Susanne Haupt und Poppy Lingham
29. August 2016

Literarisches Shoppen in London

Seitenansichten Spezial: Ein bibliophiler Streifzug durch London

Als Buch-Liebhaberin ist man hier umgeben von Freunden: die Buchhandlung „Foyles“ in London

London ist, wie nahezu jede Metropole, ein literarischer Dreh- und Angelpunkt. Sir Arthur Conan Doyle ließ den wohl bekanntesten Detektiv aller Zeiten, Sherlock Holmes, in die Londoner Baker Street einziehen. J.K. Rowling lies Harry Potter vom Gleis 9 3/4 in Kings Cross Richtung Hogwarts fahren. Marry Poppins sucht im gleichnamigen Roman von P.L. Travers die Familie Banks in der britischen Metropole auf. Und auch Daniel Dafoe, Autor des Klassikers „Robinson Crusoe“ war ein waschechter Londoner. Alleine die Liste der Schriftsteller, die sich zu Lebzeiten in London niederließen, ist unglaublich lang und reicht von Oscar Wilde bis hin zu Bram Stroker. Man könnte ein ganzes Buch damit füllen.

Als ich vor einigen Wochen selbst nach London fuhr, hatte ich Großes vor. Ich wollte mich umschauen, in Buchhandlungen stöbern und mich von der literarischen Aura der Stadt einfangen lassen. Und ganz besonders hatte ich Freude, mit meiner Freundin Poppy durch die Gegend zu ziehen. Zwar wurden unsere Wege auch von der ein und anderen Buchhandlung gekreuzt, aber jeder weiß wie das ist, wenn man mit engen Freunden unterwegs ist. Was wäre der Journalismus ohne die Hilfe von Auslands-Korrespondenten? Eine ziemlich kurzsichtige Angelegenheit. Deswegen bildet die Basis dieses Artikels die tatkräftige Unterstützung meiner Londonerin Freundin, die für langeleine.de einen Teil der schönsten und sehenswertesten Buchhandlungen in der englischen Hauptstadt aufgespürt und dokumentiert hat. Für die 24-Jährige keine unangenehme Aufgabe, da sie sich ohnehin nur zu gerne in Buchhandlungen verliert – und anschließend auch zwischen den Seiten neu erstandener Werke.

Rekordverdächtige Buchhandlung

Auf fünf Etagen wird es bei „Foyles“ niemals langweilig

Die Buchhandlung „Foyles“ an der Charing Cross Road dürfte so manchem Buchladen-Touristen keine Unbekannte sein. 1903 von den Foyle-Brüdern gegründet, durfte sie sich lange Zeit im Guinness-Buch der Weltrekorde als größte Buchhandlung der Welt verzeichnen lassen. Großer Beliebtheit erfreute der Laden sich ursprünglich aber durch einige ungewohnte Methoden, wie beispielsweise der Sortierung der Bücher nach Verlagen und einem Zwei-Kassensystem. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist „Foyles“ zwar nicht mehr die größte Buchhandlung der Welt und hat sich auch von einem Teil seines traditionellen Konzeptes verabschiedet, beherbergt aber immer noch die größte Menge an Büchern in Großbritannien. Auf fünf Etagen werden die Besucherinnen und Besucher von kundigen und freundlichen Mitarbeiterin empfangen, die gleichermaßen eine hohe Affinität zur Literatur haben. Und wer zwischendurch mal eine Pause braucht, wird im Obergeschoss fündig. Dort serviert ein eigenes Café Kuchen, Sandwiches und selbstverständlich auch die klassischen Getränke. Um das Angebot abzurunden, lockt „Foyles“ das ganze Jahr über mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und einer eigenen Ausstellungsfläche. Auch, wenn manch einer den Charme vergangener Tage vermissen dürfte, bleibt „Foyles“ deshalb eine feste und bereichernde Institution der Londoner Literatur-Landschaft.

