Susanne Viktoria Haupt
5. Dezember 2016

Zeitgemäße Familien-Satire

Seitenansicht: „Das Nest“ von Cynthia D’Aprix Sweeney

Ein Buchcover so hip, wie die Ansprüche seiner Protagonisten: „Das Nest“ von Cynthia D’Aprix Sweeney

Erfolg zieht immer Kritik nach sich. Mal ist sie begründet, und mal scheint sie alleine aus Neid und Missgunst entstanden zu sein. Der Debüt-Roman „Das Nest“ der amerikanischen Schriftstellerin Cynthia D’Aprix Sweeney stellt da keine Ausnahme dar. Es dauerte nicht lange, und ihr Roman feierte einen internationalen Erfolg. Eine Familien-Satire, die mit nahezu jedem Satz die gebildete New Yorker Mittelschicht aufs Korn nimmt, fand Anklang. D’Aprix Sweeney selbst hat Dekaden gewartet, bis sie sich ihren Traum vom Schreiben erfüllt hat. Erst, als alle ihre Kinder aus dem Haus waren, begab sich die Autorin zurück an die Universität. Vorher hatte sie als Werbe-Texterin gearbeitet. Dank lobender Kritik eines Dozenten für eine ihrer Kurzgeschichte entstand aus eben dieser ihr Debüt „Das Nest“. Und auch der Verlag, an den sie herangetreten war, war von der ersten Sekunde an überzeugt, dass das etwas Großes wird. Gut für die Autorin, denn sie wurde umgehend mit einem hohen Vorschuss bedacht. Für einen Erstling nicht schlecht, aber schon kurz nach der Veröffentlichung wurden die ersten Kritiker-Stimmen laut. Der Roman sei zu sehr konstruiert und vor allem auf eine Verfilmung ausgelegt. Subtext: Die Autorin hätte den Roman nur geschrieben, um damit Geld zu machen.

Nun mag man schnell an die Worte der Künstlerin Marina Abramović denken, die einmal in einem Interview sagte, dass sie Menschen, die nur um des Geldes und des Ruhmes Willen Künstler werden wollen, dringend davon abrät. Schlussendlich solle doch das dringende innere Bedürfnis sich künstlerisch auszudrücken, der Antrieb sein. Nicht verkehrt, allerdings könnte man nahezu jedem erfolgreichen Roman vorwerfen, dass er „zu konstruiert“ sei. Und nicht selten haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch bereits Bilder und eine Verfilmung ihres Romans im Hinterkopf. Es könnte eventuell daher kommen, dass auch Schriftsteller, bei aller Liebe zu ihrer eigenen Kunst, ganz gerne auch von dieser leben möchten. Zumindest ein ganz klein wenig. Aber während sich etliche Journalisten bei Elena Ferrantes Erfolg daran aufrieben, dass deren Name nur ein Pseudonym ist und man nichts über die oder den eigentlichen Autor*in wüsste, zählt bei Cynthia D’Aprix Sweeney eben vor allem der Umstand, dass man ihr Debüt locker in ein Drehbuch verwandeln könnte.

Nichtsdestotrotz ist „Das Nest“ ein bemerkenswert solides Erstwerk geworden. In klaren Szenen beschreibt D’Aprix Sweeney das Leben der vier Plumb-Geschwister. Ihre Mutter ist eine Alkoholikerin, die sich nur dürftig bei Familienfeiern sehen lässt und ihr Vater ist längst verstorben. Um die Kinder aber wenigstens ein wenig finanziell absichern zu können, steht für Melody, Jack, Bea und Leo ein üppiges Erbe zur Verfügung. Einziger Haken: Das Erbe wird erst ausgezahlt, wenn die Jüngste im Bunde, also Melody, 40 Jahre alt ist. Dabei wird das Geld von allen vieren dringend benötigt. Hypotheken, College-Gebühren und anderweitige Schulden haben sich angehäuft und sollen durch den Fond des Vaters endlich beglichen werden können. Als es jedoch endlich soweit ist, katapultiert Leo seine Geschwister ins Verderben. Betrunken und unter Drogen-Einfluss baut er mit seiner neuen Bekanntschaft, einer jungen Kellnerin, einen Auto-Unfall, bei dem die junge Frau fast ums Leben kommt. Um Leo vor den Konsequenzen zu bewahren, beschließen die Geschwister, der Kellnerin ein Schweigegeld zu zahlen. Millionen gehen dabei über den Tisch, die nun wiederum an anderen Stellen fehlen. Schließlich hatte doch jeder seinen Erbanteil bereits fest eingeplant. Und die einzige Möglichkeit, wieder an Geld zu kommen, ist, die Schulden bei Leo wieder einzutreiben.

Während der Titel „Das Nest“ eigentlich Wärme symbolisiert, ist in dieser Familie wenig davon zu finden. Zu sehr haben sich alle in ihrer New Yorker Oberflächlichkeit verhakt. Man möchte trendy und erfolgreich wirken, auch wenn man es gar nicht ist. Dazu gehört eine liberale Einstellung, das Lesen der richtigen Magazine, die Treffen in den richtigen Bars und für den Nachwuchs die bestmögliche Bildung. Einerseits hat die Autorin die Figuren alle gekonnt überzeichnet, andererseits kann die Ansammlung an Stereotypen schon mal in die Langeweile abrutschen. Den Faden findet D’Aprix Sweeney jedoch stets wieder und gibt ihrem Geschwister-Quartett dann sogar Raum für eine positive Entwicklung.

So schön locker und leicht einen „Das Nest“ aber auch unterhalten mag, darf man allerdings keine intellektuelle Tiefe erwarten. Das muss auch nicht unbedingt sein, denn der Roman erfüllt genau die Ansprüche, die die Autorin offensichtlich an ihn gestellt hatte. Er erhob sich zum amüsanten It-Buch für New Yorker und New York-Liebhaber oder für jene, die sich einer guten und modernen Familien-Satire hingeben wollen. Denn der vorzufindende Humor hat durchaus einen universellen Charakter. Das Ganze wird durch ein optisch sehr ansprechendes Cover abgerundet, das ganz im Sinne des Inhalts für einen Instagram-Post prädestiniert ist.

Cynthia D’Aprix Sweeney: „Das Nest“, Roman, 410 Seiten, Klett-Cotta, ISBN-13: 978-3608980004, 19,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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