Matthias Rohl
28. April 2009

Filmgeschichte(n): „Beim Sterben ist jeder der Erste“

Bestie Mensch: John Boormans Verfilmung des Romans „Deliverance“ von James Dickey ist ein ingeniöser Genre-Grenzgang zwischen Zivilisation und Barbarei

Bevor die Zivilisation durch den Bau eines Damms endgültig Einzug in die Idylle der Unberührtheit erhält, wollen vier „Wochenendkrieger“ aus der Stadt auf dem Cahulawassee, einem wilden Fluss in Georgia, eine Kanutour genießen. Die arrivierten Großstädter Lewis Medlock (Burt Reynolds), Ed Gentry (Jon Voight), Bobby Trippe (Ned Beatty) und Drew Ballinger (Ronny Cox) lassen ihre Autos an einer abgewrackten Tankstelle zurück und teilen sich in zwei Kanu-Gruppen, Lewis und Drew in einem, Bobby und Ed im anderen Boot. Während die Männer am Ende des ersten Tages noch im ahnungslosen Überschwang die Lagerfeuer-Romantik beschwören, wartet am zweiten Tag das Grauen auf sie. Ed und Bobby sind weit vorausgefahren, als sie am Ufer zur Rast festmachen, lauern dort schon zwei bewaffnete Hinterwäldler – und der Albtraum beginnt…

“Deliverance”, Filmplakat”

Körperlich spürbare atmosphärische Bedrohung: „Beim Sterben ist jeder der Erste“, Filmplakat

Mit der Wucht einer Stromschnelle

Mit „Deliverance“ (deutsch „Beim Sterben ist jeder der Erste“) gelang Regisseur John Boorman 1972 sein Meisterstück. Schon mit „Point Blank“ (1967) hatte der smarte Brite einen Achtungserfolg in Hollywood gelandet, doch mit seiner Verfilmung des Roman-Debüts von James Dickey schuf er eine handwerklich perfekte Variation seines Lebensthemas: Menschen aus der Zivilisation müssen sich in der Barbarei behaupten. Noch viele Jahre später schwärmte Burt Reynolds, der hier die überzeugendste Rolle seiner unsteten Karriere gespielt hatte: „Das ist der beste Film, in dem ich je mitgespielt habe. Der Film packt dich einfach beim Kragen und knallt dich gegen die Felsen. Du spürst das alles am eigenen Leib und kommst aus dem Kino nur noch herausgekrochen.“

“Deliverance”, Szenenfoto

Beweisen einen überwältigenden Gleichgewichtssinn: Burt Reynolds und Jon Voight in der „Deliverance“-Verfilmung

Und der „Motion Picture Guide“ bemerkte lakonisch, dieser Film sei ein „beunruhigendes, doch zugleich faszinierendes Porträt von Menschen, die sich, aus ihrem alltäglichen Umfeld herausgelöst, in einer Umgebung zur Wehr setzen müssen, in der die Regeln der Zivilisation keine Gültigkeit mehr besitzen.“ Drei Oscar-Nominierungen waren die Folge, darunter in der Kategorie „Bester Film“. Und wirklich, sieht man den Film zum ersten Mal, ergreift er den Betrachter mit einer ungeheuren Wucht: Dieses „absolut erstklassige Beispiel für Filmhandwerk“ (Charles Champlin, Los Angeles Times) reißt uns mit wie der unwiderstehliche Sog der unbezwingbaren Stromschnellen.

Die Natur schlägt zurück

Im Licht der Erkenntnis, dass der Plot einer schlichten Mensch-gegen-Natur-Metapher zuwiderläuft, formulierte John Boorman zum 35-jährigen Jubiläum des Films seine Sicht: „Als ich das Buch las, interpretierte ich die Motive in etwas anderer Weise als Dickey, er dachte an das typische Südstaatenmotiv des Überlebenskampfes, an den Mann in Amerikas Wildnis, der im Wald überleben kann. Für mich war die Vorstellung, dass dieser schöne Fluss verdammt und zerstört werden würde, ein wunderbares Symbol für den menschlichen Versuch, die Natur zu bezwingen. Diese vier Männer waren Großstädter, sie wollten auf einer Freundschaftsreise die Natur genießen.“ Und er kommentierte die berüchtigte Sodomie-Szene („Quieken wie ein Schwein“) aufschlussreich: „Die Vergewaltigungsszene ist das Herzstück des Films, sie symbolisiert die Vergewaltigung des Flusses durch die Großstädter, das heißt, die Natur rächt sich, sie erreichen hier eine Art Urzustand, sie haben getötet, sind völlig abgeschnitten von der Welt.“

