Marcel Seniw
5. August 2016

Wie, schon wieder Bundesliga?

Abseits: Hannover 96 vor dem Spieltag. Heute: Der Auftakt in der Zweiten Bundesliga beim 1.FC Kaiserslautern

Mit neuem Kader und frischem Wind in die neue Spielklasse: Hannover 96 möchte die Zweite Liga so schnell wie möglich hinter sich lassen

Irgendwie hat der Abstieg von Hannover 96 ja auch gute Seiten an sich. Zum einen kann der Verein die derbe Niederlage gegen den Erzrivalen aus Braunschweig vom April 2014 wieder geradebügeln, zum anderen beginnt die Zweitliga-Saison schon ein wenig früher als die Bundesliga und somit kann der gemeine hannoversche Fußballfan schon ab heute endlich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Zugegeben, an die neuen Anstoßzeiten muss man sich erst noch gewöhnen, aber so ein frisch Gezapftes schmeckt samstags bestimmt auch schon um 13 Uhr. Am heutigen Freitagabend spielt Hannover 96 seine erste Auswärtspartie immerhin noch zu gewohnter freitäglicher Anstoßzeit: Ab 20.30 Uhr wird der altehrwürdige Lauterer Betzenberg beben. Ein würdiger Empfang also in Liga zwei für den Aufstiegsfavoriten aus Hannover.

Vom Punkte-Lieferanten zum klaren Favoriten

In der vergangenen Saison zählte Hannover 96 zu den Teams, bei denen die Gegner Punkte holen mussten. Nun stellt Hannover 96 einen der stärksten Kader und obendrein mit Salif Sané den wertvollsten Spieler der Liga. Die Ausgangslage wurde klar formuliert: Der Wiederaufstieg ist sportlich und vor allem wirtschaftlich Pflicht. Denn noch kann sich 96 als wirtschaftlich solide betrachten. Doch wenn der direkte Wiederaufstieg nicht gelänge, würden nicht nur weitere Leistungsträger den Verein verlassen, sondern es würde schlicht und einfach auch schnell an Mitteln und Argumenten für adäquate Neuverpflichtungen mangeln. Martin Kind wurde in der Sommerpause nicht müde zu betonen, wie wichtig ein Aufstieg für den Klub sei und gab seinem Trainer Daniel Stendel damit die Marschroute vor. Hannover 96 muss sich also von Beginn der Saison an der Rolle des Gejagten bewusst sein, die Spielweise und härtere Gangart der Liga sowie die klare Favoritenrolle annehmen – und das in jedem Spiel. Trainer Stendel ist sich bewusst, dass seinem Team nun eine andere Wahrnehmung vom Gegner und dessen Fans entgegengebracht wird. Der Coach und seine Mannen wollen sich relativ schnell in der Liga zurechtfinden und ihre Grund-Philosophie, das eigene Spiel durchzubringen und die eigenen Qualitäten auf den Platz zu bringen, umsetzen. Der Betzenberg mit seiner feurigen Atmosphäre stellt da schon mal einen guten Ort zur Eingewöhnung dar.

Viele neue Gesichter

Wie jeden Sommer hat sich hinter den Kulissen der Roten viel getan. Neue Spieler kamen hinzu, andere mussten den Verein verlassen. Soweit, so altbekannt. Doch bei Absteigern ist ein solcher Umbruch meistens weitaus radikaler. Mit Ron-Robert Zieler verlor 96 einen seiner verdientesten Spieler in Richtung des englischen Meisters Leicester City und den filigranen Spielmacher Hiroshi Kiyotake zog es zum Euro-League-Dauersieger FC Sevilla. Etwa zehn Millionen Euro spülten diese beiden Transfers in die hannoversche Schatulle – viel zu wenig, wenn man das Talent dieser beiden Spieler als Maßstab nimmt. Den ehemaligen Kapitän Christian Schulz zog es derweil nach Österreich zu Sturm Graz, die Trennung verlief dabei nicht ganz reibungslos: Schulz wollte bleiben, Stendel sah ihn jedoch nicht mehr im Team. Dieses Schicksal teilt „Schulle“ mit Leon Andreasen. Auch der Däne hat keine Zukunft mehr in den Planungen von Daniel Stendel. Zudem trennte sich 96 von vielen weiteren Spielern. Die Sturmflops der letzten Saison (Almeida, Szalai, Erdinc) wichen Neuzugängen wie Babacar Gueye (21, ES Troyes), Martin Harnik (29, VfB Stuttgart) und dem heimkehrenden Niclas Füllkrug (23, 1.FC Nürnberg). Speziell die Verpflichtung des gebürtigen Hannoveraners Füllkrug hat man an der Leine freudig zur Kenntnis genommen. Gespannt darf man auch auf den neuen Spielmacher Sebastian Maier sein. Der 22-Jährige kam vom FC St. Pauli und soll den abgewanderten Kiyotake ersetzen. Zudem verließen auch die beiden anderen Japaner Hiroki Sakai und Hotaru Yamaguchi sowie Allan Saint-Maximin die Roten. Dafür wurde in der Defensive mit Florian Hübner (25, SV Sandhausen) und Timo Hübers (19, 1. FC Köln II) sowie im Mittelfeld mit Marvin Bakalorz (26, SC Paderborn) nachgelegt. In der Innenverteidigung könnte eventuell noch ein Transfer folgen – der in der Rückrunde von Besiktas Istanbul geliehene Alexander Milosevic wäre da noch eine Option.

