Susanne Viktoria Haupt
3. April 2017

Blasses Jugend-Drama

Seitenansicht: “Du & Ich – Best friends for never” von Hilary T. Smith

Ein Roman, dem es inhaltlich an Logik und Tiefgang fehlt: “Du & Ich – Best friends for never” von Hilary T. Smith, Buchcover

Es gibt mindestens vier Optionen, wie ein Autor seinen Roman in den Sand setzen kann. Die erste wäre, dass der Schreibstil einfach mieserabel ist. Die zweite, dass die Story nicht stimmig ist. Die dritte, dass ein Großteil der Figuren wenig sympathisch und glaubhaft transportiert wird. Und die vierte Option ist, dass der oder die Autorin nicht einen Gedanken an die potentielle Leserschaft verschwendet hat. Bei Hilary T. Smith’ Roman “Du & Ich – Best friends for never” sorgen mindestens zwei dieser Optionen dafür, dass er allenfalls das Mittelmaß erreicht.

Im Mittelpunkt der Story steht die 17-jährige Annabeth. Annabeth’ beste Freundin ist die gleichaltrige Noe, die beiden kennen sich seit der neunten Klasse. Nun steht das letzte Schuljahr bevor, und Annabeth denkt schon voller Freude an die bevorstehende Zukunft. Sie träumt von einer gemeinsamen College-Zeit, einem gemeinsamen Auslands-Semester in Paris und einem Goldfisch, den Noe und sie Boris taufen wollen. Doch die Dinge entwickeln sich natürlich anders als geplant. Noe hat seit den Sommerferien einen Freund names Steven, und auch die Turn-Gruppe verschlingt ordentlich Zeit. Aber nicht nur das. Immer deutlicher wird auch klar, dass Noe ein ernstes Problem mit Bulimie hat und Annabeth im Gegenzug eines mit Anorexie.

Während Noe auf der Erfolgswelle der Turn-Gruppe schwebt, ihren Freund dirigiert und von einem ganz anderen College schwärmt, versinkt Annabeth in bodenloser Einsamkeit. Es gibt nämlich handfeste Gründe, warum sie sich gerade so an Noe gehängt hat. Kurz vor der neunten Klasse beichtete ihre alleinerziehende Mutter, dass Annabeth nicht das Produkt wahrer Liebe oder wenigstens eines zumindest heißen One-Night-Stand ist, sondern dass sie von einem Kommilitonen vergewaltigt wurde. Fortan glaubt Annabeth, dass in ihr so etwas wie ein Monster steckt. Nur in Noes Gegenwart fühlt sie sich einigermaßen nützlich und geborgen – und das möchte sie keinesfalls aufgeben. Die langsam bröckelnde Freundschaft macht ihr daher umso mehr zu schaffen. Das Fass wird aber erst durch den Homecoming-Ball zum Überlaufen gebracht, als Annabeth einen schnellen One-Night-Stand mit einem Mitschüler hat und ungewollt schwanger wird…

Hilary T. Smith macht in “Du & Ich – Best friends for never” eindeutig zu viele Fässer auf und dabei bleiben sowohl Story, als auch Charakter-Entwicklung und Sinnhaftigkeit auf der Strecke. So lästern Annabeth und Noe konsequent über Mitschülerinnen, die nicht spindeldürr sind, aber ihr bedenkliches Sozialverhalten wird keinesfalls thematisiert. Auch die Essstörungen der beiden werden eher nebensächlich abgehandelt und als etwas “zügig Therapierbares” dargestellt. Die Reaktionen von Annabeth’ Mutter könnten zudem auch nicht mieserabler sein. Nicht nur, dass sie es keinesfalls in Betracht zieht, dass ihre Tochter nach der Nachricht, das Produkt einer Vergewaltigung zu sein, etwas mehr emotionale Unterstützung brauchen könnte, möchte sie auch noch, dass Annabeth dasselbe College besucht, auf dem sie damals war und auf dem sie schlussendlich vergewaltigt wurde. Weil ihre Erinnerungen an dieses College einfach so wunderschön seien. Das ist paradox auf allen Ebenen.

Protagonistin Annabeth wiederum ist so unglaublich naiv, blass und langweilig, dass es wirklich weh tut. Nicht nur, dass sie das gesamte Schuljahr ausschließlich ein und dasselbe Buch liest, welches sie schon seit ihrer Kindheit liest und dessen angeblich so großer symbolischer Wert nur wenig für die Leserinnen und Leser deutlich gemacht wird, ist ihre Schwangerschaft zudem das Resultat der Annahme, dass eine halbe Anti-Baby-Pille locker ausreichen würde. Hat ihr schließlich Noe so gesagt und Annabeth wollte es keinesfalls riskieren, zuzunehmen. Allgemein zu viel oberflächliches Drama, kein Tiefgang, kein Gespür für Figuren oder Leserschaft. Einzig und allein Steven, der Freund von Noe, ist eine interessante Figur. Leider rückt er erst gegen Ende der Geschichte ins Zentrum des Geschehens, rettet der Autorin aber dadurch immerhin ein wenig den Hintern.

“Du & Ich – Best friends for never” ist ein Roman, den man nicht ohne Bedenken weiterempfehlen kann. Sprachlich ist er auf dem Niveau eines mittelmäßigen Jugend-Buches, und inhaltlich schwächelt das Buch an so vielen Ecken, dass es nahezu untragbar ist. Das reißt leider auch die qualitative Steigerung zum Ende der Story nicht mehr heraus. Das können Jugend-Roman-Größen wie John Green oder David Levithan weitaus besser.

Hilary T. Smith: “Du & Ich – Best friends for never”, Roman, 368 Seiten, Fischer FJB, ISBN-13: 978-3841440044, 16,99 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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