Susanne Viktoria Haupt
15. August 2016

Wo die Uhren anders ticken

Seitenansicht: „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić

Geschichten, Legenden und Fabeln aus der Uckermark: „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić, Buchcover

Mitten in der Uckermark liegt das kleine, halb-fiktive Örtchen Fürstenfelde. Halb-fiktiv, weil zwar der Name erfunden wurde, es aber Dörfer wie dieses in der Uckermark wirklich gibt. Sogar eines, das als Vorlage für Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“ diente. Die Uckermark liegt im Nordosten Brandenburgs und ist durchzogen von malerischen Seen und alten Schlössern, in denen beispielsweise Bismarck entspannte. Man stellt sich vor, dass dort die Zeit ein kleines Stück stehen geblieben sein muss. Dass die Uhren sich nicht im selben Rhythmus bewegen wie in Berlin oder Hamburg. Ein wenig langsamer und ab und an mit einem kleinen Sprung wieder zurück.

In Stanišićs „Vor dem Fest“ ist der Fährmann gestorben. Und das so kurz vor dem Annenfest. Das Annenfest wird schon seit Jahrhunderten alljährlich zu Herbstbeginn in Fürstenfelde gefeiert. Allerdings weiß keiner so genau, warum. Was die Bewohner allerdings wissen und bestens kennen, sind allerhand Geschichten, Fabeln und Legenden, die sich über die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben. „Damals“ ist für die Fürstenfelder ein Begriff, der die Zeit vor dem Mauerfall bestimmt und bis ins Mittelalter zurückgehen kann. Der anonyme Erzähler in „Vor dem Fest“ scheint sich wie ein Flaneur durch das Dorf zu bewegen und dabei akribisch und mit offenen Ohren und Augen jede Nuance des gemächlichen und eigentümlichen Verhaltens des Dorfes aufzusaugen.

In Fürstenfelde ist so ziemlich alles zu finden, was man in einem ostdeutschen Dorf erwartet. Eineinhalb Nazis, die desillusionierte Dorfjugend, die nur Unsinn im Kopf hat und gerne mal ein Auto in einem der beiden Seen versenkt, der ehemalige NVA-Mann, der noch heute von seinen Erlebnissen zu berichten vermag, der ehemalige Briefträger, der heute Hühner züchtet und der Ex-Junkie, der über seine Befreiung aus der Sucht noch nicht hinweggekommen zu sein scheint. Es gab auch mal Kneipen in Fürstenfelde, aber die haben mittlerweile alle dicht gemacht. Was bleibt ist Ullis Garage, wo das Sterni 80 Cent kostet. Bei Ulli darf man alles sagen, so lange alle damit einverstanden sind. In Fürstenfelde gibt es keine Tankstelle, aber einen Zigaretten-Automat und eine Dorf-Historikerin namens Frau Schwermuth. So kurz vor dem Fest denken sie alle allerdings wirklich nur an ebendieses und bieten den Lesern dabei eine Mischung aus Heimatroman und vielschichtiger Tragikkomödie.

Saša Stanišićs wurde 1978 in Višegrad in Bosnien geboren und flüchtete Anfang der 1990er-Jahre mit seinen Eltern vor dem Bürgerkrieg nach Heidelberg. Es war das Schreiben, was ihm dabei half, in Deutschland anzukommen, und gleichzeitig Erinnerungen und Verlorenes aus seiner Vergangenheit zu integrieren. Genau um diesen Teil seiner eigenen Geschichte hatte er vor einigen Jahren seinen ersten Roman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ herumgebaut und internationalen Erfolg erlangt. „Vor dem Fest“ hat keinerlei Berührungspunkte mit Stanišićs eigener Geschichte, ist dadurch aber nur unwesentlich weniger einnehmend als sein Debüt. Vier Jahre lang recherchierte der Autor und sammelte dabei Eindrücke, Geschichten und Fabeln in der tiefsten Uckermark. Seine Sprache wirkt zwar ebenso distanziert, wie von vielen anderen zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren, allerdings vermag Stanišić im Gegensatz zu einem Großteil seiner Kollegen die Distanz dennoch mit Inhalt zu füllen. Material hatte er schließlich genug eingesammelt und 2014 dazu auch noch den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik.

Saša Stanišić: „Vor dem Fest“, Roman, 320 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN-13: 978-3630872438, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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