Unikat mit spannender Geschichte

Mehr als nur eine Buchhandlung: „Gay’s The Word“ ist auch wichtige eine Begegungsstätte

Ein echtes Unikat für Großbritannien stellt die Buchhandlung „Gay’s the Word“ dar. Die Buchhandlung in der Marchmont Street ist die einzige, die sich voll und ganz auf LGBT-Literatur konzentriert. Gegründet wurde sie 1979 von der Gruppe „Gay Icebreakers“. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur der Verkauf von einschlägiger Literatur, sondern diente auch als Treffpunkt für die LGBT-Community. Von 1984-1985 war sie zudem Dreh- Und Angelpunkt der Aktivisten der „Lesbians and Gays Supports the Miners“-Gruppe, die mit viel Einsatz Spenden für die Minenarbeiter während des einjährigen Streiks sammelten. In der Buchhandlung „Gay’s the Word“ fanden sie einen Raum für ihre Treffen und tatkräftige Unterstützung. Zudem haben im Laufe des 37-jährigen Bestehens von „Gay’s the Word“ schon etliche namenhafte Schriftsteller dort für eine Lesung Halt gemacht. Allen Ginsberg, David Edmund White und Damian Barr sind nur einige davon. Neben Klassikern der LGBT-Literatur lassen sich in der gemütlichen Buchhandlung aber auch unbekanntere Werke, Neuerscheinungen und wissenschaftliche Bücher finden. Wer sich intensiver mit „Gay’s the Word“ beschäftigen möchte, kann sich beispielsweise eine in drei Teile aufgeteilte Dokumentation über diesen einzigartigen Buchladen auf YouTube anschauen oder aber auch den Spielfilm „Pride“ von Matthew Warchus, der die Geschichte der „Lesbians and Gays Supports the Miners“ behandelt.

So schön kann es ein, nach Reise-Literatur zu stöbern

Bei „Daunt Books“ kann man sich bereits im bloßen Anblick verlieren

Die Buchhandlung „Daunt Books“ in der Marylebone High Street besticht schon alleine durch ihre Äußerlichkeiten. 1910 gebaut, blinkt diese Buchhandlung ganz im Stil von Edward VII. und hat sich auf Reiseliteratur spezialisiert. Seit 2010 veröffentlicht „Daunt Books“ auch selbst. Der Umstand, dass „Daunt Books“ zu einer Handelskette gehört, macht den Laden nicht weniger charmant. Denn alle Bücher sind nach Ländern sortiert, und die Leserinnen und Leser dürfen sich vor allem an der ruhigen, an eine Bibliothek erinnernde, Atmosphäre erfreuen. Das ganze Jahr über lockt „Daunt Books“ zudem mit Lesungen und Signier-Stunden zahlreiche Kunden an. Nicht nur ein Muss für die, die auf der Suche nach einem Reiseführer sind, sondern vor allem für alle, die einen Faible für besonders schöne Buchhandlungen haben.

Ein ganzer Planet für Nerds

Und auch hier kann man locker einen Nachmittag verbringen: „Forbidden Planet“

„Forbidden Planet“ in der Shaftesbury Avenue wiederum ist die weltweit größte Anlaufstelle für Fans von Sci-Fi, Fantasy, Comics, Manga, Anime und Horror und daher ein echtes Paradies für Nerds. Der Megastore erstreckt sich über zwei beeindruckende Etagen. Im Erdgeschoss befindet sich eine beeindruckende Auswahl an Merchandise und bedient von „Doctor Who“ über „Minecraft“, „The Legends of Zelda“ und „Adventure Time“ bis hin zu „Star Wars“ so gut wie jeden großen Fandome. Im Untergeschoss können sich die Besucher durch eine nicht weniger imposante Auswahl an Comics, Graphic Novels, DVDs und Mangas wühlen. Es ist deshalb quasi nahezu unmöglich, aus diesem Laden herauszugehen, ohne nicht wenigstens ein Teil der dargebotenen Artikel gekauft zu haben. Gegründet 1978 in London und benannt nach dem gleichnamigen Science-Fiction-Film von Fred M. Wolcox aus dem Jahre 1956, konnte „Forbidden Planet“ durch seinen stetigen Erfolg nicht nur in weitere englische Städte expandieren, sondern erfreut sich auch weiterer Niederlassungen in Dublin und New York.

