Jörg Smotlacha
19. Dezember 2016

Ein unendlicher Spaß

Seitenansicht: „Ich hasse dieses Internet“ von Jarett Kobek

Zunächst im Selbstverlag erschienen und ohne Internet wahrscheinlich gar nicht möglich: Jarett Kobeks brillante und bitterböse Kulturkritik „Ich hasse dieses Internet“

„Das Internet war eine großartige Erfindung: ein Computernetzwerk, das die Leute benutzten, um anderen zu sagen, sie seien ein mieses Stück Scheiße.“ Der amerikanische Autor Jarett Kobek lässt in seinem Erstlingswerk „Ich hasse diese Internet“ von Beginn an keine Zweifel daran, wie miese es ist: das weltweite Netz. Und parodiert sich gleichermaßen selbst, indem er offenlegt, dass sein Buch, sein erster Roman, erstens „ein schlechter Roman“ sei und zweitens natürlich auf dem Computer geschrieben wurde.

Das mit dem „schlechten Roman“ konterkariert Kobek natürlich sofort geschickt, indem er behauptet, dass „der gute Roman“ eine Erfindung der CIA sei, „ein amerikanischer Roman, der sinnlosen Sex mit Grübeleien über das Wesen von Hypotheken veband“. Womit Kobek die Messlatte hochlegt, denn schnell wird klar, dass der türkischstämmige Autor, der in Kalifornien lebt, die Gesellschaft in der er lebt, nicht nur kritisieren, sondern gründlich sezieren möchte.

Kobeks Stärke aber ist die gnadenlose Beobachtungsgabe, die unseren Umgang mit den Medien beim Namen nennt: „Nichts verheißt mehr Individualität als 500 Millionen elektronische Geräte, die von Sklaven gebaut wurden. Willkommen in der Hölle.“ Dass Kobek dabei aber auch ungemein unterhaltsam und lustig ist, macht die Stärke seines Buches aus, changiert er doch zwischen klugen Beobachtungen und Sätzen, die so schlicht sind wie Wikipedia-Einträge: „Automobile sind motorisierte Fahrzeuge, die Menschen von einem Ort zu einem anderen bringen und dabei die Atmosphäre und den Planeten zerstören.“

Dss ist bitterböse Kulturkritik, na klar, aber es geht über vieles hinaus, was derzeit diskutiert wird, weil Kobek es schafft, eine klare Sprache zu finden: „Der einzige Zweck des Twitterns war es, neue Werbemöglichkeiten zu schaffen. Das Ausüben der Meinungsfreiheit und Redefreiheit auf Twitter bewirkte nichts anderes, als den Menschen Geld einzubringen, die Twitter gegründet und in das Unternehmen investiert hatten. So sah 2013 also radikaler Aktivismus aus. Ausgeübt auf einer Plattform, die weißen Typen gehörte und für Coca Cola und Pepsi Werbung machte.“

Überhaupt: Der Rassimus beziehungsweise die Ungleichheit zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe ist ein zentrales Motiv für Kobek: Menschen mit „wenig Eumemalin in der Basalschicht ihrer Epidermis“ gehören der weißen Rasse an, diejenigen mit „viel Eumemalin“ der schwarzen. Wer die Macht hat, ist immer klar, immer schon klar gewesen. Und dabei kratzt der Schriftsteller gleichzeitig auch noch am amerikanischen Gründungsmythos, an dem nichts, aber auch gar nichts schön ist: „Eine Vielzahl reicher weißer Männer hatte ihre Begierde in ihren Sklavinnen entladen, und eine Vielzahl hatte ihre Sklavinnen geschwängert, aber sehr wenige hatten schriftliche Werke darüber verfasst, der Mensch müsse frei sein. Thomas Jefferson war eine Ausnahme unter den Sklavenhaltern, er vergewaltigte mit Vergnügen seinen Besitz und schrieb dabei Erklärungen und Essays und Briefe über die Menschenwürde.“

Nun kann man natürlich streiten über die Bösartigkeit von Kobeks Tiraden, doch ihre Stärke ist eben gerade, dass sie nicht beim Titelthema Internet haltmachen, sondern den Kapitalismus an sich meinen und durch die hinterhältige Brillanz der Attacke direkt ins Herz treffen. Keine Frage: Es geht dem Autoren mehr um die Machtverhältnisse als um das Medium: „Die Vorstellung von Privatsphäre wurzelte in dem Konzept des Individualismus. Daher konnte man schlicht keine Privatsphäre besitzen, wenn die Kontrollinstanzen sich weigerten, einen als Individuum anzusehen. Das galt vor allem für das Leben von Afroamerikanern. Ihre Privatsphäre war von Anfang an am Arsch gewesen. Es gibt keine Privatsphäre, wenn der alte Massa Deine ganze Familie vergewaltigt. Es gibt keine Privatsphäre in Sklavenunterkünften. Die größte Sorge lautete, ob in Massenproduktion gefertigte Handys Weiße zu Schwarzen machten.“

Es soll nicht verschwiegen werden, dass „Ich hasse diese Internet“ natürlich eben doch auch ein guter Roman ist, und zwar einer mit einer großartigen Protagonistin. Im Mittelpunkt steht Adeline, eine Mittvierzigerin – im Internet-Jargon bei Kobek natürlich eine MILF -, die als ehemalige Comic-Zeichnerin ihr Leben fristet und nach einer unbedachten Äußerung über Beyoncé und Rihanna einen wahren Shitstrom am Halse hat. In Zeiten wie der unsrigen, in der Lautstärke mehr zählt als fundierte Meinungen und Fakten oft unterliegen, ist „Ich hasse dieses Internet“ ein wichtiger Roman. Und ein strittiger. Oder in den Worten Kobeks: „Sie lassen gerade die moralische Entrüstung eines heuchlerischen Autors über sich ergehen, der von der Ausbeutung der Sklaven profitiert hat“.

Jarett Kobek: „Ich hasse dieses Internet“, Roman, 364 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3103972603, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel