Susanne Viktoria Haupt
3. Oktober 2016

Geniale Literatur aus Italien

Seitenansicht: „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante

Ein Panorama über die Geschichte einer Freundschaft und eines ganzen Viertels: „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante, Buchcover

In der literarischen Welt geht ein Virus um, der Ferrante-Virus. Und eine nicht mehr erfassbare Anzahl von Menschen ist bereits mit ihm infiziert. Beginnen tut die Krankheit meist mit dem eleganten Aufklappen des ersten Teils der neapolitanischen Saga der Schriftstellerin Elena Ferrante namens „Meine geniale Freundin“. Und schon nach kürzester Zeit findet man sich auf Seite 200 wieder und ist nahezu verärgert, dass das Buch nur etwas mehr als 400 Seiten zu bieten hat und die verbliebenen drei Teile der Saga erst im Laufe der kommenden Monate im Suhrkamp Verlag erscheinen werden. Bis zum Herbst 2017 müssen Ferrante-Fans auf die Vervollständigung der Reihe warten. Es fing erst ganz zaghaft zu brodeln an – und wohin man auch lauschte, irgendwo lag immer der Name „Ferrante“ in der Luft. Darunter vorstellen konnte man sich lange Zeit jedoch nichts. Auf einigen Seiten war und ist „Meine geniale Freundin“ sogar als Jugendbuch ausgewiesen, und obgleich es auch für eifrige Leserinnen und Leser ab etwa 14 Jahren geeignet ist, sprengt dieses Buch jedoch die eng gefasste Schublade mit einer unglaublichen Wucht. So viel sei schon mal vorab gesagt: „Meine geniale Freundin“ gehört zu den besten Neuerscheinungen des Jahres. Mit den verbleibenden Teilen wird es sich ganz sicher nicht anders verhalten.

Aber zur Geschichte: Als Elena vom Sohn ihrer besten Freundin Lila erfährt, dass diese spurlos verschwunden ist, muss sie leicht schmunzeln. Denn schließlich steht für Lila schon lange fest, dass sie sich eines Tages genau auf diese Art aus dem Staub machen würde. Just beginnt Elena sich an ihre Kindheit und somit auch an die Anfänge ihrer Freundschaft zu Lila zu erinnern. Beide wuchsen in den 1950er-Jahren im Rione, einem ärmlichen und traditionellen Viertel Neapels auf. Ihr Alltag wurde von Gewalt, Gefluche im Dialekt und den Rione-Regeln bestimmt. Elena, die zwar viel Herzlichkeit von ihrem Vater erfuhr, jedoch ihrer konsequent grimmigen Mutter stets ein Dorn im Auge war, waren gute schulische Leistungen immer wichtig. Sie genoss das Lob und die Anerkennung der Lehrer und diese dienten ihr als Ansporn. Als Lila in ihre Klasse kam – ein Mädchen, dessen Umgangsformen mehr denen eines Straßenjungen entsprachen -, geriet das Leben von Elena völlig aus den Fugen. Auf einmal war sie nicht mehr die Beste in der Klasse, sondern musste sich stets mit der dürren Lila messen, der nicht nur vieles zuflog, sondern die auch einen unnatürlichen und allzu selbstverständlichen Wissensdurst an den Tag legte.

Für Elena stand schnell fest, dass sie sich mit Lila anfreunden muss. Die Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Charakteren gestaltet sich aber als schwierig, da Elena oft ihren Neid herunterschlucken muss und sich die Freundinnen immer wieder in subtilen Machtkämpfen verlieren. Immerhin: Lila besitzt die Intelligenz, die Elena gerne gehabt hätte, und später in der Pubertät genoß sie auch noch die Aufmerksamkeit der Jungen. Lila hingegen schaut missmutig auf die – wenn auch vergleichsweise magere – familiäre Unterstützung Elenas, die ihr sogar den Besuch des Gymnasiums ermöglicht. Doch gerade wegen ihrer Unterschiede fühlen sich die beiden Protagonistinnen immer wieder voneinander angezogen und spornen sich gleichermaßen auch zu neuen Höchstleistungen an. Wie nahezu alle in Rione haben auch Elena und Lila den Traum, es irgendwann einmal aus dem ärmlichen Viertel zu schaffen und zu Reichtum zu kommen. Mal träumen sie von einer Karriere als Schriftstellerinnen, mal von einer als Schuhmacherinnen. Doch während Lila ihren Weg bis zum Abitur geht, sucht sich Lila eine eigene Lösung…

„Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante ist ein ganz realistisches Portrait über eine Mädchen-Freundschaft. Die Beziehung der beiden Hauptpersonen ist durchzogen von Neid, Bewunderung, Eifer und dem Wunsch nach Bestätigung durch die beste Freundin. Zugleich ist sie auch eine Geschichte über die verschiedenen Facetten von Reichtum und dem steinigen Weg aus ärmlichen Verhältnissen. Präzise und wortgewandt beschreibt Elena Ferrante im ersten Teil die Kindheit und die Jugend zweier Mädchen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Ferrantes Erzählstil ist so verdichtet, dass es nahezu unmöglich scheint, einen Satz nur mit halber Aufmerksamkeit zu lesen. Immer wieder blitzen kleine, jedoch wichtige Details hervor, die für das Verständnis der Geschichte unabkömmlich sind. Aufmerksamkeit brauchen die Leser auch für die Verstrickungen der Familien im Rione. Anstrengend wird der Lese-Prozess dadurch allerdings nicht, denn neben den Details sind es vor allem die schillernden Bilder, die durch Ferrantes Art zu schreiben so nah an die Leser herangetragen werden, dass man die Luft Neapels förmlich auf der eigenen Haut spüren kann. Gegen Ende des ersten Bandes gelingt es Ferrante sogar, noch ein paar wirklich spannende Fässer aufzumachen, die einen begeistert auf den nächsten Band warten lässt. Hohe literarische Kunst aus Italien, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Die Seitenansichten sind auf alle Fälle vom Ferrante-Fieber angesteckt.

Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin“, Roman, 422 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3-518-42553-4, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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