Wie tritt Hannover auf?

Daniel Stendels Philosophie wird von einem offensiven Grundgedanken geprägt. Der Trainer, der selbst Stürmer war, will in einem 4-3-3-System auflaufen lassen. Angeführt wird die junge Mannschaft vom neuen Kapitän Manuel Schmiedebach. Den vakanten Posten zwischen den Pfosten konnte sich in der Vorbereitung Philipp Tschauner sichern, doch das letzte Wort scheint hier noch nicht gefallen zu sein. In der Innenverteidigung führt kein Weg an Salif Sané vorbei. Der Senegalese flirtete in der Sommerpause mit Jörg Schmadtke und dem 1.FC Köln, Martin Kind verpasste Stendels wichtigster Schachfigur jedoch ein zehn bis 15 Millionen Euro schweres Preisschild. Wie wichtig Sané für die 96-Defensive ist, bewiesen die letzten drei Testspiele der Vorbereitung, in denen er fehlte. Die Roten kassierten acht Gegentore. Da sie aber auch neun schossen, spielten sie zwei Mal Remis und waren einmal siegreich. Eine längere Verletzung des Abwehrchefs und 96 könnte in die Bredouille geraten. Die Offensive scheint hingegen richtig gut bestückt zu sein und auch das Mittelfeld kann sich durchaus sehen lassen mit Schmiedebach und den beiden Neuzugängen Marvin Bakalorz und Sebastian Maier. Auch Iver Fossum stellt hier eine Option für die Startformation dar. Wir dürfen also gespannt sein, ob der Coach die gewünschten PS auf den Rasen bekommt. Denn auch der schnellste Bolide kommt nicht als erster im Ziel an, wenn das Heck ständig ausbricht.

Flutlicht und Hexenkessel

Der 1. FC Kaiserslautern spielte lange in der Bundesliga, geht nun aber schon in seine fünfte Zweitliga-Saison in Folge. Im letzten Jahr wurden die Pfälzer nur Zehnter. Um neuen Wind am Betzenberg zu entfachen, wurde ein neuer Trainer installiert – der ehemalige 96-Chefcoach Tayfun Korkut. Kaiserslautern ist Korkuts zweiter Posten als Cheftrainer, dementsprechend hungrig wird er auf sein neuerliches Engagement sein. Und wenn dann auch noch die „Alte Liebe“ zum Saisonauftakt in den eigenen Hexenkessel kommt, dann kann eigentlich nur noch das Flutlicht diesen Abend abrunden. Okay, eigentlich runden einen solchen Abend nur drei Punkte ab, aber wenn einer der Top-Favoriten auf den Aufstieg der Gegner ist, dann muss es eben auch mal das Flutlicht sein. Und vielleicht etwas Fritz-Walter-Wetter. Und wo wir schon so romatisch sind: Um ein Haar wäre es zur Rückkehr des ewigen Miro Klose nach Kaiserslautern gekommen. Ob das Thema schon ganz vom Tisch ist, wage ich nicht zu beurteilen, klar ist jedoch, dass der beste Torschütze der WM-Historie am ersten Spieltag nicht gegen Hannover 96 auflaufen wird. Mein Tipp für das Auftaktspiel: Hannover 96 gelingt die Premiere in der „besten Zweiten Liga der Welt“ und ringt die Roten Teufel mit 3:1 nieder. Wir wollen ja auch relativ schnell in der Liga ankommen.

Freitag, 5. August 2016, 20.30 Uhr:
1.FC Kaiserslautern – Hannover 96

(Foto: Hannover 96)

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Kategorien: Sports

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