Susanne Haupt
13. März 2017

Die Geschichte vom großen Traum

Der Literarische Salon startet stark in die neue Saison: Imbolo Mbue liest heute aus ihrem Roman “Das geträumte Land”

Ein herzliches Lächeln und ein toller Roman im Gepäck: Imbolo Mbue

In dem semi-autobiografischen Roman “America is in the Heart” von 1946 schildert der philippinische Schriftsteller Carlos Bulosan zum einen die Gründe, warum seine Brüder und er ins weit entfernte Amerika gingen, aber auch, was sie schlussendlich dort in den 1930er-Jahren erwartet hatte. Die Gründe waren klar. Man wollte einen Job, gutes Geld verdienen, sich etwas aufbauen und vielleicht auch Geld an die Familie nach Hause schicken. Aber der amerikanische Traum schien nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 schier unerreichbar. Jobs waren nur saisonal verfügbar, die Arbeiter wurden ausgebeutet und zu allem Überfluss kämpfte man gegen Rassismus. Für einen Großteil der Amerikaner waren die Philippiner schließlich nur die “dritte gelbe Invasion” – nach China und Japan.

Mittlerweile leben wir im 21. Jahrhundert, und der große amerikanische Traum ist weiter entfernt denn je. Immer noch kommen Menschen mit ganzen Koffern voller Träume und Vorstellungen in dieses Land. So auch Jende Jonga, der Protagonist aus Imbolo Mbues Debüt-Roman “Das geträumte Land”. Jende, geboren und aufgewachsen in der Küstenstadt Limbe im afrikanischen Kamerun, möchte etwas aus seinem Leben machen. In seiner Heimat geht das aber nicht, denn dort muss man zumindest schon einigermaßen vermögend geboren sein, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Aber Jende hat einen Sohn und seine Freundin Neni, die er jedoch erst heiraten darf, wenn er genug Geld hat. Also leiht er sich Geld von seinem in Amerika lebenden Cousin Winston, der dort bereits seit Jahren erfolgreich als Anwalt arbeitet und begibt sich in das Land der Tellerwäscher und Träumer.

Nach einigen kleinen Startschwierigkeiten könnte es für Jende und seine kleine Familie gar nicht besser laufen. Nach zwei Jahren kann er seine Frau und seinen Sohn ebenfalls nach Amerika holen, und kurz darauf bekommt er endlich einen wirklich gut bezahlten Job als Chauffeur und kann sein bisheriges Dasein als Taxifahrer aufgeben. Sein Chef ist fortan der Wall Street-Banker Clark Edwards. Jende kutschiert nun mit den besten Manieren sowohl Clark als auch dessen Frau, Clarks zehnjährigen Sohn Mighty und manchmal auch den mittlerweile erwachsenen Sohn Vince durch die Gegend. Dabei entgehen Jende weder die Ehe-Probleme der Clarks, noch die Schwierigkeiten des neuerdings spirituellen Vince, der sein Jurastudium an den Nagel hängen will, und auch nicht die Probleme an der Wall Street. Aber das Einkommen ist gut und Jende bewundert Clark für seine Arbeitsmotivation, sein Durchhaltevermögen und auch dafür, dass er seiner Familie wirklich alles bieten kann.

Doch bald wird das Bild rissiger, als Jende gedacht hätte. Und auch seine Frau Neni hat zu kämpfen, denn sie ist nicht nur mit dem Vorsatz nach Amerika gekommen, Geld zu verdienen, sondern auch echte Träume zu leben. Neni möchte Apothekerin werden und müht sich daher neben Mutterrolle und Mini-Job im College ab. Für das Pharmazie-Studium braucht sie erstklassige Noten und davon will sie sich von niemandem abbringen lassen. Aber obwohl Jende den amerikanischen Traum leben möchte, hält er in puncto Ehe an den eigenen Traditionen fest. Er hat für Neni bezahlt, sie ist die Mutter seines Kindes, sie hat zu tun, was er ihr sagt. Aus dem amerikanischen Traum, aus dem Märchen von einer kleinen Familie, die auszog, um das Glück zu finden, wird in “Das geträumte Land” Kapitel für Kapitel ein bedrückend reales Bild der Alltagssituation gezeichnet.

Imbolo Mbue stammt selbst aus Limbe in Kamerun und lebt seit über zehn Jahren in New York. Ihr Debüt-Roman “Das geträumte Land” wurde nicht nur von der amerikanischen Presse einstimmig gelobt, sondern auch von der internationalen. Manch ein Kritiker ließ sogar verlauten, dass dies ein Buch sei, das Donald Trump unbedingt lesen sollte. Aber nicht nur Trump sollte sich durch diese rund 400 Seiten blättern, sondern einfach jeder. Denn Mbue hat ein so warmherziges, aufrichtiges, mitreißendes Debüt aus dem Ärmel geschüttelt, dass man nicht drumherum kommt, es nahezu in einem Rutsch durchzulesen. Die einzelnen Figuren wachsen einem so ans Herz, und durch die unterschiedlichen Wendungen innerhalb des Romans ist man schlussendlich selbst erstaunt, mit welchen Figuren man am Ende das größte Mitgefühl hat. Heute Abend liest Imbolo Mbue im Literarischen Salon aus “Das geträumte Land”. Eine Lesung, die man sich beim besten Willen nicht entgehen lassen darf.

Montag, 13. März 2016:
“Das geträumte Land”, Lesung von Imbolo Mbue, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Hochhaus, 14. Stock, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/Kiriki Sano)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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