Matthias Rohl
24. Februar 2009

Filmgeschichte(n): „Amores Perros“

Großer Wurf aus Mexiko: Alejandro González Iñárritu ingeniöser Auftakt zu einer der bestechendsten Trilogien der Gegenwart

Mexico City, Gegenwart: In der pulsierenden Metropole prallen bei einem verhängnisvollen Autounfall drei Leben aufeinander. Octavio (Gael García Bernal), ein junger Mann am Rande des Existenzminimums, driftet durch Zufall ab in die Halbwelt illegaler Hundekämpfe. Dort lässt er seinen Hund Gofi antreten, um mit dem verdienten Geld und seiner Schwägerin Susana (Vanessa Bauche), in die er seit langem heimlich verliebt ist, der familiären Enge und Gewalt endlich entfliehen zu können. Daniel (Álvaro Guerrero), ein erfolgreicher Zeitschriftenverleger, verlässt seine Frau und die beiden gemeinsamen Töchter, um mit dem Supermodel Valeria (Goya Toledo) und dessen Hund Richi eine gemeinsame neue Wohnung zu beziehen. Die neue Idylle scheint perfekt, doch dann geschieht der Unfall. Und „El Chivo“ (Emilio Echevarría), ein obdachloser Auftragskiller, ehemaliger Sandinist und Augenzeuge des Unfalls, zieht mit einem Rudel wilder Hunde durch die Straßen und hofft auf den erlösenden Tag, an dem er endlich seiner Tochter gegenübertreten kann.

“Amores Perros”, Filmplakat

Ungemein intelligent komponierte Geschichte um Liebe, Verrat und Tod: „Amores Perros“, Filmplakat

Vibrierende Meditation

„Amores Perros“ (2000), Alejandro González Iñárritus erster und sogleich oscarnominierter Kinofilm, gilt unter Filmfans als eine der ersten cineastischen Juwelen dieses noch so jungen Jahrhunderts. Und in der Tat: Man kann das narrativ und visuell ungemein intelligent komponierte Glanzstück nur bewundern, das der Regisseur und seine Mitstreiter auf die Leinwand zaubern. Neben dem bestechenden „final shooting script“ des Schriftstellers Guillermo Arriaga verdient besonders die Kameraführung von Rodrigo Prieto und der Soundtrack des Komponisten Gustavo Santaolalla höchste Anerkennung. Sicher, die typischen Kritiker-Reflexe, sie sprangen auch hier wieder an: Durchbricht eine Erzählung die gängigen Konventionen der Chronologie, schon hagelt es Vergleiche mit Quentin Tarantino. Dabei hat das Werk genug genuine Klasse – und vor allem in Höchstform agierende, unverbrauchte Darsteller, die der Geschichte um Liebe, Verrat und Tod ihre ganz eigene, unwiderstehliche Wirkung einhauchen. So erzählen die drei kunstvoll montierten, und doch haarscharf aneinander vorbeilaufenden Handlungsstränge „Octavio und Susana“, „Valeria und Daniel“ und „El Chivo und Maru“ vom individuellen Scheitern der Figuren und ihrer kontingenten Verknüpfung im Angesicht eines Autounfalls – eine vibrierende Meditation über die „Sekunde Leben“, in der plötzlich alles irreversibel anders ist als bisher.

“Amores Perros”, Szenenfoto

Flucht vor dem Leben: Octavio (Gael García Bernal)

Dreckige Hundeliebe

Zentraler Kunstgriff der komplexen Narration ist die Metapher, die sich hinter dem Ausdruck „Amores Perros“ verbirgt: Gemeint ist „Hundeliebe“, im Slang auch „dreckige Liebe“. Und es sind die Hunde, die in den drei Leben den Ausnahmezustand spiegeln. Im „Hundeleben“ und in der „Hundeliebe“ läuft die Kontingenz der Ereignisse auf die entscheidenden Zündpunkte zu. So heizt das nächtliche Scharren des Model-Hundes „Richi“ die ohnehin höchst gereizte Atmosphäre an, bis sich schließlich die unerträglich angestaute Aggression Luft verschafft. Kampfhund Gofi steht als Bild für den verzweifelten Versuch seines Besitzers Octavio, aus der Enge und Trostlosigkeit des eigenen Lebens zu entfliehen. Und ist nicht die streunende Hundemeute des Guerillas „El Chivo“ Sinnbild für ein Leben jenseits aller Verantwortung, Sicherheit und Bindung – ein Leben, das, so radikal reduziert, nur in Zerstörung oder Rückkehr enden kann? Es ist im übrigen bemerkenswert – und ein weiterer Kunstgriff des Drehbuchs, dass ausgerechnet der schwer verletzte Kampfhund Octavios den finalen Wandel im Denken des Killers evozieren wird. So sind Mensch und Hund im Ausnahmezustand ihres Schicksals untrennbar in den Strudel der Ereignisse verstrickt. Wie sagt Susana? „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“

“Amores Perros”, Szenenfoto

Suche nach Erlösung: El Chivo (Emilio Echevarría)

Trilogie mit Ausblick

Glaubt man den Gerüchten, so nahmen die Dreharbeiten dieses Debüt-Volltreffers lediglich zwei Millionen Dollar in Anspruch. Der künstlerische Siegeszug war dafür umso rasanter – zwei goldene Palmen in Cannes sowie weltweit über dreißig weitere Kritiker- und Festivalpreise sprechen für sich. Und die Filmkritiker-Gemeinde geizte nicht mit Hymnen. So nannte die Süddeutsche Zeitung das Werk schlicht „größer als Pulp Fiction“, der Stern sprach von einem „ebenso brutalen wie liebevollen Meisterwerk“ und die New York Times gab zu Protokoll, dieser Film „scheint der erste Klassiker des neuen Jahrzehnts zu sein, mit Szenen, die wahrscheinlich in die Geschichte eingehen werden.“ Zweifellos: Alejandro González Iñárritu hat den Geschmack des Publikums und der Kritik und den Nerv der Zeit getroffen. Und mit Guillermo Arriaga stand ihm ein begabter Co-Autor zur Seite, der auch an der Vollendung der mit „Amores Perros“ begonnenen Trilogie um Zufall und Schicksal, Ursache und Wirkung, Leben und Tod, die mit „21 Gramm“ (2003) und „Babel“ (2006) ihre Fortsetzung nahm, entscheidenden Anteil hatte. Die evidente Qualität dieser Auftakt-Trilogie gibt zu der begründeten Hoffnung Anlass, dass von diesem Ausnahme-Regisseur noch viel zu berichten sein wird – und Vergleiche mit zeitgenössischen Ikonen völlig überflüssig sind. Dieses Werk, soviel darf mindestens gesagt werden, ist originär.

nächste Folge:
„Old Boy“
Radikal, verstörend, überraschend: Mit seiner „Rache“-Trilogie lotet der koreanische Regisseur und Philosoph Park Chan-wook Extreme aus

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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