Susanne Viktoria Haupt
25. Juli 2016

„Those who don’t believe in magic will never find it“

Seitenansichten Spezial: eine kritische Würdigung zum 100. Geburtstag von Roald Dahl

Schenkte der Welt zahlreiche wertvolle Geschichten, war aber nicht immer ganz unumstritten: Roald Dahl

Roald Dahl gehört unbestritten zu den größten und erfolgreichsten Geschichten-Erzählern der Welt. Der 1916 in Wales geborene Schriftsteller war zudem ein echtes Multitalent. Neben seiner Arbeit als Autor war er Verfasser von Drehbüchern, Pilot, Abenteurer und zudem ein nicht zu verachtender Fotograf. Bekannt ist er vor allem durch seine Kinderbücher, beispielsweise „Matilda“, „James und der Riesenpfirsich“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Diese drei Werke und noch viele weitere wie zum Beispiel „Hexen hexen“ wurden verfilmt und schnell zu Publikumslieblingen. „Charlie und die Schokoladenfabrik“ durfte sich gleich zweimal auf dem Bildschirm niederlassen. Einmal 1971 als Musical-Film mit Gene Wilder, für den Dahl das Drehbuch verfasste, und 2005 unter der Regie von Tim Burton mit Johnny Depp in der Rolle des exzentrischen Willy Wonka. Seit vergangener Woche läuft nun die von Steven Spielberg verfilmte Adaption von Dahls Kinderbuch-Klassiker „BFG“ in den Kinos. Passend zum 100. Geburtstag des Walisers. Ein guter Grund, um einen tieferen Blick in den Dahl-Kosmos zu werfen.

Gewähren den Lesern einen tiefen Einblick in Roald Dahls Lebensgeschichte: die Biographien „Boy“ und „Going Solo“, Buchcover

Mit norwegischen Wurzeln zum britischen Literatur-Star

Es ist nicht sonderlich schwierig, an genügend Informationen über den Lebensweg des 1990 verstorbenen Schriftstellers zu kommen. Roald Dahl war augenscheinlich nicht nur ein begnadeter Geschichten-Erzähler, sondern zudem einer, der auch das dringende Bedürfnis verspürte, seine eigene einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zu Lebzeiten verfasste er zwei Autobiographien. „Boy“ widmet sich seiner Kindheit und Jugend, während es in „Going Solo“ vor allem um Dahls Zeit als Mitglied der Royal Air Force während des Zweiten Weltkriegs geht.

Roald Dahl wuchs in Llandaff in der Region Cardiff auf. Die charmante Küsten-Metropole ehrt seinen Autor noch heute durch Plaketten und den „Roald Dahl Plass“, einen öffentlichen Platz nahe des Hafens. Dahls Eltern waren keine Waliser, sondern kamen aus Norwegen. Sein Vater Harald Dahl verließ Norwegen gemeinsam mit seinem Bruder als junger Mann in Richtung Frankreich. Beide erhofften sich weiter im Süden ein besseres Leben und hatten einen guten Riecher für die richtigen Wirtschaftszweige. Harald Dahl ließ sich zuerst in Paris nieder und gründete eine Familie, um später nach dem Tod seiner ersten Frau nach Cardiff zu ziehen. Dort lebte er dann mit seiner zweiten Frau, der Norwegerin Sofie Magdalene Dahl und seinen beiden Kindern aus erster Ehe in sehr guten Verhältnissen. Mit Sofie erweiterten sie die Familie noch um Roald sowie seine Schwestern Astri, Alfhild und Else.

In „Boy“ erzählt Dahl davon, dass er seinen Vater zwar nicht sonderlich gut kannte, da dieser früh an einer Lungenentzündung verstarb, sich jedoch alle Geschichten gemerkt hat, die ihm seine Mutter erzählte. Eine davon war, dass sein Vater, wenn seine Frau schwanger war, jeden Tag eine Stunde mit ihr in die Natur ging, um die Schönheit der Welt zu erfassen. Er war der festen Überzeugung, dass diese Schönheit auf das ungeborene Kind übertragen würde und es dadurch empfänglicher für die Dinge werden würde. Auch über seine langen Sommer-Aufenthalte in Norwegen schrieb Dahl in „Boy“. Seine Beobachtungen sind dabei sowohl präzise als auch immer mit einer ordentlichen Prise Alltags-Magie versehen.

