Marcel Seniw
3. Juni 2016

Abschied aus der Ersten Liga

Abseits – Hannover 96 nach der Saison. Der große Rückblick auf die Spielzeit 2015/16

Ein Bild aus besseren Tagen: die vollbesetzte Nordkurve zu Europapokal-Zeiten

Nach 14 Jahren in der 1. Fußball-Bundesliga ist Schluss: Hannover 96 muss hinunter in Liga zwei. Obwohl der Verein noch vor drei Jahren in der Europa League für Furore sorgen konnte, rutschte das Team in der Folgezeit aufgrund diverser Fehlentscheidungen auf operativer Ebene immer weiter in der Tabelle ab. Im letzten Jahr wurde die logische Konsequenz aus Fehlentscheidungen, der Abstieg, zwar noch gerade so am letzten Spieltag abgewendet, die richtigen Lehren konnten aus der Saison 2014/15 jedoch nicht gezogen werden. Abseits begibt sich in der heutigen Spezial-Ausgabe daher auf Spurensuche, wie es zum Untergang von Hannover 96 kam – und warum trotzdem irgendwie alle zufrieden zu sein scheinen.

Die Saisonvorbereitung

Die Saison 2014/15 war gerade beendet, der drohende Abstieg vermieden, da vermeldete Hannover 96 – wie sich im Nachhinein eindeutig feststellen lässt – gleich den ersten Fehler. Der Verein stattete „Feuerwehrmann“ Michael Frontzeck, der die Mannschaft eigentlich nur für fünf Spiele übernehmen sollte und gerettet hatte, mit einem Cheftrainer-Vertrag aus. Damit verpflichtete Hannover 96, vielleicht aus falsch verstandener Dankbarkeit, den Trainer mit der bis dato schlechtesten Punkte-Ausbeute der Bundesliga-Geschichte. Es zeigte sich schnell, dass Hannover 96 unter Frontzeck kaum bundesligatauglich war. Rückblickend lässt sich sagen: Nach dem kurzen und erfolgreichen Intermezzo zum Ende der Vorsaison hätte sich Hannover besser wieder von Frontzeck, der in Hannover bereits als Co-Trainer unter Ewald Lienen aktiv war, getrennt. Verantwortlich für die Frontzeck-Verpflichtung war unter anderem Sportdirektor Dirk Dufner. Dass Dufner zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Vertragsverhandlungen für 96 führte, darf man getrost als zweiten großen Fehler der Saisonvorbereitung ansehen. Der Manager wusste, dass er den Verein mit Ablauf seines Vertrages am 31. August 2015 verlassen muss. Und dennoch sollte er auf seine letzten Tage noch eine Mannschaft formen, die in der kommenden Saison nicht gegen den Abstieg spielen muss. Dass daraus nichts wurde, konnte jeder in Hannover sehen, als zur Rückrunde von neuen Spielern die Rede war, die dem Verein sofort weiterhelfen sollten. Dabei hatte Dufner zu Saisonbeginn Transfers in einem zuvor bei 96 nie dagewesenen Volumen stemmen dürfen.

Die Hinrunde

In der Hinrunde haben sich Verein und Trainer nicht viel genommen in Sachen Fehlentscheidungen. Trainer Frontzeck ließ einen Fußball von anno 1970 spielen, mit vielen schönen langen und hohen Bällen in die Spitze, zum Gegenspieler oder ins Seitenaus. Da kam es, wie es kommen musste: Einem Unentschieden bei Aufsteiger Darmstadt 98 folgten fünf Niederlagen in Serie, die letzte davon war ein 1:3 gegen eine völlig neben der Spur stehende Stuttgarter Mannschaft. Zu diesem Zeitpunkt hätte Hannover 96 die Reißleine ziehen können – tat es aber nicht. Zum einen wollte der Verein wohl nicht schon wieder eine Trainer-Entlassung verkünden, zum anderen gab es zu diesem Zeitpunkt wohl auch nicht viele verfügbare Optionen. Also wurde weiterhin auf Frontzeck gesetzt. Am 14. Spieltag keimte dann so etwas wie Hoffnung auf besssere Zeiten auf. Hannover 96 besiegte Aufsteiger Ingolstadt gleich mit 4:0. Endlich mal ein Ausrufezeichen gesetzt. Doch danach hagelte es weitere Niederlagen und die Fankurve stimmte immer lautere „Frontzeck raus“-Sprechchöre an. Schließlich war es soweit: Michael Frontzeck verkündete nach der Hinrunde seinen Rücktritt und hinterließ einen Scherbenhaufen, der in dieser Besetzung nicht bundesligatauglich schien.

Die Rückrunde

In der Rückrunde sollte alles besser werden. Mit Martin Bader und Christian Möckel waren schon während der Hinrunde zwei Posten in Geschäftsführung und Sportlicher Leitung neu besetzt, die nun Spieler präsentieren sollten, die dem Verein sofort aus seiner prekären Lage helfen können. Zudem wurde mit Thomas Schaaf ein ehemaliger Meister-Trainer verpflichtet, dem man es zutraute, die Wende hinzubekommen. Dass dies die beiden nächsten Fehler in einer langen Kette waren, ahnten nicht alle. Thomas Schaaf hatte lange Jahre bei Werder Bremen gut funktioniert, wenig jedoch im Vorjahr in Frankfurt und nun schon gar nicht in Hannover. Sein Wunschspieler und ehemaliger Weggefährte aus Bremer Tagen Hugo Almeida stand da fast sinnbildlich für die Zeit von Schaaf bei Hannover 96. Zu Beginn mit Lob empfangen, danach irgendwie nur noch im Abseits zu finden. Auch die anderen Transfers, die im Winter getätigt wurden, konnten der Mannschaft nicht weiterhelfen, erst recht nicht sofort, wie es doch eigentlich angekündigt wurde. So siechte Hannover 96 bis zum 28. Spieltag vor sich hin und war, zwar noch nicht rechnerisch, aber gefühlt, längst abgestiegen. Thomas Schaaf gab vor seinem letzten Spiel als Trainer noch bekannt, dass er 96 nicht in Liga zwei trainieren werde. Nach der 0:3-Heimpleite gegen den Hamburger SV bot er dann quasi seinen Rausschmiss an, zu dem es dann auch umgehend kommen sollte. Thomas Schaaf und Hannover: ein großes Missverständnis.

