Susanne Viktoria Haupt
24. Oktober 2016

Einfach schreiben!

Seitenansicht Spezial: der National Novel Writing Month

Lädt zu einem Monat voller Zeit für eigene Geschichten: der National Novel Writing Month

Ich behaupte einfach mal, dass in wirklich jedem einzelnen Menschen die Veranlagung steckt, sich in irgendeiner Art und Weise kreativ auszudrücken. Ich glaube, dass es niemanden gibt, der sich nicht irgendwann einmal künstlerisch betätigt. Das hat im Ergebnis vielleicht nicht immer das Niveau, welches wir in Galerien, in Bücher-Regalen, auf Bühnen oder im Radio oder Fernsehen erwarten mögen, aber das muss auch gar nicht sein. Manche singen gerne unter der Dusche, andere nähen oder stricken, manche musizieren mit Freunden an lauen Sommerabenden und andere wiederum setzen sich hin und schreiben. Meinem Mitbewohner zum Beispiel, einem passionierten Software-Architekten würden die meisten Menschen auf den ersten und wahrscheinlich auch auf den zweiten Blick keine allzu großen künstlerischen oder kreativen Tätigkeiten zutrauen. IT bleibt eben IT, und an ihm klebt das Label des Nerds, der sich nur auf Zahlen und Computer versteht. Aber während andere sich nach der Arbeit ihre Entspannung durch Sport oder ein Feierabend-Bier besorgen, setzt er sich zu Hause ans Klavier und spielt Bach.

Schreiben als Passion

Aber kommen wir einmal auf das Schreiben zurück. In meinem engsten Bekanntenkreis tummeln sich einige Personen, deren ganze Leidenschaft dem Schreiben dient. Es sind Talente, von denen ihr nichts wissen könnt, da sie einfach noch nichts veröffentlicht haben, die aber die keineswegs zu verachten sind und ihren Weg noch finden werden. Und dann gibt es wiederum einige, die einfach nur wirklich gerne schreiben, und für die eine leere Word-Datei die noch zusammen gerollte Yoga-Matte darstellt. Es entspannt sie, es macht ihre Köpfe frei, gibt ihren Gefühlen einen Raum, in dem sie sicher sind. Und obwohl sich ihre Passion, und auch ihre Intention unterscheiden mag, haben sie kommenden Monat eines gemeinsam: Sie nehmen am National Novel Writing Month teil.

Wie aus einer fixen Idee ein internationales Event wird

Der National Novel Writing Month, kurz NaNoWriMo ist ein Schreib-Projekt, das 1999 von dem Amerikaner Chris Baty ins Leben gerufen wurde. In diesem Jahr tat sich Baty mit einigen Freunden zusammen und beschloss, dass jeder Beteiligte innerhalb dieser 30 Tage an einem literarischen Projekt arbeiten würde. Es sollte ein Roman sein, den man vorher noch nicht begonnen hatte, den man aber durchaus schon vorher durchdacht haben konnte. Schnell wurde das Schreib-Projekt international bekannt und die ersten Regeln wurden festgelegt, um dem Ganzen einen optimalen Rahmen zu geben. Die Romane sollten mindestens 50.000 Wörter lang sein, man durfte nur alleine schreiben, aber es war durchaus erwünscht, sich mit anderen Menschen zusammenzutun, um die eigene Arbeit während des Schaffens zu diskutieren. Dass Schriftsteller ihre literarischen Ergüsse prinzipiell ohne Unterstützung zu Papier bringen, ist nämlich ein Wunschdenken. Spätestens ein Lektor wird sich ihrer Werke annehmen- und viele holen sich schon während der Entstehung Inspiration und konstruktive Kritik, Tipps von Freunden oder Schreib-Kollegen. Manche setzen sich sogar zum „Plotten“ zusammen. Zwar schwören einige Autoren darauf, dass man seine Werke erst jemanden zeigen sollte, nachdem zumindest die Rohfassung steht, allerdings ist auch dies keiner Allgemeingültigkeit unterworfen.

Nicht lang schnacken, Finger an die Tasten!