Echte Neuentdeckungen

Liebevoll gestaltete Ausgaben fast vergessener (weiblicher) Stimmen: „Persephone“ lockt mit unbekannten Schätzen

„Persephone“ in der Lamb’s Conduit Street ist die Buchhandlung des gleichnamigen Verlags, der sich vor allem auf vernachlässigte Werke von Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts spezialisiert hat. Die von „Persephone“ herausgegebenen Editionen sind allesamt in sanften Grau-Tönen gehalten. Eine ruhige Buchhandlung vor allem für diejenigen, die glauben, schon alles Wichtige gelesen zu haben. Hier lassen sich ganz neue Schätze finden.

Bücher und Kuchen als Erfolgsrezept

Erfüllt die Ansprüche eines klassischen Buchkäufers: der „London Review Bookshop“

Nur einen Steinwurf vom British Museum entfernt befindet sich die 2003 eröffnete Buchhandlung „London Review Bookshop“. Hier findet man sowohl Klassiker aus dem Fiction- und Non-Fiction-Bereich und natürlich interessante Neuerscheinungen. Angeschlossen an ein eigenes kleines Café lässt sich vor, nach oder auch zwischen dem Stöbern ein leckeres Stück Kuchen genießen. Neben Signierstunden und Lesungen bietet der „London Review Bookshop“ zudem einmal im Monat einen sogenannten „Customer’s evening“ an, an dessen Tag der Laden länger geöffnet hat und den Besuchern kleine Häppchen gereicht werden. Eine runde Sache, die sich für alle Beteiligten rentiert.

Monstermäßig den literarischen Nachwuchs unterstützen

Keine Buchhandlung, dafür aber ein tolles Programm für Nachwuchs-Autoren stellt das „Ministry of Stories“ dar. Diese Organisation bietet Kindern und Jugendlichen von acht bis achtzehn Jahren die Möglichkeit, unter Anleitung von Mentoren ihre eigene schriftstellerische Gabe zu entwickeln. In ehrenamtlicher Tätigkeiten werden sowohl Workshops in Schulen als auch außerhalb abgehalten. Zudem arbeitet das „Ministry of Stories“ gerne mit Verlagen zusammen, um die Geschichten der Nachwuchs-Autoren auch als Anthologien zu veröffentlichen. Eine Möglichkeit, das Programm auch als Tourist zu unterstützen, ist ein Besuch im „Hoxton Street Monster Supplies“ in der Hoxton Street, dessen gesamte Einnahmen dem Ministry zu Gute kommen. In diesem Geschäft können mutige Besucherinnen und Besucher unter anderem Süßigkeiten mit ganz speziellen Namen kaufen. Hier lassen sich beispielsweise „Escalating Panic“-Bonbons finden, Oder „Cubed Earwax“, das laut Aussage von Käufern verdächtig nach Karamell schmeckt, und „Salt made from Tears of Anger“, dass einfach ein wirklich gutes Salz darstellt. Vorsichtig sollte man dennoch sein, denn der Laden heißt nicht umsonst „Monster Supplies“. In diesem Laden, der bereits 1818 eröffnet wurde, soll es vor Vampiren und Geistern nur so wimmeln. Inklusive einer unsichtbaren Katze namens „Wells“.

Foyles Bookshop, 107 Charing Cross Road, London, WC2H 0DT

Gay`s The Word, 66 Marchmont Street, London, WC1N 1AB

Daunt Books, 83 Marylebone High Street, London, W1U 4QW

Forbidden Planet, 179 Shaftesbury Avenue, London, WC2H 8JR

Persephone Books, 59 Lamb’s Conduit Street, London, WC1N 3NB

London Review Bookshop, 14 Bury Place, London, WC1A 2JL

Hoxton Street Monster Supplies, 159 Hoxton Street, London, N1 6PJ

(Fotos: Poppy Lingham)

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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