Susanne Viktoria Haupt
20. März 2017

Der Tag, an dem Bob Marley sterben sollte

Seitenansicht: “Eine kurze Geschichte von sieben Morden” von Marlon James

Experimentelles Epos: “Eine kurze Geschichte von sieben Morden” von Marlon James, Buchcover

Man mag berechtigt die Frage stellen, was sich der Schriftsteller Marlon James wohl gedacht haben muss, als er sich an den Schreibtisch setzte, um “Eine kurze Geschichte von sieben Morden” zu beginnen. Vielleicht so etwas wie: “Hey, ich wähle diesen Titel und mache den Roman dann extra lang. So um die 850 Seiten vielleicht”. Bereits 2014 kam dieses epische Werk im Original heraus, 2015 gewann er als erster Jamaikaner dafür den Man Booker Prize. Fünf Übersetzerinnen widmeten sich dem Buch, um es auf Deutsch erscheinen lassen zu können. Im März 2017 war es endlich so weit – auch hierzulande kann das vielfach gelobte und preisgekrönte Werk nun gelesen und verschenkt werden.

“Eine kurze Geschichte von sieben Morden” hat es in sich, und das nicht nur durch seinen Umfang. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist der 3. Dezember 1976, der Tag an dem sieben Männer versucht haben, Bob Marley zu ermorden. Marley selbst taucht auch immer wieder in James’ Geschichte auf, wird allerdings nur “der Sänger” genannt. Denn für James und seinen Roman eröffnet dieser Mordanschlag die Türen zu einer nahezu beispiellos vielschichtigen, komischen, brutalen und kritischen Geschichte. Unterteilt in fünf Teile, die vom Jamaica der 1970er-Jahre bis zum Amerika der 1980er-Jahre unterschiedliche Zeiten und Schauplätze behandeln, lässt Marlon James über 50 verschiedene Personen miteinander agieren und zu Worte kommen. In stets überschaubaren Kapiteln, kommen die einzelnen Stimmen in Form von Monologen zu Wort und schildern den Leserinnen und Lesern sowohl die Geschehnisse der Zeit als auch ihre eigene Geschichte. Solch ein Konzept für einen Wälzer dieser Art anzuwenden, zeugt auf jeden Fall von Kühnheit – doch das zahlt sich nicht immer aus.

Bei James allerdings funktionieren die vielen verschiedenen Perspektiven und sind der Geschichte sowie ihrem Umfang sogar dienlich. Nicht nur, dass es dadurch möglich wird, einen sehr intensiven und zudem abwartenden Blick auf die bürgerkriegsähnlichen Zustände des Jamaikas der 1970er-Jahre zu bekommen, darüber hinaus ist auch die Gesamtmenge des Textes durch die Monologe in machbare Häppchen unterteilt. Der lässige und oft unkomplizierter Erzählton lässt das Stimmengewirr überschaubar erscheinen. So vielschichtig die Geschichte ist, denn schließlich führt sie die Leser parallel ins Amerika der 1980er-Jahre und konfrontiert sie dort mit dem Drogenhandel, in dem immer mehr Jamaikaner ihren Platz gefunden haben – so unterschiedlich sind auch die einzelnen Stimmen in James’ Roman. Mal erzählt ein junger Mann, dessen Vater erschossen wurde und dessen Mutter als Prostituierte arbeitet, so dass er letztendlich Zuflucht bei einer Gang sucht. Oder aber der Gang-Boss selbst kommt zu Wort. Neben den zahlreichen Gang-Mitgliedern sind es aber auch CIA-Agenten, Journalisten, selbsternannte Revolutionäre, Botschafter, 5th Avenue-Anwohner und andere, die eine Art fiktive Oral History entstehen lassen.

Rasant, dramatisch, brutal, aber auch unterhaltsam und komisch – das alles ist Marlon James’ Roman “Eine kurze Geschichte von sieben Morden”. Vom 1970 in Kingston geborenen Schriftsteller wird man sicherlich in Zukunft noch einiges hören. Und wer nach 864 Seiten sofort noch mehr von James lesen möchte, dem sei auf diesem Wege “The Book of Night Women” von 2009 ans Herz gelegt. Wesentlich kürzer, aber ebenso lohnenswert.

Marlon James: “Eine kurze Geschichte von sieben Morden”, Roman, 864 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3453270879, 27,99 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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