Matthias Rohl
31. März 2009

Filmgeschichte(n): „Oldboy“

Radikal, verstörend, überraschend: Mit seiner „Rache“-Trilogie lotet der koreanische Regisseur und Philosoph Park Chan-wook Extreme aus

„Auch wenn ich keinen Deut besser bin als ein wildes Tier, so habe ich doch ein Recht darauf, zu leben!“ Oh Dae-su (Choi Min-sik) wird eines Abends direkt vor seiner Wohnung entführt und die nächsten 15 Jahre unter härtester sensorischer Deprivation in einem spärlich möblierten, fensterlosen Raum eingekerkert. Sein einziges Tor zur Außenwelt ist ein Fernseher. Alles, was diesem Mann, seiner Familie und seines Lebens beraubt, noch bleibt, ist die unsagbare Verachtung für den Peiniger, der ihn eingesperrt hat. Von Hass getrieben, fängt er an, seine nackten Fäuste an der Zellenwand abzuhärten. Nur Rache zählt noch! Schnitt. Lee Woo-jin (Yoo Ji-tae), ein eiskalter Typ, der für die Einkerkerung verantwortlich ist, bietet seinem Opfer eine Wette an: Oh Dae-su soll den Grund für seine Folter herausfinden.

“Oldboy”, Filmplakat

In Cannes 2004 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet: „Oldboy“

Lee Woo-jin indes lebt im stilisierten Luxus eines Pracht-Penthouses und leitet eine höchst erfolgreiche Finanzfirma. Doch im Grunde treibt ihn allein der Wille, Oh Dae-su leiden zu sehen – und der Schmerz, den sein Opfer erleiden wird, wenn er den Schleier des dunklen Geheimnisses lüftet, das beider Leben auf perfide Weise aneinanderkettet. Schnitt. „Wofür soll ich für Sie beten?“ Mido (Kang Hye-jeong) ist ein junges Mädchen, das in einem japanischen Restaurant arbeitet. Sie verliebt sich in den inzwischen freigekommenen Oh Dae-su, der ohnmächtig wird, nachdem er vor ihren Augen einen lebenden Octopus verspeist hat. Sie beschließt, ihrer neuen Liebe beim Gewinn der Wette gegen den Peiniger zu helfen, ahnt aber nicht, dass dieser noch einen letzten Trumpf ausspielen wird…

Kafka in Südkorea

Mit „Oldboy“ (2003), dem Mittelteil seiner ebenso umstrittenen wie gefeierten „Rache“-Trilogie, schuf der 1963 in Südkorea geborene Regisseur Park Chan-wook einen radikalen Angriff auf die eingeschliffenen Mainstream-Routinen des okzidentalen Kinos. Die Legende besagt, dass Chan-wook als Kind so fasziniert von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ war, dass er beschloss, selbst Filme zu drehen. Er absolvierte ein Studium der Philosophie an der Universität Sogang, erschrieb sich das Geld für sein erstes eigenes Lichtspiel mit Filmkritiken und sammelte Erfahrungen als Regie-Assistent, bevor er mit „JSA – Joint Security Area“ (2000) seinen ersten kommerziell durchschlagenden Erfolg verbuchen konnte. „Sympathy For Mr. Vengeance“ (2002), der erste Teil seiner „Rache“-Trilogie, konnte zwar die Kritiker für sich einnehmen, fiel jedoch als „box office poison“ an der Kinokasse durch – bevor dann „Oldboy“ die längst verdiente internationale Aufmerksamkeit errang.

