Marcel Seniw
24. September 2016

Im Ausnahmezustand

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärtsspiel beim TSV 1860 München

Schaute in den letzten Jahren öfters bei den Kätzchen vorbei: 96-Stürmer Niclas Füllkrug

In der letzten Kolumne stand ich rein ergebnistechnisch mit meinem 4:0-Tipp meilenweit im Abseits. Hannover 96 bezwang den Karlsruher SC mit 1:0. Eigentlich ein viel zu knappes Ergebnis, wenn man das Spiel gegen den erschreckend schwachen KSC gesehen hat. Gegen einen so desolat auftretenden Gegner hätten die Roten viel früher den Sack zumachen müssen, stattdessen hielt man die Baden-Württemberger im Spiel. Mit ein wenig Pech hätte es gar noch zu einer Punkteteilung kommen können, doch an diesem Mittwochabend blieben die Punkte in Hannover. Der Fehlstart wurde damit erst einmal abgewendet, doch die nächste Bewährungsprobe steht den Mannen von Daniel Stendel schon morgen bevor: auswärts beim TSV 1860 München.

Ausnahmezustand garantiert

In München gab es für Hannover 96 in der Vergangenheit wenig zu holen. Das lag am FC Bayern. Doch in dieser Saison geht man dem Branchen-Primus ja dezent aus dem Weg, weshalb es nach längerer Zeit für 96 in München endlich mal wieder wirklich um Punkte geht und nicht nur um ein nettes Meet-and-Greet mit Weltstars. In dieser Saison reist der hannoversche HSV sogar als Favorit in den Süden Deutschlands – und das zur Wiesn. Ausnahmezustand garantiert. Die Stimmung dürfte jedenfalls an diesem Sonntag passen. Weniger passend zum Spiel der beiden Traditionsvereine kommt aber die Wiese in der Allianz-Arena daher. Das Geläuf gleicht derzeit eher einer zertrampelten Festival-Steppe als einem Fußballplatz. Pilzbefall lautete die Diagnose, die nun wohl dafür verantwortlich sein wird, dass technisch anspruchsvoller Kurzpassfußball eher nicht auf dem Programm der beiden Mannschaften stehen wird. Bereiten wir uns also mental schon einmal darauf vor, dass im Zweifel der Frontzecksche 50-Meter-Ball wieder als taktisches Mittel herhalten könnte. Ausnahmezustand eben.

Ausnahmezustand II

Der Wörtchen Ausnahmezustand erfreut sich in dieser Kolumne eines inflationären Gebrauchs. Denn wenn wir den morgigen Gegner, die Münchner Löwen, genauer unter die Lupe nehmen, kommen wir um diesen Begriff nicht herum. 1860 München stand im Jahr 2011 kurz vor der Insolvenz. Um diese anzuwenden, wurden 60 Prozent der Anteile der 1860 München KGaA an den jordanischen Investor Hasan Ismaik veräußert. Mit dem starken Mäzen im Rücken wollte 1860 den Weg zurück in die Bundesliga angehen. Doch dass Geld im Fußball eben nicht alles ist, sehen wir Jahr für Jahr am Abschneiden der englischen Top-Klubs in der Champions League. In der Folge dümpelte 1860 eher schlecht als recht in der 2. Liga vor sich hin, musste vielmehr gegen den Abstieg als um den Aufstieg spielen, und dem Investor schien sein Spielzeug langsam nicht mehr zu mögen.

Stolze Löwen wurden Katzenbabys

Die Trainer und Manager gaben sich bei 1860 München die Klinke in die Hand, Spieler wurden ohne System verpflichtet, und das alles nur, um das Kindchen bei Laune zu halten. Die Kreativität Ismaiks kannte keine Grenzen, wenn es darum ging, wie man den Verein so richtig zur eierlegenden Wollmilchsau umkommerzialisiert bekommt. Dass die Fans von 1860 München nicht unbedingt in der Arena des Lokalrivalen ihrer Löwen beim Kicken zuschauen wollen, war jedoch auch dem Jordanier nicht verborgen geblieben. Also stellte er Anfang des Jahres einen Plan vor, der ein neues Stadion mit bis zu 52.000 Plätzen vorsieht – alles aus der Kasse des Investors gezahlt, versteht sich von selbst. Dafür müsste nur mal wieder die komplette Führungsriege ausgetauscht werden. Soweit noch relativ unspektakulär. Aber Hasan Ismaik wäre kein Visionär, wenn das schon alles gewesen wäre. Nein, der Jordanier plant auch noch einen an das Stadion angrenzenden Löwen-Park, der alle Löwen-Arten der Welt beherbergen soll. Und wenn er schon in Laune gekommen ist, dann setzt er dem ganzen natürlich noch die Krone auf: Die Tiere sollen nach Vereinslegenden benannt werden. Hammerhart, Hasan! Nicht nur, dass Du dem Verein sein Handeln aufdiktierst, nein, Du machst aus einem Traditionsverein auch noch eine inflationäre Lachnummer sondergleichen. Aus den einstmals stolzen Löwen wurden wehrlose Katzenbabys…

Zum wirklich letzten Mal: Ausnahmezustand

Trotz der Quängeleien des kreativen Mäzen darf man 1860 München aber nicht unter Wert darstellen, denn bezwingen die Löwen heute Hannover 96, dann stünden sie punktgleich mit den Roten im Mittelfeld der Tabelle. Und der räudige Acker der Allianz-Arena wird eher den Münchnern in die Karten spielen, als Hannover, denen aktuell die Durchschlagskraft im Spiel nach vorne fehlt. Die 60er könnten also eine ganz harte Nuss für Daniel Stendel und sein Team werden, denn nicht nur Hasan Ismaik hat schon wieder Blut geleckt und Aufstiegsluft gewittert. Doch den Aufstieg fordert der Investor ja schon seit dem ersten Tag seines Investments ein, ohne dass die Realität dem standhält. In dieser Woche heißt die Realität Niederlage – 96 zähmt die Löwen durch einen 2:1-Auswärtserfolg. Und in der Geschäftsführung des TSV 1860 München stellt man sich langsam wieder auf einen Ausnahmezustand ein.

Sonntag, 25. September 2016, 13.30 Uhr:
TSV 1860 München – Hannover 96

(Foto: Pressefoto/Hannover 96)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Sports, Unrat

Kommentiere diesen Artikel