Jörg Smotlacha
4. Juli 2016

Das falsche Paradies

Seitenansicht: „Das dritte Leben“ von Juan Villoro

Bizarre Gesellschaftssatire: Juan Villoros „Das dritte Leben“, Buchcover

Mitten im tropischen Dickicht der mexikanischen Karibik-Küste liegt der Urlaubsort Kukulcán, doch die Hotels dort stehen leer, das Meer ist durch Ölbohrungen verseucht und der erodierte Strand wenig einladend. Einzig die Event-Anlage „Die Pyramide“ floriert, gemanagt vom eigenwilligen Mario Müller, der in seinem vorherigen Leben Sänger der einst erfolgreichen Rock-Band Los Extraditables war und nun das seltsame Luxus-Hotel mittels eines All-inclusive-Abenteuerurlaubs-Programms am Laufen hält. Bungee-Jumping, Urwald-Exkursionen, Giftschlangen und Ausflüge, bei denen es zu kurzweiligen Überfällen durch eine gefakte Guerilla kommt, sollen den reichen Hotel-Gästen den ultimativen Kick verpassen.

Soweit die Ausgangslage in „Das dritte Leben“, dem neuen Roman des mexikanischen Autors Juan Villoro. Im Mittelpunkt der Handlung aber steht Marios alter Kumpel Tony, einst Bassist der Los Extraditables. Ein Ich-Erzähler, dessen Perspektive durch seine Drogen-Vergangenheit stark eingeschränkt ist. In der Pyramide soll er die Bewegungen von Fischen im Aquarium in Töne verwandeln, um so für die Entspannung der Gäste zu sorgen. Ein ziemlich blödsinniger Job, der Tony langweilt. Stattdessen erinnert sich der Ex-Süchtige, der nach einem Unfall einen Finger verlor und dessen Verstümmelung nicht nur körperlich ist, lieber an einen frühreren Auftritt mit Velvet Underground und seine verflossen Geliebte Luciana, die ihn wegen seiner andauernden Exzesse verlassen hat.

Dann geschieht etwas Unerwartetes: Der Tauchlehrer Ginger Oldenville wird in der Pyramide vor dem Aquarium mit einer Harpune im Rücken aufgefunden und „Das dritte Leben“ bekommt einen Krimi-Plot. Tony wundert sich: „Sein Leben in der Pyramide war eine enthusiastische Reihe von Kopfsprüngen im Sonnenlicht gewesen. Wer hätte etwas gegen ihn haben können?“ Die Ereignisse überschlagen sich: Tony hat Sex mit Sandra, einer attraktiven Amerikanerin ohne Papiere, die ebenfalls in der Pyramide arbeitet, aber von Sicherheitschef Támez erpresst wird. Der Taucher Roger Bacon stirbt ebenso plötlich wie Ginger Oldenville, und es stellt sich heraus, dass die beiden möglicherweise ein Verhältnis miteinander hatten. Inspektor Rios tritt auf den Plan und verwirrt Tony mit seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden. Und Gringo Petersen, der Hotel-Betreiber, verfolgt offenbar ebenso eigene Interessen wie der Atrium-Konzern, der hinter dem ganzen Projekt steckt. Doch als wäre das nicht genug, hat auch Mario Müller ein Geheimnis: Er ist schwer krank und hat einen ganz eigenen Plan mit Tony…

Die Protagonisten und Szenerien in „Das dritte Leben“ leuchten bunt und die Pyramide erweist sich schon sehr früh als Mikrokosmos der mexikanischen Geschichte: Die Kellner, Wächter, Putzleute, Klempner, Gärtner und Straßenkehrer sind „moderne Mayas“, die Eigentümer der Anlage natürlich „Gringos“. Und während die indigene Kultur ein schmückendes Beiwerk für die dekadente Tourismus-Industrie darstellt, steht die kapitalistische Spaß-Gesellschaft vor den Trümmern ihrer Existenz: „Mexiko ist ein Land bombastischer Illusionen“, die Pyramide ist längst ein Abschreibungs-Objekt und die Hauptverantwortlichen de­li­rie­rende Verlierer kurz vor dem Absturz.

Juna Villoro gilt als einer der bekanntesten Autoren Mexikos. Einer seiner größten Erfolge gelang ihm 2004 mit seinem Roman „Der Zeuge“. „Das dritte Leben“ hingegen hat einen deutlichen Schwachpunkt, denn der Krimi-Plot trägt nicht wirklich und ist schlichtweg uninteressant. Gut, dass das egal ist, denn alles andere ist brillante Gesellschaftssatire zwischen Parodie und Dystopie, die durchaus mit Werken wie Dave Eggers‘ „Hologramm für einen König“ mithalten kann. „Das dritte Leben“ handelt von einem Paradies, das zur Hölle wird. Die Figuren sind bizarr, die Geschichte ein Verwirrspiel voller Täuschungen und gelungener Anspielungen und auch das Ende der Story ist noch einmal überraschend. Unbedingt lesenswert!

Juan Villoro: „Das dritte Leben“, Roman, 288 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446249134, 19,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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