Susanne Viktoria Haupt
27. Juni 2016

Sandkörner zwischen den Seiten

Seitenansichten Spezial: Sommerlektüre 2016

Ein Blick in die Büchertasche für den Urlaub steigert die Vorfreude

Für Bibliophile ist eine volle Büchertasche vor den großen Ferien das, was für den klassischen Malle-Urlauber der Sangria-Eimer ist. Ein Bücherwurm geht ohnehin selten ohne ein Buch aus dem Haus. Für den Urlaub oder längere Reisen macht er sich noch einmal umfangreichere Gedanken, was die Lektüre angeht. Ich fange zum Beispiel bereits mindestens acht Wochen vor einem geplanten Urlaub an, mir Listen zusammenzustellen. Ich frage Freunde und vertrauenswürdige Buchhändler nach Tipps, durchforste Feuilletons und gehe noch einmal meine nicht ganz kurze Liste von Büchern durch, die ich schon seit einigen Jahren lesen wollte. Heraus kommt stets ein bunter Mix aus verschiedenen Genres, der mich zwei bis drei Wochen gut füttern soll. Während eines langen Telefonats mit meinem belesenen Freund André kamen wir aber auch auf den Punkt, dass es durchaus eine schöne Sache sei, wenn man – am Urlaubsziel angekommen – ein Buch über die jeweilige Region lesen würde. Oder zumindest eines, dessen Geschichte nahe platziert ist. Und weil das auch wirklich eine nette und angenehme Sache ist, kommen hier nun meine literarischen Tipps für eine kleine Auswahl verschiedener Urlaubsziele, die aber so natürlich auch jederzeit und überall gelesen werden können. Auch auf Balkonien.

Frankreich – Urlaub zwischen Genuss und „Je ne sais, quoi“

Von einem der auszog und in der Provence sein Glück fand: „Mein Jahr in der Provence“ von Peter Mayle, Buchcover

In Frankreich gibt es wirklich wunderbare Regionen für einen Urlaub. Von der Normandie quer durch das schmackhafte Elsass bis hinunter in die Provence und an die Côte d’Azur oder wahlweise auch an die Atlantik-Küste. Es gibt kaum einen Fleck in diesem Land, der einen nicht bezaubern kann. Dem britischen Schriftsteller Peter Mayle und seiner Frau hatte es vor allem die Provence angetan. Relativ spontan beschlossen die beiden daher, sich endlich ihren Traum von einem Haus nahe des Luberons zu erfüllen. Über das erste Jahr in der neuen Heimat schrieb Mayle dann ein atmosphärisches und humorvolles Buch. Die Eigenheiten der Menschen in der Provence, die unerwartet deftige Küche in den kühlen Monaten, der Mistral und die ganz eigene Bürokratie hat Mayle treffend zusammengefasst. Für alle, die es im Sommer in die Provence zieht, und auch für die, die sich die Provence nach Hause holen wollen, ist dieses Buch ein wahrer Schatz.

„Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“

Erfüllt alle Erwartungen: „Katzenkrieg“ von Eduardo Mendoza, Buchcover

Spanien lockt mit viel Sonne, einer beeindruckenden Kultur und wunderschönen Stränden. Zudem hat Spanisch als zweite Fremdsprache in der Schule zunehmend Französisch vom Thron gestoßen. Eduardo Mendoza zählt zu den wichtigsten Schriftstellern Spaniens und gilt als einer der Begründer des postmodernen historischen Romans. In „Katzenkrieg“ lässt Mendoza nur wenig aus. Ein Polit-Thriller, ein historischer Roman und selbst eine Liebesgeschichte finden ihren Platz. Die Geschichte beginnt 1936 in Madrid. Kunsthändler Anthony Whitelands reist nach Madrid, um ein Bild von Velázquez zu begutachten. Was als normaler Auftrag beginnt, verdichtet sich im Bürgerkrieg immer mehr zu einem gefährlichen und vielschichtigen Abenteuer…

Skandinavien – angenehme Temperaturen und eine faszinierende Natur

Jung sein, jede Menge Träume haben und Rock’n’Roll leben: „Populärmusik aus Vittula“ von Mikael Niemi, Buchcover

Es gibt Menschen, die sich im Sommer nichts sehnlicher wünschen als mindestens 28 Grad zu haben, und dann gibt es wiederum diejenigen, die mit Hitze einfach wenig anfangen können. Manch einen zieht es daher im Sommer gerne mal nach Schweden, Norwegen oder in ein anderes skandinavisches Land. Eine passende Lektüre dazu ist das ohnehin schon zum Kult erhobene Buch „Populärmusik aus Vittula“ des schwedischen Autoren Mikael Niemi. Niila und Matti sind Jugendfreunde. Sie leben beide während der 1960er- und 1970er-Jahre im Grenzgebiet zwischen Finnland und Schweden. Niilas Familie gehört dem Laestadianismus an, einer religiöse Bewegung, die sehr konservativ und nahezu asketisch ist. Dennoch verfallen Niila und Matti dem Rock’n’Roll. Für die beiden Jugendlichen eine Einladung, ihre eigene Band zu gründen. Eine humorvolle Geschichte über das Erwachsenwerden.