Der Umbruch

Die Stimmung in Hannover stand zu diesem Zeitpunkt auf des Messers Schneide. Die Fans waren unzufrieden, nicht nur mit der sportlichen Situation, sondern vor allem auch mit der Arbeit, welche die Vereinsführung Jahr für Jahr anbot. Jahrelang wurden externe Spieler dem eigenen Nachwuchs vorgezogen und Trainer verpflichtet, die Hannover 96 nicht als Herzensangelegenheit betrachteten. Eine Identifikation mit dem Verein wurde immer schwieriger. Und dann kam der Umbruch, der dafür sorgte, dass es in Hannover nicht zu einem Platzsturm der Fans wie später in Stuttgart kam. Der erfolgreich arbeitende U19-Junioren-Trainer und ehemalige Aufstiegsheld Daniel Stendel sollte den beinahe feststehenden Absteiger für die letzten sechs Spieltage übernehmen – mit dem einzigen Ziel, für positive Schlagzeilen zu sorgen. Und für diese sorgte der im Profi-Geschäft bis dahin gänzlich unerfahrene Stendel. Er scheute sich nicht, junge und unerfahrene Eigengewächse in die Startelf zu werfen und erfahrene Spieler wie Hugo Almeida auf die Tribüne zu verbannen. Die Belohnung folgte umgehend: Trotz eines äußerst schwierigen Restprogrammes brachte es Stendel mit seiner Mannschaft in sechs Spielen zu zwei Siegen und zwei Remis. Vor allem aber waren die Spiele unter seiner Regie die spielerisch mit Abstand beste Phase von Hannover 96 in der ganzen Saison. Diese Leistungen wurden honoriert und Stendel stieg vom Interimscoach zum Cheftrainer auf. Außerdem ließ sich der neue Chefcoach das Pokalfinale seiner U19-Junioren nicht nehmen und siegte in Berlin mit seinen Jungs zum Abschluss einer grandiosen Saison mit 4:2 gegen den Lokalmatadoren Hertha BSC Berlin. Man darf gespannt sein, welche dieser Pokalhelden wir in den kommenden Jahren auch bei den 96-Profis zaubern sehen.

Aufbruch ins Ungewisse

Für Hannover 96 stehen dennoch ungewisse Zeiten bevor. Zu viele Fehlentscheidungen, gepaart mit einer verhunzten Transferpolitik, waren letztlich entscheidend für den Niedergang. Der Abstieg ist mit finanziellen Einbußen von rund 30 Millionen Euro verbunden. Die Geschäftsführung machte deutlich, dass ein Abstieg zwar nicht zum wirtschaftlichen Kollaps des Vereins führen werde, dafür sei man zu gut aufgestellt, jedoch hob sie gleichzeitig hervor, dass es ungemein wichtig sei, den direkten Wiederaufstieg zu schaffen, damit die finanziell rosige Lage auch künftig Bestand hält. Mit Daniel Stendel haben die Verantwortlichen von Hannover 96 nun endlich jemanden präsentiert, der für Identifikation mit dem Verein und der Stadt und vor allem für die Fans steht. Unglaublich hoch anzurechnen ist es ihm, dass er den Mut hatte, junge Eigengewächse ins Haifischbecken Bundesliga zu werfen, damit diese sich freischwimmen. Die jungen Spieler identifizieren sich mit 96 und zeigen Herzblut. Trotz des Abstiegs kann man paradoxerweise feststellen, dass die Stimmung in Hannover lange nicht besser war als jetzt. Unter Stendel werden wir wohl keine „Trainer raus“-Sprechchöre zu hören bekommen, selbst wenn es mal nicht ganz rund laufen sollte. Und dennoch: Der Aufstieg ist Pflicht, denn ansonsten wird Stendel wohl der nächste Trainer, den Hannover 96 entlässt. Für seine Zukunft, wie auch die des Vereins, ist es von enormer Wichtigkeit, dass zum Start der Zweiten Liga 2016/17 die Ergebnisse von Anfang an stimmen. Man darf gespannt sein.

Niemals allein
Es ist selbstverständlich, dass langeleine.de den Roten in die „beste Zweite Liga der Welt“ folgt. Daher wird es unser Abseits natürlich auch weiterhin geben und wir kündigen auch in der Spielzeit 2016/17 alle Spiele von Hannover 96 an. Freut Euch also auf Kolumnen über spannende Duelle wie das Derby gegen Peine-Ost, die Aufeinandertreffen mit den Kiez-Kickern aus St. Pauli und Auswärtsfahrten in Welt-Metropolen wie Sandhausen!

(Foto: Susanne Haupt)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Sports

Kommentiere diesen Artikel