Susanne Viktoria Haupt
6. Juni 2016

Wo Fiktion und historische Genauigkeit verschmelzen

Seitenansicht: „Mein Jahr mit Mr Mac“ von Esther Freud

Steht in keiner Weise im Schatten ihrer berühmten Familie: Esther Freuds hat ihren sechsten Roman „Mein Jahr mit Mr Mac“ veröffentlicht

Die Welt steht kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Im kleinen Küstendorf Walberswick im Osten Englands wohnt der 13-jährige Thomas Maggs mit seiner Familie. Seine Eltern betreiben das Gasthaus „Blue Anchor“, das ausschließlich den örtlichen Bauern vorbehalten ist. Der ebenfalls in Walberswick gelegene Pub „The Bell“ ist wiederum für die Fischer. Und Thomas‘ Vater hat so ziemlich gegen alles etwas, was mit dem Meer zu tun hat. Dass Thomas am Liebsten später einmal hinaus zur See fahren würde, ist ein brennender, wenn auch stiller Traum. Aber nicht nur wegen der Abneigung des Vaters, sondern auch, weil Thomas einen verdrehten Fuß hat und hinkt, was seine Tauglichkeit einschränken könnte. Thomas versucht das Leben jedoch stets mit Optimismus zu meistern. Und das, obwohl seine Mutter bereits sechs Kinder verloren hat und von all diesen Verlusten stark geprägt ist und sein Vater seinen Unmut stets im Alkohol ertränkt und diesen im Rausch auch gerne an seiner Frau auslässt. Für Thomas sind die Launen und Zustände seines Vaters nur schwer zu ertragen. Oftmals zieht er sich zurück, streift durch die Gegend, beobachtet die Menschen oder zeichnet dank seines Talents wundervolle Schiffe.

Kurz bevor viele Jahre später der Zweite Weltkrieg ausbricht, erscheint ein neues Paar im Dorf. Mister Mac und seine Frau. Mister Mac erinnert Thomas ein wenig an Sherlock Holmes. Er folgt dem Fremden und sieht, wie dieser im Dunklen durch die Gegend zieht und Pflanzen sammelt, um sie zu zeichnen, denn Mister Mac ist Maler. Thomas ist immer stärker fasziniert von dem merkwürdigen Maler, zumal die Gefahren des Krieges immer näher kommen, aber Mister Mac und seine Frau dem Küstendorf dennoch treu bleiben. In der eingeschworenen Gemeinschaft des Dorfes kommt es indes zu Verschwörungstheorien. So traut man dem merkwürdigen zugezogenen Ehepaar keineswegs über den Weg und glaubt sogar an eine Spionagetätigkeit von Seiten der Deutschen. Thomas lassen diese Theorien größtenteils kalt, denn hinter der ruhigen Fassade des Malers erkennt er immer mehr einen Mann, der ähnlich wie die Welt in einer Krise zu stecken scheint. Und einen Mentor, der ihn in seiner Leidenschaft zur Kunst begeistert fördert…

Ja, Esther Freud ist die Urenkelin von Sigmund Freud und die Tochter des weltberühmten Malers Lucien Freud. In deren Schatten muss sie sich aber dennoch nicht stellen. Viel zu groß und zu intensiv ist ihr erzählerisches Talent und vor allem ihre Fähigkeit, Fiktion und wahre Begebenheiten mit einander zu verweben. Die 1963 in London geborene Schriftstellerin besitzt selber ein Haus im Küstendorf Walberswick und hat nicht nur einzelne Lokalitäten wie beispielsweise das Gasthaus Blue Anchor selbst erlebt, nein, auch Mister Mac war eine reale Person. Charles Rennie Mackintosh war ein von 1928 bis 1968 lebender schottischer Maler und Architekt und obendrein eine führende Persönlichkeit der Art Nouveau-Bewegung sowie Begründer der Künstlergruppe „The Four“. Mackintosh lebte tatsächlich eine Zeit lang in Walberswick, um sich von seinen Alkohol-Problemen zu erholen. Genau diese Tatsachen greift Esther Freud in ihrem Roman „Mein Jahr mit Mr Mac“ auf und verwebt sie liebevoll mit ihrem fiktiven Themen. Dabei kommt man nicht umhin, sich von der erzählerischen Leichtigkeit und Präzision in den Bann ziehen zu lassen – genauso, wie von der nahenden Bedrohung des Krieges und des gewalttätigen Vaters, die sich immer wieder zwischen den Zeilen versteckt oder ganz konkret äußert. Herausgekommen ist ein atmosphärisches Werk über einen bedeutenden Künstler, eine wunderbare Freundschaft und einen wichtigen Abschnitt der Weltgeschichte, die sich in einem kleinen und zunächst unscheinbaren Küstendorf in England widerspiegelt.

Esther Freud: „Mein Jahr mit Mr Mac“, Roman, 368 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827012685, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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