Susanne Viktoria Haupt
16. Januar 2017

Soap über das Öko-System

Seitenansicht: „Die Terranauten“ von T.C. Boyle

Vielversprechende Ideen, enttäuschendes Ergebnis: „Die Terranauten“ von T.C. Boyle, Buchcover

Von der britischen Kult-Serie „Doctor Who“ gibt es eine Sonderfolge mit dem Namen „Der rote Garten“, in der der Doctor mit seiner T.A.R.D.I.S. auf dem Mars landet und dort Besucher der von Menschen erbauten und besiedelten Station „Bowie Base One“ wird. Um lebensfähigen Raum auf dem Mars zu erschaffen, wurde innerhalb von miteinander verbundenen Glaskugeln ein eigenes sich selbst versorgendes Öko-System entwickelt. Was für viele natürlich nach Science Fiction klingt, basiert jedoch auf realen Versuchen. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde in zwei Durchgängen versucht, ein ebensolches, in sich geschlossenes Öko-System in Arizona zu errichten. Zwar scheiterten beide Versuche des Biosphäre-Projekts, der erste nach fast genau zwei Jahren und der zweite nach nur sechs Monaten, aber dennoch waren sie weiterführend von Nutzen: Zum einen wird das ehemalige Gelände mittlerweile von der University of Arizona für die Forschung genutzt und zum anderen lieferten sie eine Steilvorlage für T.C. Boyles aktuellen Roman „Die Terranauten“.

Die Story klingt sowohl vom Inhalt als auch vom Konzept her erst einmal spannend. Und Erfolgsautor T.C. Boyle bedient sich der Multiperspektivität, um im Wechsel seine zwei Protagonisten, die zwei Crew-Mitglieder Ramsay Roothoorp und Dawn Chapman zu Worte kommen zu lassen, so wie auch Linda Ryu, die im Vorfeld zwar das Bewerbungsverfahren für die Crew nicht bestehen konnte, jedoch eine Außenansicht des Geschehens liefert. Auch die Begründungen der Versuche sind an Aktualität nicht zu übertreffen, thematisieren sie doch das rasante Aufbrauchen der natürlichen Ressourcen und den realen Klimawandel, der längst nicht mehr nur die Pol-Kappen bedroht.

Angesichts dieser Thematik war die Erwartungshaltung an T.C. Boyles neuen Roman entsprechend groß, erwartete man doch einen vielschichtigen, kritischen, wenn auch humorvollen Beitrag zu diesen Versuchen. Doch bereits auf den ersten hundert Seiten werden alle diese Erwartungen auf die Ersatzbank verwiesen. Denn aus der vielversprechenden Steilvorlage hat Boyle nicht mehr als einen „Big Brother im geschlossenen Öko-System“ hervorgebracht.

Im Fokus steht das zwischenmenschliche Miteinander, vor allem die sexuelle Komponente, die sich bei den vier weiblichen und vier männlichen Crew-Mitgliedern natürlich anbietet, jedoch wurden diese nur oberflächlich und in Soap-Manier herausgearbeitet. Da haben wir die vor Neid platzende Linda, die es ihrer einstigen Freundin und Mitstreiterin Dawn keinesfalls gönnt, Teil der Mission zu sein, die verschiedenen Liebeleien zwischen Crew-Mitgliedern und Fachkräften und schlussendlich natürlich auch die Annäherungsversuche während der Mission innerhalb des Mitglieder-Kosmos. Letzteres führt sogar zu einer Schwangerschaft, die das ganze Vorhaben natürlich stark gefährdet. Die dadurch auftretenden Fragen, ob die Leiter der Mission über einen Schwangerschaftsabbruch bestimmen dürfen oder nicht, würden zwar explosives Konfliktmaterial liefern, werden jedoch von Boyle sehr langatmig und allenfalls oberflächlich behandelt, so dass echte Spannung gänzlich ausbleibt. Eine persönliche Entwicklung der einzelnen Figuren bleibt auch aus, was die Oberflächlichkeit des Romanes leider noch unterstreicht. Da hilft das bisschen Romantik, der sexuelle Trieb und der Machtkampf zwischen den Figuren leider nicht aus, um die Leserinnen und Leser über 600 Seiten bei Laune zu halten.

Unterm Strich bleibt „Die Terranauten“ also einiges schuldig und kann nicht an die ehemaligen Erfolge von T.C. Boyle anknüpfen, der es in der Vergangenheit doch sogar mit seinem Roman „The Tortilla Curtain“ auf die Lektürenliste von Oberstufen-Schülern geschafft hatte.

T.C. Boyle: „Die Terranauten“, Roman, 608 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446253865, 26 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel