Susanne Viktoria Haupt
6. März 2017

Die Kunst unter der Macht

Seitenansicht: “Der Lärm der Zeit” von Julian Barnes

Ein Leben auf rund 250 Seiten: Julian Barnes versteht es, auch in “Der Lärm der Zeit” eine ungewöhnliche Biographie geschickt zu komprimieren

“Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei” heißt es in Artikel 5, Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes. Desweiteren heißt es im selben Absatz noch “Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung”, was so viel bedeutet, dass Kunst und Wissenschaft alles dürfen, so lange nichts davon gegen die Verfassung verstößt. In Deutschland ist das meist ein Artikel, mit dem man sich arrangieren kann. Denn unsere Verfassung ist in weiten Teilen auf Gleichberechtigung und Toleranz sowie Friedfertigkeit ausgelegt. Wer innerhalb eines Theaterstücks vermeintliche Missstände oder anderweitige Kritik am Staat thematisiert, wird dafür weder vorgeladen, noch muss er ein Berufsverbot fürchten. Die Regel war diese relativ liberale Praxis aber historisch betrachtet weder in Deutschland, noch in anderen Ländern, und viele Menschen haben auch heute noch mit autokratischen, zum Teil diktatorischen Regierungen zu kämpfen, die nach Belieben Zensur, Berufsverbote oder gar Schlimmeres aussprechen. In genau solche Zustände setzt der britische Autor Julian Barnes seinen neuen Roman “Der Lärm der Zeit” und lässt dabei statt fiktiver Protagonisten einen der berühmtesten Komponisten der Sowjetunion wiederauferstehen.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch war ein sowjetischer Komponist und Pianist. Geboren 1906 in Sankt Petersburg, gestorben 1975 in Moskau, hat Schostakowitsch demnach nicht nur einen Großteil der Existenz der Sowjetunion miterlebt, sondern auch die vollständige Regierungsperiode von Josef Wissarionowitsch Stalin. Für jeden Bürger unter Stalin war das Leben ein Drahtseilakt. Man konnte sich entweder oben aufhalten, oder aber gefährlich tief fallen. Wobei am Ende des Falls der Tod durch Erschießung stehen konnte. Festgehalten hat Schostakowitsch seine eigenen Erinnerungen aus dieser Zeit in Memoiren, die Julian Barnes für seinen poetischen Biographie-Roman “Der Lärm der Zeit” als Grundlage genommen hat.

Schostakowitsch musste im Laufe seiner Karriere mehrfach um sein eigenes und um das Leben seiner Liebsten fürchten. Nach einem zweijährigen Erfolgskurs mit seiner Oper “Lady Macbeth von Mzensk” wurde diese 1936 von Stalin in Begleitung von Molotow, Mikojan und Schdanow besucht. Aber anstatt den Komponisten anschließend anständig zu würdigen, verließen Stalin und seine Begleiter frühzeitig die Oper. Am nächsten Tag erschien ein fürchterlicher Verriss in der russischen Tageszeitung Prawda, den Stalin mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar selbst geschrieben hat. Für Dmitri Schostakowitsch brach die Welt zusammen. Fortan wird sein Leben von Angst und Spielverbot begleitet – und genau hier setzt Barnes mit “Der Lärm der Zeit” an.

Schostakowitschs Karriere, die so erfolgversprechend begann und sich ausbreitete, hätte durch diesen Abend 1936 fast sein jähes Ende gefunden. Zumindest geht der Komponist davon aus, als er zu Beginn des Romans im Treppenhaus darauf wartet, endlich von der Polizei abgeholt zu werden. Aber der Zufall spielte Schostakowitsch in die Hände und bescherte ihm eine zweite Chance. Für einen Künstler aus Überzeugung allerdings keine leichte Angelegenheit. Zwar durfte er wieder auftreten, und auch die Presse überhäufte ihn nun wieder mit Lob, aber die dauernde Kontrolle durch das Zentralkomitee konnte Schostakowitsch genauso wenig verhindern, wie die “Macht”, gegen die er stets zu kämpfen hatte und mit der er hin und wieder Gespräche führt. Die “Macht” ist für Dmitri alles, was mit Stalin zusammenhängt und der Kunst und ihren Erschaffern die Luft abschnürt. Natürlich nur in den Fällen, in denen Stalin die Kunst missfiel oder sie dem allgemeinen Ansehen der Sowjetunion nicht dienlich zu sein schien.

Julian Barnes hat mit “Der Lärm der Zeit” etwas eingefangen, dessen Aktualität er sich während der Entstehung des Romans selbst wahrscheinlich gar nicht so bewusst war. Aber die Geschichte von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ist ein Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn politische Macht ihren Einfluss bis in die letzten Ecken des Alltags ausweitet – und auch die Presse den Regierenden nur noch in die Hände spielt. Eine Zeit, in der “Wahrheit” ein dehnbarer Begriff ist, und in der alles, was nicht dem “Wahrheitsempfinden” der Regierung entspricht, “Fake News” oder eben “Propaganda des Mainstreams/Establishment” sein sollen. Wenn Fakten aber zur absoluten Lüge werden, wird der Nährboden für das Ausleben politischer Allmachts-Fantasien gelegt. Zu leiden haben dann all jene, die sich dagegen stellen, und auch jene, die sich ganz unabsichtlich im Ton vergreifen. Wie eben Schostakowitsch.

“Der Lärm der Zeit” ist ein melancholischer, stimmiger und präziser Roman des Man Booker Prize-Gewinners Julian Barnes, der damit zwar leider nicht ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers “Vom Ende einer Geschichte” treten kann, aber dennoch wieder einmal hohes schriftstellerisches Talent unter Beweis zu stellen vermag.

Julian Barnes: “Der Lärm der Zeit”, Roman, 256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462048889, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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