Marcel Seniw
25. August 2016

Enge Kiste?

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärtsspiel beim VfL Bochum

2010 für 96 die Rettung in der Not, heute Schauplatz eines echten Zweitliga-Spitzenspieles: das Bochumer Ruhrstadion

Wir schreiben den 8. Mai 2010. Hannover 96 hat die bis dahin wohl schwierigste Saison der Vereinsgeschichte gespielt und stand am letzten Spieltag zwei Punkte vor dem VfL Bochum auf dem rettenden 15. Tabellenplatz. Die Mannschaft, aber auch die gesamte Landeshauptstadt stand nach Robert Enkes Freitod lange Zeit unter Schock. Die Trauer um den beliebten und geliebten Kapitän und Nationaltorhüter lähmte Beine, Köpfe und Kehlen all jener, die es mit 96 hielten. Doch nach einem eigentlich – rein menschlich betrachtet völlig verständlichem – verkorksten Jahr in der Liga konnten die Roten am letzten Spieltag im direkten Duell mit dem Abstiegskonkurrenten aus dem Ruhrgebiet, welcher zwei Punkte weniger als Hannover vorzuweisen hatte, den Klassenerhalt durch einen 3:0-Auswärtserfolg sichern. Damals reisten knapp 12.000 Hannoveraner mit nach Bochum und verwandelten das heutige Vonovia Ruhrstadion in einen Hexenkessel par excellence. Es sollte das letzte Aufeinandertreffen der beiden Vereine für die kommenden sechs Jahre sein.

Bochums erfolgreiches letztes Jahr trägt einen Namen

Zum morgigen Zweitliga-Spiel beim VfL Bochum werden nicht ansatzweise so viele 96-Fans erwartet – verständlich, immerhin handelte es sich damals um ein absolutes Friss-oder-stirb-Spiel und nun geht es nur um den dritten Spieltag der aktuell neuen Saison. Neu ist auch, dass bereits um 18.30 Uhr der Pfiff zum Anstoß ertönen wird. Für Berufstätige nicht unbedingt die beste Anstoßzeit an einem Freitagabend. Dennoch wird mit über 1.900 Hannoveranern in Bochum gerechnet. Und diese erwartet wohl ein Spiel der Kategorie „Wundertüte“ – was mehrere Gründe hat. Zum einen hat der VfL Bochum sich in den letzten drei Jahren kontinuierlich weiter nach oben in der Tabelle der Zweiten Liga gespielt. In der Saison 2013/14 konnten die Westfalen gerade noch so den Abstieg abwenden, ein Jahr später waren sie im Mittelfeld der Tabelle angekommen und vergangene Saison eroberten die Blau-Weißen den fünften Tabellenplatz. Zum anderen mussten beide Teams im DFB-Pokal in die Verlängerung. Der VfL unterlag beim FC Astoria Walldorf, Hannover 96 musste bei Kickers Offenbach nach der roten Karte von Waldemar Anton über eine Stunde mit zehn Mann den Acker umpflügen, um schlussendlich in der letzten Minute durch einen Elfmeter von Salif Sané in die zweite Runde einzuziehen. Dieser Kräfteverschleiß könnte sich vier Tage nach dem Pokalkrimi am morgigen Abend rächen. Außerdem wäre da noch die ansteigende Formkurve des VfL, die man zweifelsohne am Trainer Gertjan Verbeek festmachen kann. Verbeek stabilisierte den Verein erst auf Rang elf und führte ihn im letzten Jahr dann in die oberen Gefilde des Tableaus. Aktuell rangieren er und seine Mannschaft auf dem dritten Tabellenplatz der Zweiten Liga.

Das Zuckerbrot von Bochums Trainer Gertjan Verbeek

Kurioses gab es dann vor dem Spiel zwischen dem Spitzenreiter und dem Tabellendritten auf den jeweiligen Pressekonferenzen zu hören. Denn irgendwie scheinen die beiden Trainer zwar Respekt vor dem Aufeinandertreffen zu haben, doch so gänzlich in die Tiefe gingen die jeweiligen Analysen des Gegners dann wohl doch nicht. So machte Hannover-Trainer Daniel Stendel den Gegner besser als er eigentlich war, indem er erwähnte, dass Bochum in den letzten beiden Jahren dicht an den ersten drei Plätzen dran gewesen sei. Dass der VfL eine „eine spielstarke Mannschaft“ sei, die „nach dem Ausscheiden im Pokal sicherlich nochmal doppelt motiviert ist, zu Hause vor eigenen Fans zu zeigen, dass sie es eigentlich besser kann“, trifft es dagegen schon eher. Doch auch Bochum-Coach Verbeek ließ sich nicht lumpen, einen auszupacken, den man so nicht unbedingt unterschreiben kann. Der Niederländer sprach davon, dass 96 bisher „in der Offensive überzeugen“ könne und „defensiv ohne große Probleme“ agiert habe und Hannover 96 sich auf den Punkt bestens vorbereitet präsentierte. Aber dass er dann von einem souveränen 3:1-Sieg gegen die SpVgg Greuther Fürth sprach, war dann doch etwas hanebüchen, bei der Vielzahl der Fürther Chancen. Der Respekt ist gegeben, doch die Aussagen der Chefcoachs waren dann doch etwas zu viel Zuckerbrot – für meinen Geschmack.

Die Peitsche von 96-Trainer Daniel Stendel

„Wir müssen in Bochum alles rausholen, um am Ende erfolgreich zu sein. Es wird ein enges Spiel“, gab Daniel Stendel dann noch zum Besten, womit er leicht die Peitsche andeutete. Dass er mit dieser umgehen kann, bewies er zuletzt im Pokal, als er Salif Sané, wohl auch wegen der andauernden Wechselgerüchte, auf die Bank verbannte und mit dem „Kinderriegel“, bestehend aus Waldemar Anton und Fynn Arkenberg – beide 20 Jahre alt – spielen ließ. An Offenbach-Matchwinner Sané, der am Donnerstag seinen 26. Geburtstag feiern durfte, wird wohl gegen Bochum nun kein Weg mehr vorbeiführen, vorausgesetzt seine leichten Blessuren sind optimal verheilt. Ich schließe mich in dieser Woche Daniel Stendel an und rechne mit einem engen Match, dass Hannover 96 mit 2:1 gewinnen wird. Und anschließend gibt es auch wieder Zuckerbrot für alle!

Freitag, 26. August 2016, 18.30 Uhr:
VfL Bochum – Hannover 96

(Foto: Stahlkocher/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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