Schottland – Highlands, Whiskey und Schlösser

Lord und Lady McIntosh bitten zu Tisch: „Der Pfau“ von Isabel Bogdan

Schottland ist immer eine Reise wert, auch wenn es gerade im Sommer dort durch die vielen Mücken ab und zu unangenehm werden kann. Dennoch lockt das Land mit vielen Schätzen. Erst kürzlich wählten die Leser von „The Telegraph“ Edinburgh zur beliebtesten Stadt Großbritanniens. Die Autorin Isabel Bodgan wiederum ist eigentlich eine waschechte Kölnerin. Allerdings arbeitet sie schon seit vielen Jahren als Übersetzerin, beispielsweise für Jonathan Sanfran Foer, und kann sich leicht in unbekannte Welten fallen lassen. In ihrem Debüt-Roman „Der Pfau“ verschlägt es ihre Geschichte direkt nach Schottland. Lord und Lady McIntosh bewohnen dort ein schönes Herrenhaus und vermieten einige der freistehenden Zimmer an Gäste. Als eine Gruppe Banker aus London eintrifft und auch noch ein Pfau völlig verrückt spielt, geraten die Dinge langsam aber sicher außer Kontrolle. Pointiert und dabei ganz trocken bringt Bogdan Schwung in das altehrwürdige Herrenhaus und hat damit schon zahlreiche Leser fasziniert. Ein literarischer Abstecher in die Highlands.

Urlaub auf der grünen Insel

Konfliktgeladen: „Eureka Street, Belfast“ von Robert McLiam Wilson, Buchcover

Egal ob Nordirland oder Irland – die grüne Insel ist faszinierend und auch für Urlauber keinesfalls zu verachten. Endlose Weiten, wirklich gute Musik, Gastfreundschaft und guter Whiskey verschönern den Touristen ihren Aufenthalt. Einige treibt es dabei in die größeren Städte wie Belfast, Dublin oder Galway, andere wiederum fahren den Ring of Kerry entlang. Ganz so harmonisch ist es auf der Insel jedoch auch nicht immer, und Autor Robert McLiam Wilson hat dazu einen passenden, manchmal heiteren und manchmal melancholischen Roman geschrieben. In „Eureka Street, Belfast“ geht es um die Absurdität der nordirischen Konflikte. Für den Protagonisten Jake Jackson sind die damit verbundenen Dramen nämlich eigentlich ganz amüsant, wenn auch auf eine schräge Weise. Sein Leben ist von Trostlosigkeit beherrscht – und immer häufiger nagt dieses Grau dann doch an ihm und seinem weichen Kern. Gekonnt und auf eine ganz speziell humorvolle Weise nimmt der Autor das Leben in Belfast, den Konflikt zwischen den Protestanten und Katholiken, seinen Job, seine Freunde und Kollegen und auch sein Liebesleben auseinander. Poetisch, manchmal überzogen, aber auf alle Fälle ehrlich und ganz ungeschönt.

„La Dolce Vita“ in Italien: Viele Wege führen nach Rom

Wenn ein Traum zu einem anderen führt: „Schöne Ruinen“ von Jess Walter, Buchcover

Rom, Verona, Venedig, Florenz – Italien ist voller wunderschöner historischer Städte und Flecken. Zwischen Pizza, Pasta und hervorragenden Weinen lässt sich „La Dolce Vita“ richtig genießen. In die Büchertasche darf dann gerne „Schöne Ruinen“ von Jess Walter: Wir schreiben das Jahr 1962. Pasqual hat von seinem Vater eine kleine Pension geerbt. Seine Träume sind groß, denn nur zu gerne möchte er aus Porto Vergogna einen begehrten Ferienort machen. Am liebsten würde er reiche Amerikaner anlocken. Sein Wunsch geht in Erfüllung, denn nachdem eine schöne Amerikanerin eingecheckt hat, kommen auch die anderen. Sternchen und Sterne der amerikanischen Glamourwelt geben sich in seiner Pension die Klinke in die Hand. Nach der Saison sind zwar die geschätzten Gäste wieder weg, aber dennoch ist nichts mehr, wie es vorher war. Vor allem hat Pasqual sein Herz an die hinreißende Amerikanerin verloren. Ein leidenschaftlicher Roman, der die sonnigen Stunden noch mehr versüßt.