John Boorman

Lebensthema Zivilisation gegen Barbarei: Regisseur John Boorman 2005

Es ist im retrospektiven Blick erstaunlich, wie frei und unbeobachtet die Dreharbeiten verlaufen konnten: Darsteller und Crew waren nicht versichert, die Schauspieler machten viele Stunts selbst und besonders der austrainierte Reynolds bewies, so Boorman, bei seiner körperbetonten Spielweise einen „überwältigenden Gleichgewichtssinn“. Mit einem leisen Anflug ironisch eingefärbter Wehmut blickte der Regisseur zurück: „In den 70ern waren die Studios von den Regisseuren abhängig, die großen Einfluss genossen. Man ließ mir völlig freie Hand, es gab weder Vorschau noch Vorpremiere, keine Zuschauer-Fragebögen oder ähnliches. Heute würde so ein Film ganz anders gedreht werden, aber die 70er waren geprägt von Originalität und Experimentierfreude, und wir waren zum ersten Mal weitgehend frei von jeglicher Zensur, das wird oft nicht berücksichtigt; plötzlich standen uns im Gegensatz zu vorher alle Möglichkeiten offen.“

Casting mit Risiko

Überhaupt, das Casting. Über Burt Reynolds war das Studio nicht sonderlich entzückt: Die drei TV-Serien, in denen er zuvor gespielt hatte, waren schließlich allesamt Flops. Noch heute erinnert sich Reynolds: „Als einer, der in Georgia und Florida aufwuchs, kannte ich Dickeys Werk; der Film steckt voller außergewöhnlicher Momente, die ich nie vergessen werde. Es war nicht nur meine Befreiung vom Fernsehen, und natürlich von schlechten Filmen, sondern das Sprungbrett in ein mir völlig unbekanntes Terrain.“ Ronny Cox und Ned Beatty, zwei damals völlig unbekannte Schauspieler, kamen vom Regional- und Repertoire-Theater, und hatten – aus heutiger Sicht undenkbar – keinerlei Kameraerfahrung. Ihre Leistung indes ist grandios. Einzig Jon Voight, intensiv vertraut mit den Methoden der „Actor Studios“, konnte in „Midnight Cowboy“ (1969) an der Seite von Dustin Hoffman eine veritable Hauptrolle in einer Oscar-prämierten Produktion vorweisen.

“Deliverance”, Szenenfoto

Wenn die Regeln der Zivilisation keine Gültigkeit mehr besitzen: Szenenfoto aus „Beim Sterben ist jeder der Erste“

1972 war ein cineastisch denkwürdiges Jahr: Wir verdanken ihm einige der besten Filme in der Geschichte des Kinos: „Cabaret“, „Der Pate“, „Getaway“, „Solaris“ – und ganz sicher auch „Deliverance“. Die ausgefeilte, klug komponierte Bildsprache, für die Kameramann Vilmos Zsigmond eine genial-ausgebleicht wirkende Ausleuchtung erfand, die nahezu körperlich spürbare atmosphärische Bedrohung und vor allem die vielschichtig-subtile Symbolik Boormans lassen den Zuschauer immer wieder erschauern im Angesicht dieses Albtraums, aus dem es für die Männer kein Entrinnen gibt: „Wir können die Welt der Menschen nicht verlassen, wenn es keinen Ort gibt, an den wir uns aus dieser Welt der Menschen begeben können“ (James Dickey).

nächste Folge:
„Vertigo – Aus dem Reich der Toten“
Sex, Symbol und Schwindel oder „Was Sie schon immer über Hitchcock wissen wollten, aber Lacan nie zu fragen wagten“

(Fotos: Wikipedia, Szenenfotos)

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Kategorien: Film

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