Susanne Viktoria Haupt
29. Januar 2017

Béton brut im Herzen Hannovers

Finissage in der Kunsthalle Faust: der Kosmos Ihme-Zentrum und die Frage „Was kommt jetzt?“

Wirkt als Inbegriff des Brutalismus in Hannover: das Ihme-Zentrum

Hannover ist vieles. Vor allem eine niedersächsische Landeshauptstadt, in der man sich gerne mal „unterm Schwanz“ trifft, und die sich, was das kulturelle Leben angeht, schon mehr als einmal selbst überrascht hat. Was Hannover aber auch ist, ist der Standort eines Gebäude-Komplexes, der zum Sinnbild des Béton Brut (zu deutsch Brutalismus) wurde. Gemeint ist natürlich das Ihme-Zentrum, das sich entlang des Ihme-Ufers erstreckt. Der architektonische Stil des Brutalismus zielte auf eine offene Darstellung des Materials Beton und beinhaltete oftmals Gebäude, deren Grundriss klar und übersichtlich sein sollte. Das Ihme-Zentrum sollte wie eine Stadt in der Stadt fungieren. Es sollte Wohnraum für viele Menschen bereitstellen und gleichzeitig Einkaufsmöglichkeiten bieten. Funktioniert hat das Konzept durchaus, aber leider nur für einen gewissen Zeitraum. Mittlerweile stehen die Ladenzeilen leer, das Gebäude ist stark sanierungsbedürftig und so richtig einziehen möchten dort die Wenigsten. In Hannover – und durchaus auch über die Stadtgrenzen hinaus – streitet man sich gerne mal über diesen Komplex. Für die einen ist der Koloss ein ästhetisch fragwürdiger Schandfleck, der am besten die Bekanntschaft mit einer Abrissbirne machen sollte. Für andere wiederum steht das Ihme-Zentrum als Einladung, sich kreativ auszutoben und den urbanen Raum in wundersamer Weise neu zu erobern. Die Ideen zur Umnutzung des Ihme-Zentrums sind vielfältig und reichen bis zu dem Gedanken, eine Art begrünten Park inmitten des Betons anzusiedeln. Promenade Plantée und High Line lassen grüßen. Obwohl es dem Ihme-Zentrum an Ideenreichtum und Fläche gar nicht mangelt, mangelt es jedoch an Investoren, die sich aktiv mit dem Gebäude auseinandersetzen.

Aber kommen wir einmal zurück zum Ideen-Reichtum. Denn wenn es um kreative Ideen geht, dann ist Hannover eine Großstadt wie Berlin oder Hamburg und steht diesen in nichts nach. 2014 zog der Hannoveraner Constantin Alexander ins Ihme-Zentrum und beschäftigt sich seitdem nicht nur mittels empirischer Studien und Interviews mit anderen Bewohnern mit dem Gebäudekomplex, sondern gründete zudem 2016 die „Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum“. Mittlerweile wurde sogar eine Dokumentation über das Ihme-Zentrum gedreht, die im Apollo-Kino in diesen Wochen und Monaten unter dem Titel „Das Ihme-Zentrum – Traum, Ruine, Zukunft“ mehrfach zu sehen ist. Aber auch das Kulturzentrum Faust hat sich dem Ihme-Zentrum angenommen und zwar auf eine künstlerische Art und Weise. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Simon Slipek führte es ein Foto-Projekt durch, bei dem sich rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Einweg-Kameras dem Ihme-Zentrum fotografisch näherten. Herausgekommen ist die beeindruckende Ausstellung „Draußen und drinnen“, deren Fotografien vollständig in Schwarz-weiß gehalten wurden. Heute feiert sie in der Kunsthalle Faust ihre Finissage und regt mittels der Podiumsdiskussion „Ihme-Zentrum – wie weiter?“ zur weitergehenden Beschäftigung mit der wohl bekanntesten „Bausünde“ Niedersachsens an.

Sonntag, 29. Januar 2017:
„Draußen und Drinnen“, Finissage mit Podiumsdiskussion, Kunsthalle Faust, Kulturzentrum Hannover, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover, Ausstellung geöffnet: ab 14 Uhr, Podiumsdiskussion: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Faust)

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Kategorien: Kunst, Lokales, Tagestipps

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