Susanne Viktoria Haupt
27. Februar 2017

“Dich lese ich noch! Irgendwann”

Seitenansicht Spezial: Der Stapel ungelesener Bücher

Ein Teil meiner ungelesenen Bücher: Für zwei fehlte bisher die Zeit (Rob Doyle und Winston Churchill) und für zwei einfach die Muße (Gabriel García Márquez und Alice B. Toklas)

Jeder passionierte Leser kennt das: Man geht an einem seiner Bücherregale vorbei, streicht über ein paar Buchrücken und flüstert leise “Dich lese ich noch! Irgendwann”. Die Rede ist vom “Stapel ungelesener Bücher”, der mittlerweile sogar den eigenen Hashtag #SuB hat. In den Sozialen Netzwerken sorgt dieser Stapel immer wieder für Diskussionen. User berichten davon, wie oft sie besagtes Buch schon in die Hände genommen haben, die ersten 50 Seiten lasen, aber schlussendlich doch wieder aufgaben. Die Gründe sind vielschichtig. Oftmals handelt es sich um Romane, deren Umfang einfach einiges an Zeit in Kauf nimmt. Oder aber es geht um Werke, deren Schreibstil als sehr eigenwillig gilt. Bei meinen Recherchen stieß ich vor allem auf folgende drei Romane, die offensichtlich bei vielen passionierten Lesern auf dem besagten Stapel liegen: “Hundert Jahre Einsamkeit” von Gabriel García Márquez, “Unendlicher Spaß” von David Foster Wallace und “Ulysses” von James Joyce.

Erschlagender Umfang

Alle drei Romane bestechen vor allem erst einmal durch ihre Seitenanzahl. Die Fischer-Taschenbuchausgabe von “Hundert Jahre Einsamkeit” hat 496 Seiten. Eigentlich keine große Nummer, wenn man Marquez’ Klassiker im Verhältnis zu anderen Romanen betrachtet. Die nahezu epische Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs der Familie Buendía hat schon Millionen von Leserinnen und Lesern begeistert und gilt nicht nur als klassischer Vertreter des magischen Realismus, sondern auch als Teil des Kanons der Weltliteratur. Das Buch besitze ich durchaus. Aber obwohl ich schon andere Werke von Márquez gelesen habe, und “Chronik eines angekündigten Todes” zu meinen Lieblingsbüchern gehört, liegt die Familie Buendía immer noch auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher. In diesem Falle kann ich nicht einmal plausible Gründe nennen.

langeleine.de-Kollege Sebastian Albrecht schwört auf diesen Roman, und im Gegensatz zu unzähligen anderen Bibliophilen hat er sich vergangenes Jahr sogar durch die 1552 Seiten von David Foster Wallaces “Unendlicher Spaß” gearbeitet. Ein Buch mal dazwischen schieben? Unmöglich, da dieser Roman schon alleine durch die zahlreichen umfangreichen Fußnoten vom eigentlichen Lesefluss ablenkt. Durch “Ulysses” von James Joyce immerhin habe ich mich selbst bisher ganze zweieinhalb Mal gelesen. Das erste Mal in der 12. Klasse, als mein Lehrer ihn beiläufig als Roman beschrieb, bei dem “viele angeben, ihn gelesen zu haben, aber schlussendlich doch nie aufgeschlagen haben”. Die Herangehensweisen sind bei der Berührung mit “Ulysses” unterschiedlich – und einen wirklich richtigen Weg gibt es natürlich auch nicht. Manch einer sagt, man solle vorher erst einmal Joyces “Dubliner” lesen, um sich mit seinem Schreibstil vertraut zu machen. Andere wiederum sagen, dass es unabdingbar wäre, vorher Homers “Odyssee” zu lesen. Letztendlich muss man aber vor allem eins tun: sich durch die 800 Seiten mit mangelnder Interpunktion arbeiten.

Umständehalber ungelesen

Neben demotivierenden Seitenanzahlen – und es gibt auch durchaus versierte Leser, die prinzipiell kein Buch mit über 450 Seiten in die Hand nehmen, auch das ist legitim – gibt es auch den Grund des “Umstands”. Häufig hört und liest man, dass es für viele Bücher einfach “den richtigen Moment” geben muss. Und manchmal ist dieser sogar an die Jahreszeit gekoppelt. Bulgakovs “Der Meister und Margarita” im Frühling oder Sommer lesen? Für mich genauso undenkbar wie der Gedanke, mich mit Eleanor Cattons “Die Gestirne” in die sommerliche Hängematte zu legen. Dorothy Parker passt für mich ebenso eher in die tristen Jahreszeiten, denn oftmals können ihre Geschichten einem auch den blausten Himmel verdunkeln. Daher ist es kein Wunder, dass sich jedes Jahr ganze Redaktionen zusammensetzen, um eine Leseliste für die Sommerzeit zu erstellen. Und dennoch bleiben viele Bücher einfach liegen, weil der richtige Moment noch nicht gekommen ist.