Nun mag sich manch einer fragen, welchen Sinn denn so ein expliziter Schreib-Monat überhaupt für Autorinnnen und Autoren hätte. Aber um dies zu verstehen, muss man sich etwas mehr mit künstlerischen Prozessen oder dem Schreiben selbst auseinandersetzen. Der britische Schriftsteller Neil Gaiman hat einmal gesagt: „This is how you do it: you sit down at the keyboard and you put one word after another until its done. It’s that easy, and that hard“. Ich kenne kaum einen Autoren, der stets von seinen Arbeiten überzeugt ist. Egal, wie brillant sie auch sein mögen. Es wird gemeckert, editiert, verworfen, so lange in der Schublade liegengelassen, bis sich ein dichtes Netz aus Staub und Spinnenweben über das Manuskript gelegt hat. Manche Autoren können nur zum Teil oder noch gar nicht von ihren Worten leben, und versuchen, möglichst jeden Tag nach ihrer Erwerbstätigkeit noch die Energie und Ruhe aufzubringen, um zu schreiben. Dinge wie Stress, private oder berufliche Probleme und Sorgen und eine Neigung zu zum Teil übertriebener Selbstkritik stellen sich ihnen Tag für Tag in den Weg.

Gemeinsam motiviert

Doch Inspiration liegt in den seltensten Fällen auf der Straße, und die Forschung hat mittlerweile ergeben, dass das kreative Zentrum des Menschen meistens dann in den hellsten Farben erleuchtet, wenn der Verstand mal auf Pause gestellt wird. Denn neben all den Alltäglichkeiten muss dieser Zustand erst auch erst einmal erreicht werden. Sich allerdings vorzunehmen, innerhalb eines Monats einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern aufs Papier zu bringen, dabei keinesfalls zu redigieren und das Projekt auch nicht zu löschen, ist ein guter und wichtiger Rahmen. Zu wissen, dass man dabei nicht einmal alleine ist, sondern weltweit Menschen in diesem Monat an ihren Computern, Laptops, Schreibmaschinen oder Blöcken sitzen, macht es nicht nur erträglicher, sondern motiviert auch. Häufig setzen sich Schriftsteller selbst einen zeitlichen Rahmen – einen, der meist nur schwer einzuhalten ist. Man muss sich schon selbst ordentlich in den Hintern treten oder aber eine Schar von treuen Unterstützerinnen und Unterstützern haben, die einen immer wieder motivieren und gut zureden. Da ist es bisweilen auch mal angenehm, wenn ein Chris Baty einem sagt, dass man soundso viele Wörter im November schaffen soll.

„The World needs your Novel“

Der NaNoWriMo ist über die Jahre hinweg nicht nur immer internationaler geworden, sondern er hat sich auch zu einem sehr guten Wettbewerb und Sprungbrett entwickelt. Die Romane können über die dazugehörige Wettbewerbs-Website eingereicht werden. Zudem werden jedes Jahr Spenden gesammelt, mit denen dann gemeinnützige Organisationen unterstützt werden, die beispielsweise in Kambodscha Bibliotheken für Schulkinder bauen lassen. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben für ihre Beiträge sogar Verlage gefunden und durften sich dann über Veröffentlichungen freuen. Ein elementarer Bestandteil des Ganzen sind allerdings die Foren, in denen sich die Teilnehmer austauschen können und Schreib-Treffen organisieren, um sich gegenseitig bei der Stange zu halten. Ganz getreu dem Motto des NaNoWriMo: „The World needs your Novel“.

Einfach drauflosschreiben

Meine schreibenden Freunde haben sich schon außerordentlich gut auf den November vorbereitet. Ein Freund hat die gesamte Story bereits im Kopf, der andere strotzt nur so vor Tatendrang und bastelt seine Termine rund um seine literarischen Arbeitsphasen herum und wiederum ein anderer hat es anlässlich des Schreib-Marathons endlich geschafft, sein Zimmer in Schuss zu bringen. Mit einem aufgeräumten Schreibtisch und frisch gespülten Tassen, die mit dem wertvollen Anti-Frust-und-Anti-Müdigkeits-Elixir namens Kaffee gefüllt werden. Aber auch allen anderen Schreibwütigen – egal ob Profi oder Amateur – sei dies ein Anlass, um sich mal wieder in eine eigene Geschichte zu begeben. Mit Disziplin, aber auch viel Spaß und Motivation. Und wer weiß, welche Beiträge von diesem Jahr es dann doch mal zu einem Verlag schaffen… So oder so: Einfach mal drauflosschreiben, hat noch niemanden geschadet!

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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