Sebastian Albrecht
20. März 2017

Wie sicher sind sichere Herkunftsländer?

In einem Vortrag zum Thema “Rassistische Konstellationen” beschäftigt sich der Pavillon heute mit der Situation der “Balkan-Flüchtlinge”

Roma in der Ukraine

Hat immer noch unter Vorurteilen und Diskriminierung zu leiden: die Bevölkerungsgruppe der Roma, hier in der Ukraine

Die Zivilisation schreitet unaufhaltsam voran und so muten manche Bilder aus Fußball-Stadien wie aus früheren Jahrhunderten an, obwohl sie nicht einmal dreißig Jahre zurückliegen. Für manchen mag es heute kaum zu glauben zu sein, aber es gab eine Zeit, in der Fußball nicht als Familien-Veranstaltung galt, sondern als Lebensinhalt bierbäuchiger Kuttenträger und gewalttätiger Hooligans – mit seinen Kindern ins Stadion ging höchstens, wer seine Seele vollständig dem eigenen Verein verschrieben hatte. Stoisch trotzte man auch dem übelsten Wetter, um seine Mannschaft im besten Fall nicht verlieren zu sehen, aß eine Stadion-Bratwurst und trank Bier. Bratwurst und Bier sind als Bestandteil des Fußballspiels geblieben, gegen den Regen sind die Ränge im Profi-Fußball allerdings längst überdacht. Was sich ebenfalls noch gehalten hat, ist Pyrotechnik. Geändert hat sich jedoch der gesellschaftliche Diskurs darüber. Seit einigen Jahren gilt sie als gefährlich und verantwortungslos, und sobald auch nur ein einzelner Bengalo in der Kurve zu sehen ist, weist eine mahnende Kommentatoren-Stimme reflexartig darauf hin, dass “dass Bilder” seien, “die wir nicht sehen wollen.”

Das hinderte jedoch bis vor kurzem nicht alle Medienschaffenden daran, von einer “einzigartigen Stimmung” zu sprechen, sobald Stadion-Bilder aus den Achtzigern oder Neunzigern gezeigt wurden. Die Uhren tickten früher eben anders – und wer heute als Krimineller gilt, geht in der Retrospektive noch als leidenschaftlicher Fan durch. Ebenfalls anders tickten die Uhren in Südosteuropa beziehungsweise auf dem Balkan. Während über Pyros in deutschen Stadien bereits der Kopf geschüttelt wurde, wurden ähnliche Bilder aus griechischen und kroatischen Stadien noch mit einem kurzen väterlichen Lachen als Ausdruck des “feurigen Temperaments” der dort heimischen Fan-Szenen beschrieben. So sind sie, die Leute dort eben. Inzwischen hat sich auch das geändert, Pyrotechnik ist ortsabhängig abzulehnen und wenn über die jeweiligen Fan-Szenen berichtet wird, so wird der Blick auf immer größere Probleme mit Gewaltbereitschaft oder Rechtsextremismus gerichtet.

Zugegeben, diese Einleitung mag etwas langatmig sein. Aber sie zeigt vielleicht bestimmte Vorstellungen auf, die häufig von den Nationen des Balkans vorherrschen: Emotional und temperamentvoll, manchmal etwas aufbrausend und dem zivilisierten Europa hinterherhinkend. In Kroatien kann man gut und billig Urlaub machen, beim Jugoslawen gibt es leckeres Essen, und dass man mittlerweile eigentlich nicht mehr von Jugoslawien spricht, haben die meisten auch mitbekommen. Die Grenzen des Balkans bleiben ebenfalls vage: Für manche sind es die Länder des ehemaligen Jugoslawiens – Serbien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Mazedonien sowie der Kosovo, dessen Status völkerrechtlich noch als strittig gilt –, andere zählen auch Länder wie Ungarn, Rumänien und Griechenland dazu.

Infolge des Anstiegs Asylsuchender in Deutschland wurden 2014 Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien und 2015 Albanien, Montenegro und Kosovo als sichere Herkunftsländer eingestuft. Mit diesem Beschluss wird davon ausgegangen, dass in diesen Staaten keine politische Verfolgung herrscht. Asyl-Anträge aus den genannten Ländern können somit schneller abgelehnt werden. Auch in der öffentlichen Diskussion werden die “Balkan-Flüchtlinge” häufig als “Asyl-Betrüger” oder “Sozial-Schmarotzer” gebrandmarkt, die herkämen, um vom deutschen Wohlstand zu profitieren, ohne den Fingern rühren zu müssen. Zwar sind die Jugoslawien-Kriege und der Kosovo-Konflikt schon seit einigen Jahre vorbei, gänzlich harmonisch ist die Lage zwischen den unterschiedlichen Parteien jedoch immer noch nicht. Allein das Verhältnis zwischen Serbien und dem Kosovo, dessen Unabhängigkeit von Serbien nicht anerkannt wird, birgt genügend Konfliktstoff.

Ebenfalls unter den Tisch fällt die Situation der Roma. Selbst im so aufgeklärten und zivilisierten Westeuropa hat diese Bevölkerungsgruppe es mit zahlreichen Vorurteilen und Diskriminierungen zu tun. Vagabundieren, Kriminalität, geraubte Kinder, Dreck – das sind nur einige Begriffe, die regelmäßig mit Sinti und Roma verbunden werden. In osteuropäischen Ländern sieht ihre Lebensrealität in der Regel noch schlechter aus, auch sind sie in einigen ihrer Heimatländer weiterhin enormen Repressalien oder gar der Verfolgung ausgesetzt. Im Pavillon findet heute Abend ein Vortrag mit anschließender Diskussion statt. Vortragende sind Djevdet Berisa vom Romane Aglonipe e.V. und Wolfram Stender von der Hochschule Hannover. Sie setzen sich in ihren Beiträgen mit der Situation der “Balkan-Flüchtlinge” in ihren Heimatländern, aber auch in Deutschland, auseinander, insbesondere mit der der Bevölkerungsgruppe der Roma.

Montag, 20. März 2017:
“Rassistische Konstellationen: Die Situation sogenannter ‘Balkan-Flüchtlinge’ in Deutschland und in ihren Herkunftsstaaten”, Diskussionsrunde, Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Водник/Wikipedia, Copyright: CC SA-BY 2.5)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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