Susanne Viktoria Haupt
20. Juni 2016

Eine unterschätzte Frau

Seitenansicht: „Charlotte“ von David Foenkinos

Portrait einer außergewöhnlichen Malerin: „Charlotte“ von David Foenkinos, Buchcover

Charlotte Salomon ist noch jung, als sich ein dunkler Familienschatten über sie zieht. Ihre Mutter begeht, wie auch schon zuvor ihre Tante, Suizid. In der Familie scheint der „Wahnsinn“ in den Genen zu stecken, so die Beobachter. Charlottes Vater Albert ist Chirurg und vergräbt sich nach dem Tod der Ehefrau noch mehr in seiner Arbeit. Bis er eines Tages die schöne Sängerin Paula Lindberg kennen lernt und heiratet. Paula nährt das Hause Salomon mit den unterschiedlichsten Menschen aus der Kultur-Szene. Während der Antisemitismus immer mehr Einzug in die Gesellschaft erhält und die Nationalsozialisten immer mehr an Macht und Einfluss gewinnen, wächst nicht nur die jüdische Gemeinschaft immer stärker zusammen, sondern auch die Angst. Vor Charlotte versuchen die Eltern alles eine Weile lang noch schönzureden, doch der jungen Frau entgehen die immer tieferen Einschnitte in ihrem Leben nicht. Ein Jahr vor ihrem Abitur muss Charlotte die Schule verlassen. Ihre Zulassung zur Berliner Universität der Künste verdankt sie nur ihrem herausragenden Talent und dem Umstand, dass ihr Vater ein ehemaliger Frontkämpfer war. Doch auch diese Tatsache schützt sie nicht mehr lange und Charlotte muss zu ihren Großeltern nach Südfrankreich ins Exil flüchten. Immer mit dabei ist die Malerei als Hoffnungsschimmer und Ventil für ihren Schmerz…

Die reale Charlotte Salomon ist dem durchschnittlichen Kunst-Interessierten eventuell gar kein Begriff. Leider, denn die Künstlerin hat in ihrer kurzen Lebenszeit über 1300 Gouachen gemalt. Im Alter von 26 Jahren wurde die junge Frau mit jüdischen Wurzeln nach Auschwitz deportiert, wo sie ihr Leben verlor. Ihre Lebensgeschichte hat der französische Autor David Foenkinos in seinem neuesten Werk „Charlotte“ eingefangen. Eigentlich ist Foenkinos eher für leichte, wenn auch teilweise trüb angehauchte Liebesgeschichten bekannt. Sein anrührender Roman „Nathalie küsst“ wurde sogar mit dem französischen Star Audrey Tautou verfilmt. Und auch, wenn Foenkinos Liebesgeschichten nicht ganz so kitschig waren wie diejenigen von manch anderem französischen Autor, so hätte man dem 1974 geborenen Autor eine solch dramatisch-dunkle Hingabe wie in „Charlotte“ fast gar nicht zugetraut. Die Person Charlotte Salomon hat es dem Franzosen jedoch angetan. Foenkinos hat niemals einen Hehl daraus gemacht, wie sehr ihn die deutsche Kultur begeistert. In diesem Zusammenhang stieß er auf die jüdische Ausnahme-Künstlerin und begann seine Recherchen. Er arbeitete sich durch Notizen und Aufzeichnungen und sprach mit Zeitzeugen, um den Lebensweg von Salomon zu rekonstruieren. Auch das Tabu-Thema der Vichy-Regierung lies er nicht unangetastet und setzte es in den Mittelpunkt seiner Handlung, da es schließlich dieser Umstand war, der die Malerin nach Auschwitz brachte.

Für sein literarisches Portrait „Charlotte“ wählte Foenkinos eine ungewöhnliche, nahezu fragmentarische Form. In seinem Werk versammeln sich atemlose Beobachtungen und Gedanken, die manchmal sogar an eine freie Gedichtform erinnern. Hier und da wird ein wenig zu viel Pathos eingestreut, aber Foenkinos lässt immer viel Luft für Imagination. Charlotte Salomon wird durch diesen Roman greifbar – und mit ihr auch die Menschen aus ihrer Umgebung. So wird nicht nur die trübe Familiengeschichte der Salomons lebendig, sondern auch das Grauen der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein sehr waches und einfühlsames Portrait voller Hingabe und historischer Fakten.

David Foenkinos: „Charlotte“, Roman, 240 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN-13: 978-3421047083, 17,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel