Marcel Seniw
18. März 2017

In der Schwebe

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Heute: das Auswärtsspiel beim FC St. Pauli

“Es ist das Schicksal aller Trainer, früher oder später mit Tomaten beworfen zu werden.” Dino Zoff, Trainer und italienische Torwart-Legende

In Hannover wurde der Trainer bislang zwar noch nicht mit Gemüse beworfen, die Metaphorik der Worte der italienischen Torwart-Legende Dino Zoff, der gesagt hat, es sei das Schicksal aller Trainer, “früher oder später mit Tomaten beworfen zu werden”, lässt sich aber auf die aktuelle Situation von Daniel Stendel dennoch anwenden. Als Stendel im letzten Jahr das Amt des Chef-Trainers von Hannover 96 annahm, sollte er am Ende einer völlig verkorksten Saison einfach nur für positive Schlagzeilen sorgen. Stendel überraschte, bremste dadurch den freien Fall von 96, unterband ein drohendes, komplettes Zerwürfnis mit Hannovers aktiver Fan-Szene und steht nun – ein Jahr später – vor dem 25. Spieltag der derzeitigen Zweitliga-Saison auf dem dritten Tabellenplatz. Doch dieser Platz ist zu wenig für den direkten Wiederaufstieg, und genau deshalb musste Stendel am vergangenen Samstag heftige Kritik einstecken. Beim schmeichelhaften 1:0-Sieg über den TSV 1860 München musste man ganz klar festhalten: Die ersten Tomaten trafen Stendel. Zwar noch nicht ausreichend für einen K.O., jedoch hart genug, um Hannovers Chef-Trainer ins Wanken zu bringen. Daniel Stendel hängt momentan in der Schwebe. Er holt zwar die Punkte, doch die Leistungen seiner Mannschaft waren zuletzt alles andere als souverän. Und weil zur selben Zeit mit Union Berlin ein Konkurrent gnadenlos punktet – fünf Siege aus den letzten fünf Partien -, gehen Stendel langsam die Argumente aus, erst recht, falls gegen den heutigen Gegner St. Pauli nicht endlich eine deutliche Leistungssteigerung zu bemerken ist.

Der FC St. Pauli hat einen Lauf

Der neue Sportdirektor Horst Heldt wollte sich jedenfalls keine Job-Garantie für Stendel entlocken lassen. Nur ein nüchternes Statement, das viel Raum für Spekulationen in sich birgt. Heldt werde keine Bekenntnisse abgeben, hieß es – egal in welche Richtung. “Fußball ist Tagesgeschäft. Man kann Leistung planen, aber keine Ergebnisse. Und die sind elementar wichtig. Danach richten sich Entscheidungen, nicht ausschließlich, aber oft.”, so der 47-Jährige. Auf gut Deutsch: Auch wenn 96 gegen den FC St. Pauli gewinnt, heißt das nicht, dass Daniel Stendel im Amt bleibt. Verlieren die Roten, war es das wohl für den jungen Trainer oder halt eben auch nicht. Denkbar wäre eine Art Endspiel am übernächsten Wochenende, wenn Hannover 96 die formstarke Mannschaft aus Berlin empfängt. Doch das ist alles Zukunftsmusik, konzentrieren wir uns als wieder auf das heutige Spiel. Auch wenn der FC St. Pauli aktuell den 15. Platz belegt, so treffen die Roten abermals auf einen unangenehmen Gegner. Die Mannen von Ewald Lienen weisen aus den letzten fünf Partien dieselbe Bilanz auf wie Hannover. Drei Siegen stehen jeweils ein Remis und eine Niederlage gegenüber. Der FC St. Pauli verlor zwar zuletzt gegen Union Berlin doch davor besiegte er den Karlsruher SC mit 5:0, gegen den die Roten eine Woche später desolat mit 0:2 unterlagen. Die Paulianer haben sich peu a peu in der Tabelle vorgekämpft, den letzten Platz hinter sich gelassen und schnuppern nun wieder Morgenluft. Die Formkurve zeigt trotz der Niederlage gegen Berlin in jedem Fall nach oben in Hamburg.

Wird Hannovers Lebensversicherung auflaufen?

Als wäre es nicht aus hannoverscher Sicht schon schlimm genug, dass die eigene Formkrise auf eine Mannschaft trifft, die “on fire” ist, könnte nun auch noch die personifizierte Lebensversicherung Martin Harnik wegen muskulärer Probleme ausfallen. Mindestens genauso ärgerlich: Stefan Strandberg wird wohl in dieser Saison nicht mehr für Hannover 96 zum Einsatz kommen, es droht eine Operation an der Ferse. Eine bittere Pille für den wankenden Stendel, war es doch Strandberg, der der wackeligen 96-Defensive zumindest etwas Halt gab. Der zum Teil völlig von der Rolle spielende Salif Sané hingegen stellt derzeit in der Abwehr eher ein Risko dar, was Strandbergs Ausfall noch schwerer wiegen lässt. Unklar ist zudem, ob der Norweger überhaupt noch einmal das Dress der Roten überstreifen wird, da er nur aus Krasnodar ausgeliehen wurde. Fakt ist: Für Hannovers Trainer steht ein weiteres Endspiel an. Die ersten Tomaten flogen ihm schon um die Ohren, weitere erlangen gerade ihren perfekten Fäulnisgrad. Bei einer Niederlage in Hamburg wird es wohl zur Trainerentlassung kommen. Und selbst wenn Hannover 96 den FC St. Pauli in Grund und Boden schießen sollte, wird sich an der Diskussion wenig ändern, da zwei Wochen später die immens wichtige Partie gegen Union Berlin ansteht. Dieses Spiel könnte zum Endspiel für Stendel werden, in welche Richtung auch immer. Ich bin aber der Meinung, dass es zu diesem Showdown erst in der eigenen Arena gegen Berlin kommen wird. Heute wird der FC St. Pauli 96 alles abverlangen, letztlich jedoch den Kürzeren ziehen: Die Roten duseln sich erneut zum Sieg und entführen drei Punkte vom Millerntor. Endergebnis: 2:1. Während Stendel in der Schwebe hängt, dürfen die Tomaten weiter reifen…

Samstag, 18. März 2017, 13 Uhr:
FC St. Pauli – Hannover 96

(Foto: Nationaal Archief Fotocollectie Anefo/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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