Susanne Haupt
27. März 2017

Die Mutter aller Kriminalromane

Seitenansichten Spezial: Agatha Christie

Erschuf mit Hercule Poirot und Miss Marple zwei zeitlose literarische Figuren: die britische Schriftstellerin Agatha Christie 1925

Mein Faible für Kriminalromane hielt sich immer in Grenzen. Ich bin auch für Thriller nur selten zu erwärmen. Das häufigste Problem bei Krimis war oft, dass sie mir von vornherein zu offensichtlich erschienen. Der Übeltäter war schnell klar, die Spannung hinüber. Agatha Christie war mir zwar immer ein Begriff, aber der Weg zu ihren Roman-Klassikern blieb mir dennoch lange Zeit verwehrt. Erst, als ich wieder auf eine ältere Folge einer meiner Lieblingsserien stieß, in denen die britische Schriftstellerin als Rollencharakter auftauchte, war mein Interesse endlich geweckt. Begünstigt wurde es dieser Umstand zusätzlich durch die doch sehr ansehnlichen Ausgaben ihrer Krimis aus dem Atlantik Verlag. Das Schöne war, dass alle Ausgaben vom Cover-Stil her zusammenpassen. Das freut das Sammler-Herz. Im vergangenen Jahr schlug ich also meinen ersten Christie-Roman auf und begegnete damit auch meinem ersten Fall von Hercule Poirot, einem manchmal etwas ungelenken belgischen Detektiv…

Hercule Poirot und die oftmals als schrullig empfundene Hobby-Ermittlerin Miss Marple machten Agatha Christie zu einer der meistgelesensten Autorinnen der Welt. Ihr Stil, ihre klare Sprache und die Fähigkeit, die Täter in ihren Krimis bis zum Schluss genial zu verbergen, zeichnen ihre Werke aus. Dabei verzichtete Agatha Christie stets auf blutige oder brutale Szenen und rückte stattdessen die nötigen Ermittlungen und den daran arbeitenden Ermittler in den Fokus. Beginnt man einen Christie-Roman, so lernt man schnell, dass nahezu jede und jeder irgendwo etwas verborgen haben kann, dass jeder ein Motiv haben könnte. Und auch, wenn Christies Geschichten sich vom Aufbau her konstant ähnlich sind, sind es gerade die Fälle, die Settings der Geschehnisse und die ganz eigene Atmosphäre, die ihre Leserinnen und Leser immer bei der Stange halten. Und das alles kam von einer Frau, die selbst einst sagte, dass sie ihre schriftstellerische Tätigkeit niemals als Beruf bezeichnen würde. Vielleicht lag aber gerade darin ihr Erfolgsrezept.

Auf ihren zahlreichen Reisen sammelte Agatha Christie Ideen für ihre Romane. Auch mit dem Orientexpress war sie selbst unterwegs

Agatha Christie wurde 1890 in Südengland geboren. Ihr Vater war ein reicher Amerikaner – die Familie konnte gut leben und hatte sogar eigenes Dienstpersonal. Als ihr Vater 1901 starb, hörte für die literaturbegeisterte Christie das schöne Leben jedoch schlagartig auf. Bereits mit 24 Jahren heiratete sie ihren ersten Ehemann, mit dem sie gemeinsam eine Tochter zeugte und ihn auf seinen Reisen begleitete. Mitte der 1920er-Jahre erlitt Christie dann aber erneut einige Schicksalsschläge. Nicht nur, dass ihre Mutter verstarb, so gestand ihr Mann auch eine Affäre. Christie verschwand für rund zehn Tage und England begann zu suchen. Sogar der Sherlock Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle, dessen Geschichten Christie selbst inspiriert hatten, beteiligte sich an der Suche nach der Krimi-Autorin. Bis heute sind die Umstände ungeklärt. Nachdem Agatha Christie in einem Hotelzimmer aufgefunden wurde, in dem sie unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes eingecheckt hatte, lies man verlauten, sie hätte einen völligen Gedächtnisverlust erlitten. Nach der Scheidung von ihrem untreuen Mann ging Christie nun eigenständig auf Reisen und fand beispielsweise in ihrer Fahrt mit dem Orientexpress Inspiration für eine ihrer bekanntesten Kriminalgeschichten.

Im Laufe ihrer Karriere schrieb Agatha Christie über 60 Kriminalromane, Bühnenstücke und Kurzgeschichten. Die zahlreichen Adaptionen sorgen zusätzlich dafür, dass das schriftstellerische Erbe der Britin im Gedächtnis blieb. Die Rollen ihrer gefeierten Charaktere wurden von berühmten Schauspielern wie Margaret Rutherford, Tony Randall, Peter Ustinov und Albert Finney gespielt. Besonders in der Zeit von Mitte der 1960er-Jahre bis Ende der 1980er-Jahre gehörten Kino- und Fernseh-Adaptionen von Christies Romanen zum Standard des Film-Kanons und haben zahlreiche Zuschauer begeistert. Das alles zusammen bescherte Agatha Christie den Ruf als “Mutter aller Kriminalromane”. Völlig zu Recht.

(Foto: http://www.themakeupgallery.info/lookalike/writers/christie.htm, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32750982 (1), Buchcover (2))

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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