Susanne Viktoria Haupt
6. Februar 2017

Der spanische Traum von Mode

Seitenansicht: „Die Kleidermacherin“ von Núria Pradas

Atmet den Geist der 1920er-Jahre: „Die Kleidermacherin“ von Núria Pradas, Buchcover

Der historische Roman hat, genau wie der klassische Roman, noch eine relativ junge Geschichte. Erst im 18. Jahrhundert feierte er seine ersten Erfolge, und man kann sagen, dass er an diese nie wieder so richtig anknüpfen konnte. Aus den Regalen ist er dennoch nicht wegzudenken. Zu verlockend ist die Vorstellung, sich mittels meist fiktiver Geschichten in vergangene Zeiten zu lesen und einen Hauch von dem mitzubekommen, was man selbst nie erleben konnte. Auch, wenn der historische Roman bekannterweise keinen Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit erhebt. Schließlich gibt es dafür Fachbücher.

Die spanische Autorin Núria Pradas hat sich in ihrem Roman „Die Kleidermacherin“ nun der Zeit vor und während des Spanischen Bürgerkriegs gewidmet. Im Zentrum steht dabei das traditionsreiche Modehaus Santa Eulalia aus Barcelona. Das Buch sollte eine Hommage an ihre Heimatstadt werden, sich aber nicht nur auf die Fiktion stützen, sagte die Autorin. Um ihren Leserinnen und Lesern einen möglichst genauen Einblick in die Geschichte des Modehauses gewähren zu können, arbeitete sie eng mit Santa Eulalia zusammen.

Zur Geschichte: Roser Molin ist die Tochter des ehemaligen Inhabers des luxuriösen Modehauses Santa Eulalia. Nachdem ihr Vater überraschend stirbt, übernimmt ihr Bruder schon in jungen Jahren das Unternehmen. Aber auch für Roser ändert sich nach dem Verlust ihres Vaters einiges. Während die Trauer noch schwer wiegt, lernt sie die junge unkonventionelle Laia kennen. Laias Mutter ist Näherin bei Santa Eulalia und hofft, dass ihre rebellische Tochter einmal in ihre Fußstapfen tritt. Laia tritt zwar ebenfalls eine Stelle in dem Modehaus an, wird jedoch schnell vom eleganten Auftreten Rosers abgelenkt. Roser wird für Laia zum Inbegriff dessen, was sie selbst gerne wäre. Roser hingegen findet in Laia endlich jemanden, der ihr zuhört und mit dem sie der Trauer entfliehen kann. Beide Frauen freunden sich an.

Doch das freundschaftliche Glück der beiden jungen Frauen währt nur kurz, denn das Modehaus bekommt Zuwachs in Form des extrovertierten, angehenden Modedesigners Férran und sowohl Roser als auch Laia verfallen sofort seinem Charme. Férran nutzt die Chance und beginnt mit beiden eine Liason. Roser scheint für ihn der Eintritt in die Luxuswelt zu sein, weswegen er diese Beziehung auch in aller Öffentlichkeit auslebt und sich sogar mit ihr verlobt. Laia hingegen ist für ihn eine geheime Bettgeschichte, die in der Folge immer tiefer ihren Keil in die Freundschaft zwischen den beiden Protagonistinnen treibt…

Die Geschichte der Freundschaft zwischen Roser und Leia bettet Núria Pradas in die Geschichte des Modehauses ein und lässt die Leser dabei hinter die Kulissen des aus Stoff gemachten Luxus‘ blicken. Sowohl die ersten richtigen Mode-Shows als auch die Arbeiten der Designer und der große Apparat an Näherinnen umragen die zwischenmenschlichen Ereignisse. Bis hin zum Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs, der alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt.

„Die Kleidermacherin“ ist ein mit sehr viel Leidenschaft und Zuneigung geschriebenes Werk, dem es allerdings in den ersten zwei Dritteln an Pfeffer fehlt. Zu seicht, zu zögerlich und zu oberflächlich wirken die einzelnen Charaktere und ihre Handlungen. Als Leserin fliegt man schnell und gerne auch unkonzentriert über die einzelnen Kapitel hinweg und ärgert sich allenfalls über den arroganten und ignoranten Férran, der offenbar nichts anbrennen lässt und aus Roser lediglich eine konsequent misstrauische und eifersüchtige Frau macht. Erst im letzten Drittel gewinnt die Geschichte durch die politischen Umbrüche der Zeit an Energie. Im Ergebnis nicht gerade viel, um sich der Geschichte anzunehmen, aber mit einem Hang zu sanft melancholisch aufgearbeiteten historischen Themen ein kurzweiliger, aber lesbarer Roman.

Núria Pradas: „Die Kleidermacherin“, Roman, 400 Seiten, Penguin Verlag, ISBN-13: 978-3328100775, 10 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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