Susanne Viktoria Haupt
19. September 2016

Mit voller Kraft in den Schrecken

Seitenansichten: „Flucht“ von Hakan Günday

Hakan Günday avancierte durch seine provokanten Kolumnen und Romane zum Kult-Autor: „Flucht“, Buchcover

Gazâ ist neun Jahre alt, als er in die Fußstapfen seines Vaters treten soll. Das mag auf den ersten Blick ganz charmant klingen, aber Gazâs Vater Ahad ist ein Schlepper, ein Menschenhändler. Ahad sorgt dafür, dass Menschen aus Syrien und anderen Krisengebieten ihren Weg in die vermeintliche Sicherheit finden. Gazâs Vater geht es dabei jedoch weniger um das Wohl der Menschen, als vielmehr ums Geld. Die Menschen sind für ihn eine Ware, die er transportiert. Ob diese dabei beschädigt wird, ist ist ihm ziemlich gleich. Für Gazâ ist die Arbeit seines Vaters ein Alptraum. Zwar wissen die Unbeteiligten nicht, was sein Vater wirklich macht, aber die Gerüchte kochen so hoch, dass der Junge schon früh in der Schule gemieden wird. Mit zunehmenden Alter beginnt Gazâ, immer mehr Statistiken über die Flüchtlinge aufzustellen. Er beobachtet ihr Verhalten, notiert, woher sie kommen und wohin sie wollen. Ein verheerender Unfall nimmt Gazâ schließlich seinen Vater und lässt den jungen Mann nach einem schwer traumatischen Erlebnis alleine zurück.

Gazâ flüchtet nach Istanbul, um dort Anthropologie zu studieren. Er wünscht sich etwas anderes, als das Leben, das er zuvor führte. Und auf jeden Fall ein anderes Leben, als das seines Vaters. Die Jahre voller Grausamkeit lassen sich jedoch nicht mal im fernen Istanbul vergessen und holen Gazâ ein. Durch seine traumatischen Erlebnisse entwickelt er ein gestörtes Sozialverhalten, das ihn auch in seinem neuen Lebensabschnitt immer mehr zu isolieren droht…

Hakan Gündays Roman „Flucht“ ist bereits sein achter. Der 1976 in Rhodos, Griechenland, geborene Schriftsteller türkischer Herkunft nahm bei seinen vorherigen Romanen ebenfalls kein Blatt vor den Mund. Immer wieder greift er aktuelle Geschehnisse auf, wie beispielsweise Zwangsheirat oder aber Menschenhandel, und gewährt seinen Leserinnen und Lesern damit einen erschreckenden Einblick in Bereiche, vor denen die meisten lieber die Augen verschließen möchten. Auch in „Flucht“ holt Günday seine Leser ganz nah an die Geschehnisse heran und schildert mit akribischer Genauigkeit die Vorgänge des Menschenhandels. Die Gedanken von Gazâ sind dabei ebenso transparent gehalten, wie die furchterregenden Eindrücke, die auf ihn einprasseln. Bei der Lektüre schwankt man deshalb immer hin und her und fragt sich, inwiefern man Gazâ eine Mitschuld für die Taten geben kann, aber auf Grund seines jungen Alters versöhnt man sich schnell mit dem Protagonisten. Eine einfache Sache ist „Flucht“ natürlich trotzdem nicht, und die Geschichte verfolgt einen lange und intensiv.

Ob Hakan Günday, der mittlerweile in der Türkei lebt, die dortige Regierung gegen sich aufbringt, scheint ihm ziemlich egal zu sein. Zumindest schließt man dies aus den Interviews, die mit ihm geführt wurden. Gut so. „Flucht“ ist ein radikaler, mutiger und qualitativ hochwertiger Roman, der mit voller Kraft in den Schrecken stößt.

Hakan Günday: „Flucht“, Roman, 480 Seiten, btb, ISBN-13: 978-3-442-75476-2, 22,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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