Das Spiel mit der Erwartungshaltung

Ein anderer Grund, warum Bücher auf dem Wartestapel landen, ist die Erwartungshaltung. Das beste Beispiel ist meine beste Freundin, eine Buchhändlerin. Sie ist ein großer Fan von Virginia Woolf und besitzt von sämtlichen Romanen mehrere schmuckvolle Ausgaben. “Zum Leuchtturm” gehört zu ihren absoluten Lieblingen und wird stetig verehrt. Aber obwohl sie nicht nur ein Woolf-Fan ist, und beispielsweise mehrere Ausgaben von “Mrs Dalloway” besitzt, hat sie dieses gute Stück bisher nicht gelesen. Nicht einmal eine Seite. Der Grund ist simpel, denn es ist die Angst vor einer Enttäuschung. Was, wenn dieser Roman einfach nicht so gut ist wie “Zum Leuchtturm”? Fällt die britische Autorin dadurch dann eventuell in ihrem Ansehen? Wird der Glanz von “Zum Leuchtturm” vielleicht gar geschmälert? Selbst meine blumigen Bekundungen, dass sie sich ruhig und ohne Sorge an “Mrs Dalloway” herantrauen könne und es ihr “ganz bestimmt” gefallen würde, blieben bisher folgenlos. Ein ähnliches Problem, wenn auch nicht mit ganz so extremer Tragweite, habe ich mit selbst mit den Romanen und Kurzgeschichten-Bänden von Julian Barnes. “Vom Ende einer Geschichte” war umwerfend, die Messlatte lag dementsprechend hoch und die Erwartungshaltung gegenüber nachfolgenden Werken von Barnes ebenso. Wie sollen also solch große Fußstapfen erneut gefüllt werden? Man möchte den Druck von Autoren wirklich nicht geschenkt bekommen.

Das Problem mit der Erwartungshaltung lässt sich aber auch umkehren. Vor einigen Jahren begann ich den Roman “Die Zufällige” von der britischen Autorin Ali Smith zu lesen. Smith stand schon mehrere Male auf der Liste für den Man Booker Prize und wurde von den Feuilletons in den höchsten Tönen gelobt. “Die Zufällige” konnte mich jedoch nicht bis zum Schluss bei der Stange halten. Zu trocken, so unaufgeregt, stellenweise gar langweilig, erschien mir der Roman. Dennoch nahm ich mir vor, ihren Roman “Beides sein” zu lesen. Vornehmlich, weil er von mir geliebten Bücherwürmern angepriesen wurde. Gelesen habe ich ihn aber immer noch nicht, weil mir “Die Zufällige” noch zu sehr negativ im Gedächtnis geblieben ist.

“Ich wünschte, ich würde mich für Klassiker interessieren”

Nicht unbedingt immer auf dem Stapel der ungelesenen Bücher, aber oft auf diversen Wunsch-Leselisten zu finden sind die deutschsprachigen Klassiker. Egal, ob bei Thomas Manns “Buddenbrooks” oder Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften”, auch hier fallen bei vielen Bücherfreunden diverse bewusste und unbewusste Vermeidungsstrategien auf. Manch eine hat die Nase voll von Klassikern, ein anderer wiederum sieht diese als überbewertet an, und wieder andere würden sie ja gerne lesen, aber auf jeden Klassiker kommen dann eben doch erst einmal zehn Neuerscheinungen, die spannend klingen, und manche können mit Literatur aus dem deutschsprachigen Raum einfach weniger anfangen. So schlägt beispielsweise das Herz von langeleine-Chefredakteur Jörg Smotlacha für internationale Autorinnen und Autoren, beispielsweise lateinamerikanische oder portugiesische Literatur. Dazwischen verirren sich natürlich auch deutsche Autorinnen wie Juli Zeh oder französische Rebellen wie Michel Houellebecq, aber der Fokus ist, wie bei den meisten Menschen, klar.

Bei all den Stapeln von ungelesenen Büchern, auf denen manch einer nicht nur sitzen kann, sondern zu denen wir auch ruhig stehen sollten, sei gesagt, dass dass Schöne am außerschulischen und außeruniversitären Lesevergnügen doch ist, dass wir frei entscheiden können, was und wann wir es lesen. Auch von Slogans wie “Too many books, too little time” (Frank Zappa) sollte man sich nicht allzu sehr unter Druck setzen lassen, sondern das Lesen genau das sein lassen, was es eben ist: eine der schönsten und nachhaltigsten Fluchtmöglichkeiten, die die Menschheit je hervorgebracht hat.

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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