Sebastian Albrecht
11. April 2017

Vor den Toren Europas

Obwohl nicht mehr ganz so präsent wie 2015 und 2016, beschäftigt die Flüchtlingsthematik weiter viele Menschen. Auch im Pavillon: “Open the Borders – An den Zäunen Europas”

Protestierten 2016 gegen die Schließung der “Balkanroute”: Flüchtlinge in Idomeni

Sie war das beherrschende Thema im Jahre 2015 und Anfang 2016 – und es ist sicherlich untertrieben zu behaupten, sie habe polarisiert: die sogenannte Flüchtlingskrise. Zwischentöne verschwanden schnell in der öffentlichen Diskussion, und es war fast unmöglich, sich nicht irgendwie zu positionieren. Es schien so, als könne man generell nur absolut dafür oder absolut dagegen sein: Wer sich beispielsweise am Millerntor-Stadion mit den “Refugees welcome”-Aktionen des FC St. Pauli solidarisch zeigte, landete automatisch in der Schublade “linker Gutmensch”, der naiv wahlweise den Untergang Deutschlands oder den des deutschen Volkes herbeiapplaudierte, während diejenigen, die die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und auch die Menge der aufzunehmenden Flüchtenden irgendwie kritisch sahen, sogleich den Stempel der bei PEGIDA marschierenden “Nazis” bekamen. Vielleicht zeigen beide Beispiele ein nicht ganz unwichtiges Problem: In beiden Fällen wird eine Haltung oder Einstellung auf einen Slogan heruntergebrochen, was einerseits eine eigentliche Heterogenität ungewollt homogenisiert und auf der anderen Seite die Möglichkeit für Fehl-Interpretationen bietet – manchmal auch, um den “politischen Gegner” absichtlich misszuverstehen.

Trotz der unterschiedlichsten Krisenherde in der Welt ist die Spitze der Flüchtlingskrise vorerst überwunden. Vorerst, wie die einen sagen, weil die großen Probleme durch die vielen ins Land gelassenen Flüchtlinge noch bevorstehen würden. Vorerst, sagen die anderen, da die Menschen der Welt 2016 ja nicht plötzlich aufgehört haben, zu flüchten, und die Situation eigentlich nur dadurch gelöst worden sei, das eigene Problem zu einem Problem der anderen gemacht zu haben, wie etwa durch den Deal mit der Türkei. Ob der dortigen politischen Lage stellt sich für manche nicht die Frage, ob, sondern wie lange der Deal überhaupt noch hält – sollte dieser aufgekündigt werden, wäre man wieder bei der alten Streitfrage: Wohin mit den Flüchtlingen und geht uns das überhaupt was an? Reicht es nicht, wenn diese Menschen in Mazedonien oder Griechenland bleiben, wo es ihnen immerhin besser gehe als in ihren Heimatländern? Oder fiele es nicht in den Aufgabenbereich der EU, für eine faire Lösung all ihrer Mitglieder (und eventuell Beitrittskandidaten) zu sorgen? Und wie sähe eine solche faire Lösung überhaupt aus?

Infolgedessen wurde auch häufig über Grenzen gesprochen, wenn auch wenig zielführend – darüber, wer wann unter welchen Umständen vielleicht auf wen schießen sollte und ob das überhaupt so gemeint war, wie es aufgefasst wurde, oder doch ganz anders, darüber ging es in den Diskussionen selten hinaus. Eine politische Entscheidung sei es gewesen, die Grenzen nicht zu schließen, denn die deutschen Grenzen zu schützen sei durchaus möglich gewesen, wenn man nur wolle. Einen hohen Zaun mit NATO-Stacheldraht um ganz Deutschland zu bauen und dort bewaffnete Menschen aufzustellen respektive aus ganz Europa eine Festung zu machen, sei keine Lösung, so die süffisante Replik. Die Grenzen zu öffnen und einfach jeden aufzunehmen, ebenfalls, so die nicht minder süffisante Antwort. Und in der Tat dürfte es ein logistisches Problem sein, alle flüchtenden Menschen dieser Welt in Deutschland aufzunehmen, deren Bevölkerungszahl 2015 laut der Bundeszentrale für politische Bildung bei 65 Millionen Menschen lag. Allerdings ist das ja auch nicht ansatzweise der Fall. Denn bei den meisten Flüchtlingen handelt es sich um Binnenvertriebende, die innerhalb ihres Landes vertrieben werden. Neun von zehn Flüchtlingen leben in Entwicklungsländern, nur ein Bruchteil der Flüchtenden kommt überhaupt nach Europa, um Asyl zu suchen und auch von ihnen nur ein Teil nach Deutschland.

Kann dann überhaupt von einem Ansturm auf Europa die Rede sein? Und falls ja, beugt man diesem durch verschärfte Grenzkontrollen vor? Oder zögert man das eigentliche Problem nur heraus? Verhindert man so vielleicht lediglich die Konsequenz, die aus einer Ursache folgt, ohne diese selbst zu beheben? Sollten die Grenzen also geöffnet werden? Haben wir eine menschliche Verpflichtung, zu helfen, oder geht uns das alles nichts an? Spielt die Schuldfrage dafür überhaupt eine Rolle? Und sollte es nicht jedem Menschen möglich sein, sich frei in der Welt zu bewegen? Auch wenn wir die Folgen zu spüren bekommen? Und wie sehen sie eigentlich aus? Gibt es sie eigentlich? Direkt? Oder indirekt?

Dieser Beitrag will und kann keine absoluten und abschließenden Antworten auf diese natürlich etwas naiven Fragen geben – ebenso wenig wie es der Vortrag “Open the Borders – An den Zäunen Europas” mit einer anschließender Diskussion im Pavillon heute Abend tun wird – beide fügen lediglich eine weitere, vielleicht schon bekannte Facette hinzu. Was der Vortrag, der durch die Initiative “Travelling Bureau” organisiert wird, jedoch kann, und was ihn interessant macht, ist, die Menschen zu zeigen, die hinter dem Begriff “Flüchtling” immer wieder verschwinden. 2016 war das “Travelling Bureau” bei der Grenzschließung in Idomeni sowie in Nord-Griechenland vor Ort und hat die Lage und die Proteste vor Ort dokumentiert und fotografiert sowie mit den Flüchtlingen selbst gesprochen. Über ihre Erlebnisse wird die Initiative heute Abend berichten und diskutieren.

Dienstag, 11. April 2017:
“Open the Borders – An den Zäunen Europas”, Diskussionsrunde, Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Travelling Bureau)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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