Susanne Viktoria Haupt
21. November 2016

Eine prosaische Herausforderung

Seitenansicht: „Lila“ von Marilynne Robinson

Schon längst ein Klassiker: Marilynne Robinsons „Lila“, Buchcover

Es ist klar, dass es immer etwas dauert, bis fremdsprachige Bücher es bis zur Übersetzung schaffen, damit sie auch dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung stehen. Bei einigen Werken gestaltet sich die Übersetzung natürlich etwas schwieriger. Wenn wir uns beispielsweise einmal den Roman „A Brief History of Seven Killings“ von Marlon James anschauen, dem jamaikanischen Schriftsteller, der vergangenes Jahr den Man Booker Prize abräumte, dann dürfte schnell klar sein, warum eine Übersetzung nicht ganz so einfach ist. Grund dafür ist hier zum Beispiel der kreolische Slang, den er vor allem in diesem Roman gerne benutzt hat. Diesem muss ein Übersetzer erst einmal gerecht werden, und dann kann man auch über eine deutschsprachige Ausgabe reden. Was die Verlage jedoch bis vergangenen Jahres abgehalten hat, die Werke von Marilynne Robinson zu übersetzen, bleibt unklar. Es mögen die verschachtelten Sätze gewesen sein, oder einfach der Umstand, dass einfach alle gleichzeitig auf beiden Augen blind waren. Denn schließlich hat die 1943 in Idaho geborene Schriftstellerin bereits 2004 mit ihrem Roman „Gilead“ den Pulitzer Preis gewonnen. „Gilead“ ist der Auftakt einer Roman-Trilogie, die es nun endlich peu à peu in die Übersetzung geschafft hat. Allerdings nicht in ihrer eigentlichen Reihenfolge, denn als erstes erschien der zweite Teil „Lila“ 2015 und im September diesen Jahres „Gilead“. Bei dieser Reihe ist die Umkehrung allerdings nicht ganz so wild, da die Teile auch gut alleine stehen können. Zudem sollten wir so oder so froh sein, endlich in den Genuss von Robinsons‘ Talent zu kommen.

„Lila“ ist ein Roman, der den Leserinnen und Lesern einiges abverlangt. Zum einen wirkt die Sprache oft sehr ungelenk, zum anderen ist der gesamte Roman recht handlungsarm. Kein großer Plot, dafür aber ein emotional intensiver Erzähl-Fluss, der sich langsam, aber kontinuierlich in die Herzen seines Publikum sschlängelt. Lila ist ein Findelkind im Amerika der 1930er-Jahre. Sie wird von Doll gefunden, einer armen Frau, die einer Stadtstreicherin gleichkommt. Lila flucht viel, hat den Kopf voller Läuse, beißt sich immer wieder selbst in die Hand – und in den ersten Wochen bangt Doll gar um das Leben des kleinen Mädchens. Aber irgendwie schafft sie es, mit viel Mais-Brei und ein wenig frischer Kuh-Milch die Kleine wieder auf die Beine zu kommen. Doll wird zu Lilas Zieh-Mutter und bekommt von ihr ungeahnte Liebe und Fürsorge. Was ihr allerdings fehlt, ist Bildung und da sie in ihrem kurzen Leben schon so ziemlich alles verloren hat, was ein Mensch verlieren kann, bleibt ihr nur der Stolz und ein eher unkultiviertes Verhalten. Später verliebt sie sich in einen verwitweten Geistlichen, der sich der jungen Frau mit dem bisher schwierigen Lebensweg annimmt. Er will für sie sorgen, selbst wenn sie ihn verlassen würde. Denn Lila findet sich nur schwerlich in seiner Welt zurecht.

Nun könnte man meinen, dass ein Roman, der ohne jeden Plot daherkommt, weder sonderlich spannend, noch anderweitig interessant sein könnte. Man mag sich fragen, wo denn dann das schriftstellerische Talent von Marilynne Robinson liegt, wenn ihre Geschichten sich ohne Spannungsbogen auf die Seiten legen. Aber „Lila“ ist hohe prosaische Kunst, die es zu entdecken und zu knacken gilt. Robinson geht ganz tief in das Innenleben ihrer tapferen Protagonistin hinein und liefert mit ihrer außergewöhnlichen Sprache allen Lesern eine begehbare Figur, die man langsam, aber kontinuierlich lieb gewinnen will. Zeitsprünge und die fehlende Einteilung in Kapitel mögen den Lesefluss noch zusätzlich erschweren, aber wer beharrlich an der Geschichte von Lila dran bleibt, wird mit einer reichhaltigen Gefühlswelt belohnt.

Marilynne Robinson, die bisher vier Romane veröffentlicht hat, von denen drei („Gilead“, „Lila“ und „Home“) zur erwähnten Trilogie gehören, darf sich schon jetzt zu den großen Klassikern der amerikanischen Literatur zählen. In ihrer Heimat sind ihre Romane beliebt, gefeiert und preisgekrönt. Robinson selbst lebt mittlerweile in Iowa City, um dort am berühmten Iowa Writer’s Workshop den Nachwuchs zu unterrichten.

Marilynne Robinson: „Lila“, Roman, 288 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3100024305, 21,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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