“Oldboy”, Filmszene

Liebe ohne Zukunft? Mido (Kang Hye-jeong) trifft Oh Dae-su (Choi Min-sik)

Die Jury in Cannes bedachte das kompromisslose Werk unter dem Vorsitz Quentin Tarantinos 2004 völlig zu Recht mit dem Großen Preis der Jury – zahlreiche weitere Festivalpreise folgten. Nach Abschluss der Trilogie mit „Lady Vengeance“ (2005) und seinem jüngsten Werk „I’m a Cyborg, But That’s OK“ (2006) gehört Park Chan-wook inzwischen zu den vielversprechendsten Filmregisseuren der Welt. Befragt nach seinen ästhetischen Einflüssen fallen immer wieder Namen wie Shakespeare, Dostojewski, Balzac, Zola, Stendhal, Philip K. Dick, Robert Aldrich oder Ingmar Bergmann – und Chan-wook nennt Franz Kafka und dessen Tendenzen ins „Surreale und Absurde“!

Artistik der Kontingenz

Park Chan-wook bekennt: „Für mich ist Rache das dramatischste Thema überhaupt. Wir empfinden heute mehr Zorn, als es in der Vergangenheit der Fall war. Allerdings leben wir in einer Welt, in der wir daran gehindert werden, unseren Emotionen freien Lauf zu lassen. Wenn wir in der Gesellschaft, in der wir leben, keine Gelegenheit bekommen, unseren Hass und unsere Animositäten aus der Welt zu schaffen, dann entwickelt sich Rache ganz automatisch zu einem Thema, das uns mehr und mehr beschäftigt und interessiert.“

“Oldboy”, Filmszene

Radikale Auseinandersetzung mit Rache, Gewalt und Selbstmord: „Oldboy“, Filmszene

„Oldboy“, der auf einer Manga-Serie basiert, lässt sich mit einem instruktiven Ausdruck des Filmtheoretikers Thomas Elsaesser als „mindgame movie“ bezeichnen – ein Terminus, den er in seinem Großessay „Hollywood heute“ (2009) entfaltet. Der moderne Film wird zur hochkomplexen Möglichkeitsform, zum postklassischen Gedankenspiel, zur Artistik der Kontingenz. Originalton Elsaesser: „Ein Protagonist nimmt an Ereignissen teil oder wird ihr Zeuge, deren Bedeutung oder Konsequenzen ihm jedoch entgehen. Mit ihm fragt der Film: Was genau ist passiert? Es gibt eine scheinbare Aufhebung von Ursache und Wirkung, wenn nicht gar eine vollständige Umkehrung des linearen Fortschreitens. Ein Protagonist muss sich selbst fragen: Wer bin ich? Was ist meine Realität?“

Paratext der Rache

Und wie kommentiert der Regisseur selbst seine Ästhetik, die sich nicht selten dem Vorwurf des zur Schau gestellten Martyriums konfrontiert sah? „Hollywood setzt Maschinengewehre und Raketen ein, die asiatische Tradition dagegen bevorzugt Fäuste und Messer. Dabei kann der Killer nicht auf Distanz zum Opfer bleiben, und das Gleiche gilt für die Kamera. Erst dadurch ist es möglich, Schmerz zu schildern – und die ganzen Widersprüche der Gewalt, denn nicht jeder ist imstande, den anderen mit einem Messer zu durchbohren. Und genau das ist meine Ästhetik. Ich analysiere jede einzelne Empfindung von Schmerz. Aber absurderweise gelten meine Filme deshalb als grausam.“

Park Chan-wook

Umstritten und gefeiert: Regisseur Park Chan-wook

Der sadomasochistische Paratext von Rache und Schuld kulminiert schließlich in einer Einsicht der Filmfigur Lee Woo-jin: Ob ein Sandkorn oder ein Stein – im Wasser gehen sie beide unter. „Oldboy“ führt uns auf höchstem bildkompositorischen Niveau in jene dämonischen Schattenreiche des Denkens zurück, in denen die Einsicht aufglimmt, derzufolge die Liebe nicht kennt, wer nie im Zorn erglühte.

nächste Folge:
„Beim Sterben ist jeder der Erste“
Bestie Mensch: John Boormans Verfilmung des Romans „Deliverance“ von James Dickey ist ein ingeniöser Genre-Grenzgang zwischen Zivilisation und Barbarei

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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