Matthias Rohl
27. Januar 2009

Filmgeschichte(n): “Hana-Bi – Feuerblume”

Haiku in Zelluloid, Leben am Nullpunkt: Mit seinem siebten Film schuf Multitalent Takeshi Kitano einen modernen Klassiker des asiatischen Kinos

In einer japanische Metropole der 90er-Jahre lebt der Polizist Nishi (gespielt von Regisseur Takeshi Kitano) – und steht vor den Trümmern seines Lebens. Seine Frau Miyuki (Kayoko Kishimoto) ist unheilbar an Blutkrebs erkrankt und die einzige gemeinsame Tochter gestorben. Die Yakuza schießt seinen Kollegen Horibe (Ren Osugi) zum Krüppel, zwei weitere werden durch seine Mitschuld bei gemeinsamen Einsätzen getötet. Zu allem Übel steht Nishi bei Kredithaien schwer in der Kreide, bei denen er sich Geld für die teuren Medikamente zur Behandlung seiner Frau geliehen hat. Mit stoischer Verbitterung trifft der Polizist eine folgenschwere Entscheidung, befreit sich von allen moralischen Konventionen und tritt an, diese aus den Fugen geratene Welt wieder ins Lot zu bringen…

Hana-Bi - Feuerblume, Plakatmotiv

Metaphorische Strahlkraft: „Hana-Bi – Feuerblume“, Plakatmotiv

Stilisiertes Schweigen

Mit „Hana-Bi – Feuerblume“ (1997), seinem siebten Film, schuf das japanische Multitalent Takeshi Kitano einen modernen Klassiker des asiatischen Kinos – einen Haiku in Zelluloid. Seine lakonisch-bedächtigen Mikrokosmen schweigend-introvertierter und vereinsamter Einzelgänger, die in extrem stilisierten und dabei präzise komponierten Bildern erzählt werden, entfalten ihren ganz eigentümlichen Sog. Die Männer in Kitanos Filmen haben stets einen „Point-of-no-return“ erreicht, und die Handlung entfaltet kontemplativ anmutende Momente von großer metaphorischer Strahlkraft und zenbuddhistischer Windstille, in die hinein sich die aufgestaute Gewalt in erruptiven, emotionslosen Explosionen entlädt. Das stilisierte Schweigen der gebrochenen Helden ist dabei jedoch nicht bloßes Rollen-Kalkül, sondern gehorcht einer Einsicht, die Takeshi Kitano, der seine Karriere in Japan als Stand-up-Comedian begann und hierdurch zum Medienstar avancierte, in einem Interview umriss: „Alle lachen, auch wenn ich ernst bin. Deshalb spreche ich nicht viel in meinen Filmen, außerdem sind mir Bilder wichtiger als Worte. Generell vertraue ich bei der Kommunikation nicht sehr auf Worte, trotz der Gefahr, die frühen Stummfilme zu parodieren, sind meine Filme oft fast stumm.“ Die Kritiker zeigten sich hingerissen: Bei den 54. internationalen Filmfestspielen in Venedig gewann die „Feuerblume“ völlig verdient den Goldenen Löwen.

Takeshi Kitano

Unruhiger Geist: Regisseur und Hauptdarsteller Takeshi Kitano

Schizophrene Spiele

„Ich treffe Leute aus verschiedenen Welten, um mein Wissen zu erweitern, ich selbst versuche, so vielseitig wie möglich zu sein. Filme sind etwas Synthetisches, sie vereinen Musik, Drehbücher, Romane, Fotografie, Komik. Man muss für alles empfänglich sein, wie eine Antenne.“ Kein Zweifel: „Beat Takeshi“, wie er in seiner Heimat genannt wird, ist ein produktiv unruhiger, vielseitiger Geist. Und spielt mit wechselnden Identitäten: „In Japan ändert man oft die Namen der Schauspieler wie im Kabuki-Theater: Man hat Bühnennamen, es ist, als besäße ich zwei Marionetten, ich setze sie ganz bewusst ein, manchmal denke ich, ich bin schizophren, aber Schizophrene sind sich der Manipulation nicht bewusst.“ Mit Blick auf seine ausländischen Kritiker fügt er hinzu: „Meine Filme werden im Ausland als brutal angesehen, dieses Image hat sich in den Köpfen festgesetzt. Gewalt ist notwendig, um andere Botschaften zu vermitteln, das stört mich sehr, aber ich kann keine Kompromisse eingehen.“

“Hana-Bi”, Szenenfoto

Metamorphose zur Liebestragödie: „Hana-Bi“, Szenefoto

Oszillierende Poesie

Wie schon der Titel des Films als poetische Referenz zwischen den Polen Feuer und Blume oszilliert, so zeigt auch die assoziativ montierte Handlung immer wieder die melancholischen Momente des Aufbruchs zur letzten Reise in den Tod als vielgestaltige Kehrseite kontemplativer Schönheit. Die Gewalt flackert in der lakonischen Stimmung in drastischen, dann wieder lyrischen Bildern auf – und Takeshi Kitano verleiht seiner Darstellung jene beeindruckend-intensiv nachwirkende, resignierte Gelassenheit eines Verdammten, der sich in eisiges Schweigen hüllt, um jene unerforschten Regionen seelischer Versteinerungen kunstvoll ins Bild zu setzen. Dieser Mann zeigt keine Emotionen, weil das, was er fühlt, in keiner Sprache der Welt eine Entsprechung fände. Nicht ohne ergreifende Komik sind indes jene zärtlichen Momente zwischen Nishi und seiner Frau Miyuki auf ihrer Reise in Richtung nahendes Ende. Es zeugt von großer Regie-Könnerschaft, der Metamorphose von der blutigen Gangster-Groteske zur poetischen Liebestragödie vor unseren staunenden Augen auf so ungemein subtile Weise Gestalt verliehen zu haben. In seinen „Maximen und Reflexionen“ bekennt Goethe: „Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.“ Diese Einsicht lehrt uns „Hana-Bi“ mit großer Überzeugungskraft.

nächste Folge:
„Amores Perros“
Großer Wurf aus Mexiko: Alejandro González Iñárritu ingeniöser Auftakt zu einer der bestechendsten Trilogien der Gegenwart

(Fotos: Pressefotos, Wikipedia)

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Kategorien: Film

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