschatten, und von der langen Fahrt in stickigen Transportmitteln heraus aus dem Kriegsgebiet. Es herrscht Nahrungsmittel-Knappheit, die allen Flüchtigen zusetzt und vor allem ihr als frischgebackene Mutter, die doch alle Reserven für die Versorgung ihres Babys braucht. Aber gleichzeitig berichtet sie auch von immer wiederkehrenden Momenten der Solidarität, Herzensgüte und Hilfe anderer. Von Soldaten, die gerne etwas geben würden, obgleich sie selbst nichts zu essen haben. Oder von Familien, die auf den Zwischenstops der Flucht ein warmes Bett für Mutter und Kind zur Verfügung stellen. Sensibel, poetisch und zeitlos fasst sie sowohl die Strapazen der Flucht, die Ungewissheit, die menschlichen Momente, aber auch das Mutterglück zusammen.

Beschönigt hat Bourdouxhe dabei wenig, und eigentlich empfand sie selbst ihre Erzählung als kein nennenswertes literarisches Werk. Noch weniger empfand sie es als besonders bedeutend, da es für sie nur eine Flüchtlingsgeschichte von vielen war. Eine von unzähligen Geschichten, die sich damals während des Krieges abspielten, aber auch heute noch ganz aktuell wirken. Denn oftmals ist es nicht entscheidend, ob das beschriebene Thema und ihr Inhalt neu oder besonders sind, sondern ob dem Thema Gehör verschafft wird und es gleichermaßen literarisch anmutig verarbeitet wurde. Aktuell ist Bourdouxhes Thema allemal, denn schließlich gibt es genügend – und viel zu laute – Stimmen, die über Flüchtlingsströme schimpfen und wenig Mitgefühl zeigen. Zwar liegt Bourdouxhes Augenmerk auf ihren persönlichen Erfahrungen als Frau und Mutter mit einem Neugeborenen, aber die Flucht vor dem Krieg ist nicht minder schlimm für alle Menschen.

Madeleine Bourdouxhe: „Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine“, Erzählung, 45 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492041706, gebraucht ab 1,46 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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