An der Nordseeküste

Für schöne Ferien muss man gar nicht weit fahren: „Urlaub mit Papa“ von Dora Heldt

Auch in Deutschland kann und darf man gerne Urlaub machen. Heiß begehrt ist für Sommerurlauber beispielsweise immer wieder ein Strandkorb an der Nord- oder Ostseeküste. Zwischen Möwen, Watt und Muscheln lässt es sich nämlich auch heimisch herrlich entspannen. Unter dem Pseudonym Dora Heldt hat sich die auf Sylt geborene Autorin Bärbel Schmidt schon vor einigen Jahren einen festen Platz in der deutschen Literaturlandschaft erschrieben. In ihren Romanen dreht sich häufig vieles um die nordische Küstenlandschaft. In „Urlaub mit Papa“ ist Christine schon halb auf dem Weg zu einer Freundin nach Norderney, als ihre Mutter sie bittet, ihren Vater mitzunehmen. So war das nicht geplant. Doch der rüstige Heinz ist voller Tatendrang. Als er bemerkt, dass der Urlaubsgast Johann seiner Tochter den Kopf verdreht hat, aber gleichzeitig auf der Insel nach einem Heiratsschwindler gesucht wird, trommelt er seine ebenfalls rüstige Gang zusammen, um seine Tochter zu schützen. Liebevoll, warmherzig und voller Humor führt Heldt die Leser durch die Kapitel und setzt sowohl ihre Protagonisten als auch die Insel in ein charmantes Licht.

Für die kleinen Bücherwürmer

Zwischen Kindheit, Jugend und Bürgerkrieg: „Betty und ihre Schwestern“ von Louisa May Alcott, Buchcover

Auch für Kinder dürfen gute Bücher in den Ferien nicht fehlen. Vorausgesetzt sie finden auch wirklich Gefallen an der Lektüre. Ein echter Klassiker ist beispielsweise „Betty und ihre Schwestern“ von Louisa May Alcott. Betty, Joe, Meg und Amy March leben gemeinsam mit ihrer Mutter während des Bürgerkriegs in Neuengland. Ihr Vater ist in den Krieg gezogen – und bei jedem seiner Briefe macht sich unter den Mädchen Erleichterung und gleichzeitig Sehnsucht breit. Die jungen Leserinnen und Leser begleiten die ganz unterschiedlichen Schwestern auf ihrem Weg durch Kindheit und Jugend. Eine Jugend, die geprägt ist von Sonntagsschulen, Theatervorstellungen, Nachbarsjungen und jeder Menge Träume. Wie dem von Joe, die einmal Schriftstellerin werden möchte.

Clever und verdammt mutig: „Fletcher Moon – Privatdetektiv“ von Eoin Colfer, Buchcover

Weniger historisch, aber dafür umso rasanter geht es in Eoin Colfers Roman „Fletcher Moon – Privatdetektiv“ zur Sache. Der irische Schriftsteller, der vor allem für seine „Artemis Fowl“-Reihe bekannt ist, schickt mit dem zwölfjährigen Fletcher einen äußerst klugen und mutigen Jungen ins Rennen. Die neuesten Ereignisse in Fletchers Umgebung scheinen nämlich viel mehr zu sein als kleine und belanglose Delikte auf dem Schulhof. Im Fokus steht Fletchers Mitschüler Red Sharkey, der aus einer stadtbekannten Gangster-Familie stammen soll. Und zudem so einiges auf dem Kerbholz hat…

Mit diesen Buchtipps schickt Euch langeleine.de in den Sommer. Egal, ob ihr diesen zu Hause oder woanders verbringen werdet – mit einem guten Buch lassen sich auch ganz prima schlechtes Wetter, Mückenstiche oder Fernweh aushalten.

Peter Mayle: „Mein Jahr in der Provence“, Roman, 288 Seiten, Knaur TB, ISBN-13: 978-3426514467, 9,99 Euro

Eduardo Mendoza: „Katzenkrieg“, Roman, 416 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG, ISBN-13: 978-3312005437, 24,90 Euro

Mikael Niemi: „Populärmusik aus Vittula“, Roman, 304 Seiten, btb, ISBN-13: 978-3442731725, 9,99 Euro

Isabel Bogdan: „Der Pfau“, Roman, 256 Seiten, Kiepenheuer&Witsch, ISBN-13: 978-3462048001, 18,99 Euro

Robert McLiam Wilson: „Eureka Street, Belfast“, Roman, 342 Seiten, Fischer Taschenbuch, ISBN-13: 978-3596144167, 9,95 Euro

Jess Walter: „Schöne Ruinen“, Roman, 448 Seiten, Karl Blessing Verlag, ISBN-13: 978-3896674999, 9,99 Euro

Dora Heldt: „Urlaub mit Papa“, Roman, 320 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423211437, 8,95 Euro

Louisa May Alcott : „Betty und ihre Schwestern“, Roman, 608 Seiten, Anaconda Verlag, ISBN-13: 978-3730602171, 4,95 Euro

Eoin Colfer: „Fletcher Moon – Privatdetektiv“, Roman, 320 Seiten, List Taschenbuch, ISBN-13: 978-3548606613, 9,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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