Anna Braun
18. Juli 2016

Eine Comedian in Burka

Seitenansicht: „Funny Girl“ von Anthony McCarten

Rasante Geschichte über eine mutige junge Frau: Anthony McCartens „Funny Girl“, Buchcover

Azime Gevaş ist eine junge, muslimische Londonerin. Die Hauptfigur von Anthony McCartens Roman „Funny Girl“ ist gewitzt, schlau und geht keine Kompromisse ein. So wehrt sich die kurdischstämmige Zwanzigjährige gegen alle in Frage kommenden Heiratspartner, die ihre Mutter zusammen mit einem Heiratsvermittler ausgesucht hat. Sie lehnt es auch ab, den Hidschab zu tragen und stößt damit auf großes Unverständnis in ihrer Umgebung. Als ein Mädchen vom Balkon stürzt, besteht der Verdacht auf Ehrenmord – und Azime erkennt, dass etwas passieren muss: „Ich habe eine Mission. Ich will Vorurteile bekämpfen.“ Ihr mutiger Entschluss steht fest: Azime möchte die erste weibliche muslimische Stand-Up-Comedian der Welt werden. Unterstützt wird sie bei ihrem Vorhaben durch den etwas schrägen, aber sehr liebenswerten Deniz, ihren besten Freund.

Azime liebt Witze und sammelt ihre eigenen Pointen auf dem PC ihres Vaters in einem Ordner mit dem Namen „Couch-Garnituren“. Einen Einblick in Azimes Humor bekommen die Leser schnell: „Meine Eltern stammen aus dem kurdischen Teil der Türkei, aber ich bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, und jetzt arbeite ich hier und bezahle meine Steuern, mit anderen Worten, ich bin Ausländerin. Und ich bin Komikerin. Schön, dass Sie nicht lachen.“ Nur während ihrer Comedy-Show trägt Azime eine Burka, ansonsten lebt sie ohne Kopfbedeckung, aber sie hat immer ein unerschöpfliches Budget an Witzen dabei. Für manche Figuren in „Funny Girl“ sind ihre Witze eine Provokation. Schon bald bekommt Azime Morddrohungen, die sie in tiefe Verzweiflung und Angst stürzen. Doch sie bleibt mutig und ihre Auftritte werden immer erfolgreicher. „Funny Girl“ zeigt nicht nur die Entwicklung von Azime, sondern auch die ihrer Familie, die nur mühsam damit beginnt, Verständnis für ihre so anders tickende Tochter aufzubringen.

Nach dem rührenden Roman „Superhero“, der sich mit dem sterbenskranken Donald Delpe beschäftigte, ist Anthony McCarten 2014 mit „Funny Girl“ sein sechster, überaus spritziger Roman gelungen, der ansprechend für jedes Alter ist. Der neuseeländische Roman-Autor, Theater-Schriftsteller und Filmemacher wurde für seinen Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ zwei Mal für einen Oscar nominiert. Dass er ein Händchen für Skurriles und Komik hat, beweist er nun erneut. „Funny Girl“ hat er den Zainab Shafia gewidmet, die 2009 Opfer eines Ehrenmordes wurde. Mit „Funny Girl“ spricht McCarten auf humoristische Weise ein ernstes Thema an, ohne dabei bei nur einer Perspektive zu bleiben. Jede Figur bekommt Platz, eigene Wertvorstellungen und Handlungen zu erklären, so dass die Problematik, die das Buch beschreibt, von verschiedenen Seiten beleuchtet wird.

Anthony McCarten lässt in seinem Roman einen Erzähler sprechen, der Azime sehr genau kennt und beobachtet. Der Leser wird somit zum Zuhörer von Azimes Comedy-Shows und bekommt Einblicke in ihr Seelenleben. Wie fühlt sich eine junge Frau in London, die einen ständigen Spagat zwischen einer westeuropäischer Umgebung und ihrer kurdisch-muslimisch lebenden Familie aushalten muss? Das Buch startet in medias res mit einem Comedy-Aufritt Azimes, der wortgetreu wiedergegeben wird. Ein Teil der erlebten Aufregung der Protagonsitin überträgt sich so dann auch auf die Leser. Der humorvolle und lockere Stil McCartens zieht sich durch die ganze Geschichte und macht das Buch so zu einer äußerst kurzweiligen Lektüre. „Funny Girl“ ist ein leicht zu lesender, spannender Roman, der von Frische trotz des teilweise tragischen Inhalts nur so überquillt.

Anthony McCarten: „Funny Girl“, Roman, 384 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN-13: 978-3257243161, 13 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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