Begeistert junge und erwachsene Leser gleichermaßen: „Charlie und die Schokoladenfabrik“, Buchcover

Die eigene Kindheit als Quelle der Inspiration

Viele Erlebnisse aus Dahls Kindheit und Jugend bildeten eine Grundlage für seine späteren Storys. Seine wohl bekannteste Kindergeschichte „Charlie und die Schokoladenfabrik“ hat ihren Ursprung in seiner Zeit auf der Repton School in Derbyshire. Die Jungen dort waren Tester der britischen Süßwaren-Marke „Cadbury“ und erhielten jährlich Pakete mit den neuesten Kreationen. Für Dahl war klar, dass es in der Fabrik einen Raum geben muss, in der sich in weiß gekleidete Männer den ganzen Tag neue Leckereien ausdenken. Dahls Buch sorgte jedoch auch für einige Skandale. Beispielsweise waren die beliebten Umpa-Lumpas in ihrer ursprünglichen Fassung Pygmäen aus Afrika, was Roald Dahl den Vorwurf von Rassismus einbrachte. Außerdem empfanden viele Kritiker die Darstellungen in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ als sadistisch. All dies hielt die Geschichte rund um Charlie und Willy Wonka jedoch keineswegs davon ab, zum Klassiker zu werden. Und Dahl selbst blieb bis zu seinem Tode ein großer Fan von Cadbury-Schokolade. In seinem „Writing Hut“, einer kleinen Hütte, in die er sich jeden Tag um zehn Uhr morgens zum Schreiben zurückzog, fand man immer wieder eine handgroße und feste Kugel, die aus Schokoladenpapier geformt war.

Provozieren konnte der charismatische Schriftsteller in jedem Fall gut. Nicht nur „Charlie und die Schokoladenfabrik“ verstörte einige Leserinnen und Leser mit seinen teilweise herben und gewaltvollen Darstellungen, auch das Buch „Hexen hexen“ ließ wegen der angsteinflößenden und offensichtlich Kinder hassenden Hexen bei Eltern und Lehrern gerne Sorgenfalten auf der Stirn entstehen. Allerdings waren es nicht nur Dahls geschriebene Werke, die Kritiker gegen ihn aufbrachten. In einem Interview verstieg er sich zu der These, dass es schon „einen Grund“ gegeben haben müsse, warum Hitler es auf die Juden abgesehen hätte. Mit dieser fürchterlichen Äußerung hat sich der Autor natürlich keine Freunde gemacht, und dennoch versuchten Freunde und Familie die Öffentlichkeit immer wieder davon zu überzeugen, dass sie zwar Dahls Äußerung über Hitler für absolut „dumm“ hielten, Dahl jedoch einfach jemand wäre, der gerne provozieren würde und keinesfalls judenfeindlich sei. Schließlich hätte er zudem zahlreiche jüdische Freunde und Geschäftspartner gehabt.

Eine unerschrockene und intelligente Kinderbuchheldin: Roald Dahls „Matilda“

Von der magischen Kraft der Litertur

Es ist keine Frage, dass Roald Dahl großartige Geschichten geschrieben hat, die aufzeigen, welche schützende und magische Kraft die Literatur haben kann, so zum Beispiel „Matilda“. Im Mittelpunkt dieser Story steht das hochbegabte Mädchen Matilda, dass eine große Vorliebe für Bücher hegt und schon im frühen Kindesalter literarische Größen wie Charles Dickens und Ernest Hemingway liest. Ihre Intelligenz bleibt innerhalb der Familie nicht nur unbeachtet, sondern wird sogar verachtet. Ihre Mutter ist süchtig nach Bingo und ihr Vater ein korrupter Gebrauchtwagenhändler. Matildas Eltern und ihr großer Bruder sitzen lieber vor dem Fernseher, als sich einem Buch zu widmen. Gebildete Menschen sind für sie eine arrogante Plage. Erst als Matilda in die Schule kommt und auf die junge Lehrerin Frau Honig trifft, wird ihre Hochbegabung entdeckt. Allerdings entwickelt Matilda noch ganz andere Kräfte und setzt diese sowohl gegen ihren Vater ein als auch gegen die brutale Schulleiterin Fräulein Knüppelkuh… Verfilmt wurde „Matilda“ 1996 mit Mara Wilson in der Rolle der Matilda, Danny DeVito übernahm die Rolle des Vaters und stand auch als Regisseur hinter der Kamera

In „BFG“ („Big Friendly Giant“) wiederum, dessen Spielberg-Verfilmung nun in den Kinos anläuft, geht es um die kleine Waise Sophie (Ruby Barnhill). Das, was Sophie am meisten interessiert, ist, was während der Geisterstunde passiert. Und so wartet die Zehnjährige nachts am Fenster. Allerdings trifft sie nicht auf Geister, sondern auf einen Riesen, der sie aus dem Waisenhaus entführt. Erst hat Sophie riesige Angst, da sie glaubt, dass der Riese sie fressen will. Der große Fremde mit den Segelohren ist allerdings ein freundlicher Geselle, der nachts durch die Städte zieht, um den Menschen schöne Träume durch die Fenster zu blasen. Gemeinsam hecken Sophie und der Riese einen Plan aus. Während der Film vor allem in Großbritannien gefeiert wird, stößt er hierzulande auf eher gemischte Kritiken. Wodurch der Film jedoch in jedem Fall überzeugt, sind die von Magie erfüllten Szenen, welche die Zuschauer ganz schnell in eine andere Welt transportieren. Roald Dahl schrieb diese Geschichte für seine Enkeltochter Sophie, der auch die mutige Protagonistin nachempfunden ist.

