Susanne Viktoria Haupt
7. November 2016

Die unbequemen Fragen

Seitenansicht: „Papa, was ist ein Terrorist?“ von Tahar Ben Jelloun

Stellt sich ehrlich und einfühlsam den Fragen seiner Tochter: Tahar Ben Jellouns „Papa, was ist ein Terrorist?“, Buchcover

Die Welt erschien selten grausamer und bedrohlicher als momentan. Wir lesen und hören von Anschlägen (egal ob vereitelt oder nicht), von Hass, von Kriegen und von Ratlosigkeit. Und immer wieder ist dabei von „Terror“ die Rede. Jener Terror, der beispielsweise vor fast genau einem Jahr über hundert Menschen in Paris das Leben gekostet hat. Und noch so vielen weiteren Unschuldigen in weiter entfernten Regionen der Welt. Selbst für uns Erwachsene ist das keine leichte Situation. Ich kenne niemanden, den solch grauenvolle Taten nicht erschüttern und der sich keine Gedanken darüber macht. Terror will immer Angst auslösen. Und die ausgelöste Angst ist des Terrors stärkste Waffe. Der Umgang damit aber oftmals mangelhaft, da die normale gerechtfertigte Angst oft in Xenophobie umgewandelt wird.

Für Kinder und Jugendliche sind Themen wie der Terror noch viel weniger greifbar als für uns Erwachsene. Meistens ist die Welt, in der Kinder hierzulande aufwachsen, eine recht heile und beschützte Welt. Zumindest sollte sie dies sein. Sie ist geprägt von Gute-Nacht-Geschichten und einer Fantasie, die ohnegleichen ist. Bis zu einem gewissen Alter können und sollten wir unsere Kinder auch in gewisser Weise vor diesem „Draußen“ schützen. Es bringt weder uns noch unseren Kindern zwingend etwas, wenn wir uns mit einer Fünf- oder Sechsjährigen hinsetzen und die aktuelle bedrohliche politische Lage diskutieren wollen. Nicht, weil wir und unsere Kinder es nicht könnten, sondern weil es ihre seelische Welt aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Wir bleiben also bei den Kleinen lieber noch eine Weile zwischen Bullerbü und Narnia.

Wie können wir aufklären?

Mit größer werdenden Kindern und angehenden Jugendlichen verhält es sich ganz anders. Sie vor Nachrichten zu schützen, bringt im Zeitalter von Facebook & Co. ohnehin nichts. Zudem müssen sie lernen damit umzugehen, die einzelnen Beiträge zu dechiffrieren, um die Informationen auswerten zu können, und sie müssen auch in der Lage sein, sich eine eigene Meinung zu bilden. Doch sollten wir unsere Kinder natürlich nicht gänzlich unbegleitet ziehen lassen und uns auch auf keinen Fall darauf verlassen, dass die Schule diese Themen immer angemessen behandeln wird. Aber wie redet man mit einem jungen Menschen über solche Themen? Wie verhält man sich, wenn die Tochter oder der Sohn ganz geknickt am Küchentisch sitzt und die im Kopf herumschwirrenden Fragen nicht einmal richtig artikulieren kann? Wie halten wir in diesem Moment Distanz und klären gleichzeitig so gut es geht auf, ohne die Angst durch mangelndes Wissen noch weiter zu befeuern? Für genau solche Situationen hat der frankophone Schriftsteller Tahar Ben Jelloun nun ein Buch verfasst.

„Papa, was ist ein Terrorist?“ besteht aus einem fiktiven Gespräch mit Jellouns eigener Tochter im Teenager-Alter und behandelt sein Thema auf eine direkte und dennoch sanfte Art und Weise. Eröffnet wird es mit der Aussage der Tochter, dass sie auf Grund der jüngsten Ereignisse panische Angst hätte. Auf den folgenden 128 Seiten stellt sich Jelloun nicht nur ihrer Angst, sondern macht auch einen kleinen Exkurs in die Historie des Terrors, erläutert mögliche Ursachen und Beweggründe, erörtert auch teleologische Strömungen und geht selbstverständlich auch auf die Beziehungen zwischen Politik und Terror sowie Religion und Terror ein. Ein wichtiger Punkt innerhalb des fiktiven Gesprächs sind auch die zahlreichen jungen Menschen, die von Terror-Organisationen angeworben oder angezogen werden sowie die Frage danach, was ein junger muslimischer Mensch selbst gegen den Terror tun könnte. Zum Abschluss des Buches finden die Leser noch einen Aufruf an alle Muslime, der am 30. Juli 2016 erstmalig in der Zeitung Le Monde erschien, und einen Nachruf auf Tahar Ben Jellouns Großnichte Leila Alaoui, eine beeindruckende Foto-Künstlerin, die im Januar diesen Jahres leider ihr Leben durch einen Terroranschlag in Ouagadougou verlor.

Nach „Papa, woher kommt der Hass?“, „Papa, was ist ein Fremder?“ und „Papa, was ist der Islam?“ ist „Papa, was ist ein Terrorist?“ das nächste Buch-Projekt von Tahar Ben Jelloun, das Kindern und Jugendlichen einfühlsam mit Wissen und Ehrlichkeit unter die Arme greift. Bücher, die wir unseren Kindern und Jugendlichen guten Gewissens in die Hände geben können, die wir aber gleichermaßen auch selbst lesen sollten, um das eigene Blickfeld zu erweitern. Schlussendlich aber ersetzt kein auch noch so gutes Buch ein Gespräch mit einem Erwachsenen, dem man vertraut. Umso besser, dass Jelloun uns die Möglichkeit gibt, beides miteinander zu verbinden. Der 1944 in Fès geborene Schriftsteller lebt in Paris und ist nicht nur Autor, sondern auch Psychotherapeut und hat im Laufe seiner bisherigen Karriere über 20 Bücher verfasst, für die er unter anderem den irischen Literaturpreis IMPAC und den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis bekam.

Tahar Ben Jelloun: „Papa, was ist ein Terrorist?“, Roman, 128 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827013422, 14 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur, Politik

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