Susanne Viktoria Haupt
5. September 2016

Familie Salz bittet zu Tisch

Seitenansicht: „Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble

Als Generationen-Roman in bester Gesellschaft: „Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble, Buchcover

Generationen-Romane sind eine Spezies für sich und verlangen ihrem Autor einiges ab. Es müssen schließlich nicht nur ein bis zwei Protagonisten und ein paar Side-Kicks entwickelt werden, sondern oftmals eine ganze Familien-Dynastie. Thomas Mann legte mit den „Buddenbrocks“ 1901 den ersten deutschsprachigen Roman dieser Art vor, der internationale Bedeutung erlangte. Über vier Generationen hinweg beschrieb Mann die Geschichte rund um die Kaufmanns-Familie Buddenbrock in Lübeck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Werk zähl zum Kanon der Weltliteratur, ist allerdings natürlich nicht der einzige berühmte Generationen-Roman. In „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen begleitet die Leserinnen und Leser das Weihnachtsfest der Familie Lambert, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Mittleren Westen Amerikas lebt. Auch Franzen erlangte mit seinem Epos internationalen Erfolg und brannte sich so in das Gedächtnis der Literatur-Liebhaber. Nicht minder spannend und ebenso dem Genre entsprechend umgesetzt, ist Philipp Meyers Roman „Der erste Sohn“. In diesem preisgekrönten Werk lässt Meyer durch den Patriarchaten Eli McCullough und die Geschichte seiner Familie noch einmal den Wilden Westen aufleben. Meyer jongliert mit verschiedenen Blickwinkeln und Zeitsprüngen, um seine Leser möglichst bei Laune zu halten und dem generationumfassenden Werk eine epische Nuance zu verleihen. Eine typische und nahezu immer funktionierende Technik.

Geschichten, die mehrere Generationen berühren – oder allgemeine Familiengeschichten – stehen spätestens seit der Serie „Downton Abbey“ wieder hoch im Kurs. Und gerade Romane dieses Genres können ihren Leserinnen und Lesern nicht nur die Geschichte rund um ihre Figuren vermitteln, sondern haben gleichermaßen ausgedehnte historische Eckpunkte und starke, regionale Bezüge. In „Die unsterbliche Familie Salz“ versetzt Autor Christopher Kloeble seine gleichnamige Familie im Jahre 1914 eher unfreiwillig von München ins weniger beschauliche Leipzig. Zumindest tut sich sowohl die Mutter als auch ihr Töchterchen Lola Rosa mit dem Umzug schwerer als gedacht. Während Lola Rosa, neun Jahre alt und noch dabei sich irgendwie zurecht zu finden, einen eventuell imaginären Freund namens Maria auf dem Dach der Gastwirtschaft findet, erkrankt ihre Mutter. Nicht der erste Schicksalsschlag für das Mädchen, denn schließlich vermisst sie ihr München und ihre Tante Alli, die sich als schillernde Beilage der Familie Salz auch schon in Richtung Jenseits verabschiedet hat.

Dieser Verlust soll jedoch keineswegs der einzige bleiben, denn nicht nur der Erste Weltkrieg zieht an Lola vorbei, auch der zweite rollt direkt hinterher und erwischt sie als Mutter zweier Kinder auf der Flucht. Lola ist nicht die einzige der Familie Salz, die der Autor zu Wort kommen lässt, auch wenn sas Mädchen einem direkt zu Beginn von „Die unsterbliche Familie Salz“ so sehr ans Herz wächst, dass man sie gar nicht mehr loslassen möchte. Ihr Ehemann Alfons und der fragile Nachwuchs in Form der Töchter Aveline und der Enkelin Emma Salt steuern ihren Teil der Geschichte bei und decken unterschiedliche Zeit-Abschnitte ab. Und selbst wenn die Wege der einzelnen Familien-Mitglieder aus Leipzig wegführen, bleibt die Gastwirtschaft Fürstenhof ein Dreh- und Angelpunkt für düstere und amüsante Familien-Geheimnisse.

Neben dem Hotel Fürstenhof sind es auch die Schatten, die unentwegt einen großen Platz in der Geschichte einnehmen. Anfänglich tauchen sie in Form von Schatten-Rissen auf, die Rosa, die Mutter von Lola Rosa, von jedem Familien-Mitglied herstellt. Jeder Schatten sei einzigartig und verrate viel über den Menschen und seine Geschichte, so ihr Credo. Auch der potentiell imaginäre Freund von Lola taucht samt seines Schatten bei ihr auf und erklärt, dass jeder Schatten einen Namen braucht, damit er wisse, wer er ist. Die Schatten-Risse sind letztendlich natürlich eine nicht wirklich subtile Analogie zu den Schatten, die sich über die Jahrzehnte über die Familie Salz gelegt haben. Jedoch verleiht dieser Kniff trotz seiner Offensichtlichkeit dem Generationen-Roman einen gewissen agischen Charme.

1982 in München geboren und in Leipzig als Student aufgewachsen, kennt der Schriftsteller Christopher Kloeble zwei seiner Schauplätze besonders gut. Das Genre des Generationen-Romans ist ebenfalls eine vertraute Bühne für Kloeble. Sowohl sein Debüt „Unter Einzelgängern“ als auch sein zweiter Roman „Meistens alles sehr schnell“ widmen sich den familiären Strukturen. Seine Liebe und Leidenschaft zu diesem Format ist unverkennbar, auch wenn es dem Werk ein wenig an Tiefe und Ernsthaftigkeit mangelt und die Familie Salz immer ein wenig ins Belanglose abzurutschen droht. Im Vergleich zu anderen Werken ist Kloebles Familiengeschichte dennoch ein interessanter und liebenswerter Roman, den man genauso wie seinen Autor im Blick haben sollte. Denn genauso wie der Schriftsteller selbst kann auch seine Erzähl-Stimme sicher weiter reifen.

Christopher Kloeble: „Die unsterbliche Familie Salz“, Roman, 440 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423280921, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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