Gerade in den Kinos eingetroffen: die Spielberg-Verfilmung „BFG“, Filmplakat

Nicht nur für Kinder interessant

Roald Dahl schrieb jedoch nicht nur für Kinder, sondern auch sehr erfolgreich für Erwachsene, dabei ließ er vor allem seiner makabren und schwarzhumorigen Seite freien Lauf. Seine Kurzgeschichte „The Smoker“ wurde ebenfalls mehrfach filmisch adaptiert, unter anderem als Folge von „Alfred Hitchcock presents“ mit Hitchcock selbst als Darsteller und 1995 von Quentin Tarrantino als dessen Segment in dem Episodenfilm „Four Rooms“. Die britische Serie „Tales of the Unexpected“, die zwischen 1979 und 1988 auf ITV lief, basierte ebenfalls auf Kurzgeschichten von Roald Dahl. Bedient wurde sich hierfür sowohl in Dahls gleichnamigen Band „Tales of the Unexpected“ als auch bei „Kiss Kiss“ und „Someone like you“.

Ein immer wiederkehrender Name im Zusammenhang mit Roald Dahl ist übrigens Quentin Blake. Der 1932 in London geborene Comic-Zeichner und Kinderbuch-Autor hat bereits über 300 Kinderbücher illustriert und dafür unter anderem den Hans Christian Andersen-Preis bekommen. International wurde er durch seine Zeichnungen für Roald Dahls Bücher und Kurzgeschichten bekannt. Dahl war von Blakes präzisen und mit Wasserfarben colorierten Zeichnungen begeistert und vertraute ihm jedes seiner Werke an.

Im Roald Dahl Museum and Story Centre befindet sich unter anderem eine mit Originalstücken ausgestattete Nachbildung seines „Writing Huts“

Auf den Spuren von Roald Dahl

Während man in Wales den Roald Dahl Plass besuchen kann, wird man im englischen Great Missenden, ungefähr eine Autostunde von London entfernt, noch viel stärker in den Dahl-Kosmos gesaugt. In dieser kleinen Stadt hatte sich Dahl nämlich einst für ganze 36 Jahre niedergelassen. Um sein Vermächtnis zu ehren, wurde dort 2005 das Roald Dahl Museum and Story Centre eröffnet. Das Museum, das für Kinder von sechs bis zwölf Jahren angelegt ist, lockt seine Besucher mit Original-Briefen und Aufzeichnungen des Schriftstellern, Dokumentationen zu den einzelnen Entstehungsgeschichten seiner Werke, Dahls alter Schul-Uniform zum Anprobieren, Fotos sowie einer Nachbildung seines „Writing Hut“. Neben verschiedenen Festen und Sonderaktionen werden einem zudem Broschüren ausgehändigt, mit denen sich beispielsweise die Lieblings-Spazierwege des Schriftstellers erkunden lassen. Noch heute legen Kinder dort Spielzeuge, Schokolade und Blumen nieder. Im Shop des Museums lassen sich allerhand Andenken, aber natürlich auch alle Bücher von Dahl erwerben. Vom Verkauf der Bücher gehen dabei stets 10 Prozent an die Roald Dahl-Stiftung, die sich unter anderem gegen Analphabetismus einsetzt. Nicht nur in Great Missenden, sondern auch in vielen weiteren Teilen Großbritanniens feiern Jung und Alt nun schon seit Wochen auf verschiedenen Festen den am 23. September stattfindenden 100. Geburtstag des Schriftstellers.

Auch, wenn man Roald Dahl nicht ganz kritikfrei begegnen kann, so sollte man sein literarisches Vermächtnis in Ehren halten und es am besten in seinen Regalen platzieren. Mindestens eine seiner unzähligen und häufig zitierten Aussagen sollte man sich durchaus zu Herzen nehmen: „Those who don’t believe in magic will never find it“ – „Wer nicht an Magie glaubt, wird sie niemals entdecken“. Happy birthday, Roald Dahl!

(Fotos: Wikipedia.de (1), Buchcover (2,3,4), Filmplakat (5), Susanne Viktoria Haupt (6))

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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