Marcel Seniw
30. September 2016

Zettel-Ewalds Kiez-Kicker

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Heimspiel gegen den FC St. Pauli

Immer konzentriert an der Seitenlinie: St.Pauli-Trainer Ewald Lienen

Sieh mal einer an, Hannover 96 kann also auch öfter mal zu Null spielen. Gegen die harmlosen Münchner Schmusekätzchen von 1860 sogar zum zweiten Mal in Folge. Das kann sich nicht nur sehen lassen, sondern es darf gerne so weitergehen – zum Beispiel gegen den kommenden Gegner FC St. Pauli. Die Kiez-Kicker stehen unter der Leitung des ehemaligen 96-Trainers Ewald Lienen, besser bekannt als „Zettel-Ewald“, weil der inzwischen legendäre Trainer nie müde wurde, seinen kleinen Notizblock permanent mit dem Kugelschreiber zu malträtieren. Fakt ist: Lienen und seine Mannen haben einen schlechten Saisonstart erwischt, konnten bislang erst zwei Remis und einen Sieg einfahren und werden deshalb darauf brennen, in Hannover den zweiten Dreier der Saison einzufahren.

Wiedersehen mit dem Ex-Klub

Bei Hannover 96 könnten wir morgen zwei ehemalige Pauli-Profis in der Startelf sehen. In Person vom ehemaligen Hamburger Schlussmann Philipp Tschauner einen ganz bestimmt, bei Sebastian Maier, der St. Pauli erst in der Sommerpause verließ, ist ein Startelf-Einsatz hingegen noch unsicher. Der Zehner fand sich zuletzt auf der Bank wieder und durfte sein Können zuletzt nur kurz unter Beweis stellen. Ob Cheftrainer Daniel Stendel ihm nur mal eine Auszeit geben wollte oder mit seinen Leistungen nicht zufrieden war, bleibt dabei Stendels Geheimnis. Klar hingegen ist, dass Maier mehr Torgefahr ausstrahlt als sein Vertreter Iver Fossum auf der Position des Spielmachers, und dass der ehemalige Hamburger gerade gegen seine ehemaligen Kollegen so richtig darauf brennen dürfte, sein ganzes Potenzial abzurufen. So ein Wiedersehen mit der Ex spornt ja gerne mal zu Höchstleistungen an.

Ein Risiko-Spiel?

Am Samstag dürfen wir aber auch wieder mit jeder Menge Polizei rechnen, denn das Nord-Derby zwischen Hannover und Hamburg steht unter besonderer Beobachtung. Zwar handelt es sich nicht um ein Hochsicherheitsspiel wie zuletzt gegen Dresden, aber um ein sogenanntes Risiko-Spiel, da beide Fan-Lager groß und schon des Öfteren auffällig geworden sind – St. Pauli speziell 2012 im Spiel gegen den FC Hansa Rostock. Den Rostockern wurden damals keine Karten verkauft, was diese dazu bewog, eine Demonstration in Hamburg zu veranstalten. Die Demo blieb friedlich, doch den St. Paulianern gingen die Pferde durch. Sie verwüsteten die eigene Stadt, beschossen Polizei-Pferde mit Signal-Munition und verletzten einen Polizeibeamten schwer mit fliegenden Flaschen. Ich möchte an dieser Stelle niemanden eine gewisse Gesinnung nachreden, doch im Großen und Ganzen ging es bei den Ausschreitungen weniger um Fußball, als viel mehr um das Thema Links gegen Rechts.

Es brennen höchstens Ewalds Zettel

Dass St. Pauli eine autonome Fan-Szene besitzt, ist kein Geheimnis, ebenso wenig wie die Tatsache, dass unter den Rostock-Fans auch einige Hohlbratzen anzusiedeln sind, die ein chronisches Leiden im rechten Schultergelenk besitzen, weshalb sie diesen Arm immer und immer wieder vor sich ausstrecken müssen. Was an diesem Tag jedoch die Paulianer dazu bewog, trotz eines Sieges dermaßen durchzudrehen, bleibt rätselhaft. Wahrscheinlich haben sich die autonomen Flaschenwerfer so sehr darauf gefreut, sich mit den Faschisten aus Rostock zu prügeln, dass sich aufgrund des ausbleibenden Besuchs aus Rostock Freude in Wut gegen die Ordnungshüter umkehrte. Ob rechte oder linke Chaoten: Verzieht Euch aus den Stadien, Euch braucht kein Mensch. Lange Rede, kurzer Sinn: Am Samstag steht ein Risiko-Spiel an, doch ob dieses überhaupt Risiken birgt, darf eher bezweifelt werden, da hier die politischen Ansichten keine Rolle spielen werden. Die Polizei wird schon für Ordnung sorgen, so dass maximal ein Paar Bengalos und Ewalds Zettel brennen werden.

Der Gegner zählt zu den Top-Teams der Liga

Aber zum Spiel: Es gibt ein paar ungwohnte Neuigkeiten. Zum Beispiel sitzt Felipe wieder auf der Bank. Hannovers Edel-Patient ist mal wieder fit – für ein paar Spiele zumindest. Eigentlich schade, denn so ganz frei von Talent ist der Brasilianer nun wirklich nicht. Rein spielerisch erwartet uns wohl ein Duell, dass dem momentanen Tabellenplatz St. Paulis nicht gerecht wird. Die Hamburger stehen derzeit auf Rang 15, sind aber trotzdem nicht zu unterschätzen. Die Kiez-Kicker hätte man vor der Saison eigentlich im oberen Tabellendrittel erwartet – und zwar von Beginn an. Nun muss sich das Team von Lienen erst mühsam wieder nach oben spielen. Aufgrund des schlechten Saisonstarts und der nicht gerade kleinen Konkurrenz aus Stuttgart und Hannover wird es in dieser Saison aber wohl wieder nichts mit einem Aufstieg für die Hamburger. Trotzdem zähle ich sie zu den Top-Teams der Liga, weshalb 96 abermals auch kämpferisch eine ansprechende Leistung auf den Rasen bringen muss. Wenn Einsatz und Wille stimmen, sollten die Roten das Ding morgen aber vor ausverkauftem Haus schaukeln können. Zur Not reicht halt auch ein 1:0 nach einem Standard – zumindest das läuft mittlerweile ja wie geschmiert bei 96, wie acht Tore nach ruhendem Ball beweisen. Mein Tipp: Tschauner hält den Kasten dicht und 96 holt den Dreier durch einen 2:0-Heimsieg – ganz ohne Risiko.

Samstag, 1. Oktober 2016, 13 Uhr:
Hannover 96 – FC St. Pauli

(Foto: Northside/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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