Anna Braun
30. Januar 2017

Eine Liebe, eine Freundschaft und eine Stadt, die verbindet

Seitenansicht: „Ankara Mon Amour“ von Şükran Yiğit

Eine humorvolle und rührende Geschichte über Liebe und Freundschaft: Şükran Yiğits „Ankara Mon Amour“, Buchcover

„Sauerkirsch-Marmelade war wirklich nicht lecker. Sie war wie Kopfschmerzen, ich konnte ihren Geschmack nicht verstehen“

Ankara in den 1960er-Jahren. Die sechsjährige Suna wird nach langer Krankheit wieder aus dem Krankenhaus entlassen und versucht, den Anschluss an ihre alten Freunde zu finden. Geplagt von den Spritzen, die sie täglich bekommt, versinkt Suna in den Frühlingsmonaten in ihrer Langeweile. Als der Sommer dann endlich kommt, wird ihr Leben wieder schwungvoll: Das Straßenleben fängt wieder an, sie nimmt wieder an den „Geschicken der Welt“ teil, die Sonne wärmt die Straßen und Sunas Gesicht. Es ist der Sommer, in dem Suna wieder gesund wird. Denn Suna wird bei den Straßenkämpfen befördert, abends bei den Verlängerungen darf sie sogar in der achten Reihe kämpfen! Die Straßenkämpfe, die Kronkorken-Sammlung, die kindliche Wildheit – all das ist Sunas Welt.

Sunas mysteriöser Onkel Ömer lebt währenddessen eigentlich in Frankreich und schickt ab und zu Postkarten. Suna kennt den Bruder ihrer Mutter nur aus den Foto-Alben, die ihre Mutter dann und wann mal ausgräbt, während sie auf verschiedene Fotos zeigt und den Namen ihres Onkels sagt. Auch was Ömer in Frankreich studiert, kann oder will man ihr nicht sagen. Eines Tages kommt ein Telegramm des Onkels, der seinen Besuch in Ankara ankündigt. Als Suna morgens aufwacht, hört sie schon seine tiefe Stimme. Er ist ein netter Mann, gar nicht so groß, wie gedacht, und mit bernsteinfarbenen Augen, findet Suna heraus.

Behütet wächst Suna in Ankaras Straßen auf, bis die gleichaltrige Emel mit ihrer Mutter Gülay in ihre Straße zieht und Sunas Leben durcheinander bringt. Emel ist blond, hat blaue Augen, spielt nicht mit Dreck, nimmt nicht an den Straßenkämpfen teil und ist das komplette Gegenteil von Suna. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit freunden sich Suna und Emel an. Aufgeweckt wie Suna ist, bemerkt sie bald das seltsame Verhalten ihres Onkels Ömer, wenn er in die Nähe von Emel oder Gülay gerät. Urplötzlich scheint er es eilig zu haben und hastet davon. Bis für Suna eines Tages die Sache klar wird: Gülay und Ömer gehören zusammen. Doch dann passiert etwas Schreckliches…

„Meine Tränen sind alle. Deine? Ich sagte: Meine noch nicht.“

Ankara, elf Jahre später. Eine junge Studentin englischer Literatur trifft ihre alte Freundin Suna wieder, als diese gerade während der Studenten-Unruhen von einem Polizeiwagen mitgenommen wird. Emel macht sich auf die Suche nach Suna. Gemeinsam beginnen sie, jenen Sommer im Jahre 1969 zu rekonstruieren. Verzweifelt erfährt Emel, dass sie bisher nur die halbe Wahrheit kannte. „Wie kannst du nicht wissen, dass zwei mal zwei vier ist?“, werfen Sunas Augen ihr vor. Zusammen gehen sie der Wahrheit auf den Grund, bis Suna Emel verlassen muss.

Der letzte und kürzeste Abschnitt des Romans erzählt die wundersame Liebesgeschichte zwischen Ömer und Gülay aus der Sicht Ömers. Im berühmten Sommer 1969 trifft er in einer Abenddämmerung die Liebe seines Lebens. Es ist eine verbotene, heimliche Liebe, die nicht sein darf und ein tragisches Ende nimmt. Jetzt, 31 Jahre später, kehrt Ömer nach langer Zeit zurück und trifft die übriggebliebenen Menschen von damals.

Das im Sujet Verlag erschienene Buch „Ankara Mon Amour“ von Şükran Yiğit wurde von Stefan Achenbach aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt. Die drei Hauptteile des Buches werden von drei verschiedenen Hauptpersonen erzählt, sodass eine kurzweilige Geschichte aus verschiedenen Erzählperspektiven entsteht. Wie fühlt ein sechsjähriges Kind, wie fühlt ihr Onkel und wie entspinnt sich die Geschichte, die beide miteinander verbindet? Der Roman startet mit der Perspektive Sunas, fährt mit Emel fort und endet mit Ömers Blick auf die Geschichte. Der humorvolle, lockere und bisweilen melancholische Stil Şükran Yiğits macht das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre, die sehr zu empfehlen ist.

Die in Istanbul geborene Autorin Şükran Yiğit ist auch in der Türkei keine Unbekannte mehr. Nach zahlreichen Veröffentlichungen beim Verlag İletişim Yayınları wurde sie 2010 sogar mit dem Saint Joseph Studentenpreis ausgezeichnet. Nachdem Şükran Yiğit in Ankara Wirtschaftsingenieurwesen studierte und einige Jahre als Software-Entwicklerin arbeitete, zog sie 1995 nach Deutschland. „Ankara Mon Amour“ ist das erste Buch Yiğits, das beim Sujet Verlag auf Deutsch erschienen ist.

Şükran Yiğit: „Ankara Mon Amour“, Roman, 257 Seiten, Sujet Verlag, ISBN: 978-3944201368, 14,80 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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