Matthias Rohl
30. Dezember 2008

Filmgeschichte(n): „Dead Man“

Hätte Kafka einen Western gedreht, so sähe er aus: Independent-Ikone Jim Jarmusch feiert die Wiedergeburt eines Genres als postmoderne Allegorie

William Blake (Johnny Depp) reist im 19. Jahrhundert mit der Eisenbahn von Cleveland Richtung Westen, um in der Stadt „Machine“ eine Stelle als Buchhalter in einer Fabrik anzutreten. Der verschrobene Heizer des Zuges kündigt ihm an, dieser Ort sei die Hölle. Am Ziel seiner Reise erklärt ihm Bürovorsteher Scholfield (John Hurt), die Stelle sei bereits besetzt. Von John Dickinson (wunderbar bedrohlich: Robert Mitchum) mit einem Gewehr aus dessen Büro verjagt, flieht Blake und landet in den Armen der Hure Thel. Am nächsten Morgen werden beide von Charlie Dickinson, dem Sohn des Fabrik-Kapitalisten, im Bett ertappt. Dickinson erschießt seine einstige Geliebte, wobei sich das Projektil durch den Körper der Frau hindurchbohrt – in die Herznähe Blakes. Mit dem Revolver der Hure erschießt Blake in Notwehr Dickinson und flieht schwerverletzt in die Wildnis. Der Indianer Xebeche (Gary Farmer) findet ihn, völlig erschöpft im Staub liegend, und begleitet ihn auf seiner Flucht vor den Kopfgeldjägern, die Dickinsons Vater auf ihn angesetzt hat…

“Dead Man”, Poster zum Film

Dekonstruktion ehedem vertrauter Genre-Muster: „Dead Man“ von Jim Jarmusch, Plakat zum Film

Triumph eines untoten Genres

Jim Jarmusch, Independent-Ikone des US-Kinos der 80er- und 90er-Jahre, gelang mit „Dead Man“ (1995) sein bis heute überzeugendster Film und – nach Clint Eastwoods Oscar-Triumph mit „Unforgiven“ („Erbarmungslos“, 1992) – eine neuerliche, grandiose Wiederbelebung des immer wieder für tot erklärten Western-Genres. Wie unter einem Brennglas werden hier noch einmal in Vollendung alle typischen Stilelemente des Regisseurs erkennbar: skurrile Typen, der Szenerie eigentümlich entrückt wirkende Darsteller, der ungemein lakonische Humor, das poetisch anmutende Schwarzweiß der Bilder des Kameramanns Robby Müller und vor allem die Filmmusik, die asketisch-hypnotischen Gitarrenphrasen von Neil Young. Wie bei allen Meisterwerken, welche ihre innovative Kraft primär aus der Dekonstruktion ehedem vertrauter Genre-Muster schöpfen, so zeigten sich auch hier einige Kritiker höchst irritiert – zum Beispiel darüber, wie beiläufig die Menschen in „Dead Man“ sterben. Ja, einige verstiegen sich gar zu der These, Jarmusch lasse das Töten zum Witz verkommen und verspiele sein Potential, indem er dem damals sehr modischen „Tarantinoismus“ huldige.

Regisseur Jim Jarmusch am Set von “Dead Man”

Independent-Ikone des US-Kinos: Regisseur Jim Jarmusch am Set von „Dead Man“

Echter Nobody, falscher Blake

Diese Lesart übersah jedoch den postmodern mehrfach codierten Subtext, der das Werk weit über den Horizont seiner negativ gesinnten Kritiker hinaushob. So spielt bereits die lange Exposition der Eisenbahnfahrt Blakes mit zahlreichen Verweisen über die klassischen Genre-Grenzen hinaus – und erinnert nicht zuletzt an Jonathan Harkers berühmte Zugreise von London nach Transsilvanien in Bram Stokers „Dracula“. Und der Indianer Xebeche, der sich Nobody nennt, erweist sich als „Wilder“ mit europäischer Bildung. Von seinem Stamm verstoßen, sieht er in seinem fliehenden Begleiter die leibhaftige Wiedergeburt des Dichters William Blake (1757-1827). Der Indianer wird fortan Blakes spiritueller Wegweiser durch die Region des Todes. Greenhorn Blake indes wird auf seiner Initiationsreise tatsächlich zum Killer wider Willen, er tötet homosexuelle Wegelagerer, die ihn vergewaltigen wollen, und zwei Marshalls, die ihn per Steckbrief jagen, welche der alte Dickinson überall in der Landschaft aufhängen ließ. Blakes seltsame Wandlung kommentiert der Halbblut-Iindianer in Anlehnung an die „Proverbs of Hell“ des Dichters Blake mit den Worten: „Lass‘ dir nicht von der Sonne ein Loch in den Arsch brennen: Steh‘ auf jetzt, und schieb‘ deinen Pflug und Karren über die Gebeine der Toten.“

“Dead Man”, Szenenfoto

William Blake (Johnny Depp) führt spirituelle Zwiegespräche mit seinem Wegbegleiter Nobody (Gary Farmer)

Heitere Elegie des „Young Hollywood“

„Dead Man“ trägt deutliche Züge eines cineastischen Oxymorons, einer heiteren Elegie. Jim Jarmusch, der Kultregisseur der „Coolness“, entfaltet eine wunderbar leichtfüßige Reflexion über die Ironie des Seins als Idee der letzten Reise auf dem Pfad der Erlösung – gewiss, ein Pfad, der mit dem Blut zahlreicher Leichen getränkt ist. Wir sehen eine metaphysische Reise in das „waste land“ (T.S. Eliot) des aufkommenden Mensch-Maschinen-Zeitalters, in dem die Gesichter der Stadt „Machine“ verbraucht sind, vernarbt und versoffen – „Knochenmaschinen“ im Sinne von Tom Waits sind das, deren Schicksal darin besteht, als „Humanmaterial“ der frühen Industrialisierung das eigene Leben opfern zu müssen. Und Johnny Depp, der als Star des „Young Hollywood“ – wie Al Pacino einst treffend bemerkte – neben Sean Penn und Russell Crowe zu den besten, und vor allem vielseitigsten, Schauspielern seiner Generation gehört, agiert, ganz auf der Höhe seines Könnens, wie ein moderner Buster Keaton mit der Mimik eines Stummfilm-Schauspielers. Unvergesslich jene Szene, in der Blake/Depp das Blut eines toten Rehs mit seinem eigenen mischt, sich das Gemisch ins Gesicht schmiert, um sich dann in fötaler Krümmung auf den Waldboden neben das Tier zu legen – eine wunderbar gespielte, allegorische unio mystica von Mensch und Kreatur! Unerreicht auch jener Gesichtsausruck, als Blake in einer Seitengasse, erstarrt vor Ekel und Entrüstung, erblickt, wie eine Frau, am Boden kniend, mit einem Revolver am Kopf zum Oralverkehr gezwungen wird. Johnny Depp spielt hier zweifellos eine der Glanzrollen seiner bisherigen Karriere – und erweist sich als echter Besetzungs-Glücksgriff.

“Dead Man”, Szenenfoto

Reise in den Tod: Johnny Depp in „Dead Man“

Vom Wunsch, Indianer zu werden

War schon der skurrile Heizer in der Exposition des Films eine versteckte Anspielung auf den Heizer des Romans „Amerika“ von Franz Kafka, so trägt die Atmosphäre des Fabrik-Kontors in der Höllen-Stadt „Machine“ erst recht deutlich kafkaeske Züge. Und mehr noch: Schließlich erscheint auch die metaphysische Reise Blakes entlang der Grenze zwischen Unschuld und Erfahrung wie eine filmische Variation eines Kafka-Textes. In seiner berühmten Miniatur „Wunsch, Indianer zu werden“ schrieb der Allegorien-Großmeister: „Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ Jim Jarmusch hat mit dieser Western-Groteske einen Volltreffer gelandet. Dieser Film hätte Kafka, der ein leidenschaftlicher Kinogänger war, ganz sicher gefallen. Um skurrile Einfälle und Scherze nie verlegen, wäre ihm, diese Behauptung sei gewagt, besonders die Figur des kannibalischen Killers Cole Wilson (Lance Henriksen) ans Herz gewachsen, der seinen Kopfgeldjäger-Kollegen am nächtlichen Lagerfeuer verspeist und sich dabei in zur Schau gestellter Selbstgefälligkeit mit dem Fingernagel Knorpelreste aus den Zahn-Zwischenräumen kratzt.

nächste Folge:
„Hana-Bi – Feuerblume“
Haiku in Zelluloid, Leben am Nullpunkt: Mit seinem siebten Film schuf Multitalent Takeshi Kitano einen modernen Klassiker des asiatischen Kinos

(Fotos: Pressefotos)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel