Lorenz Varga
27. April 2017

Postfaktisches in Zeiten des Sonnenkönigs

Premiere im Schauspielhaus: Molières bissige Komödie „Tartuffe“ handelt von Scheinheiligkeit und Heuchelei im Zeitalter des Absolutismus und ist doch auf erschreckende Weise hochaktuell

Das „Tartuffe-Ensemble“: Lisa Natalie Arnold, Jonas Steglich, Vanessa Loibl, Sebastian Grünewald, Andreas Schlager, Henning Hartmann, Hagen Oechel, Susana Fernandes Genebra und Sarah Franke

„Weil das nicht sein kann.“ So das Argument des Familien-Oberhauptes Orgon, der nicht wahrhaben will, was nicht wahr sein darf und was doch so offensichtlich ist. Nur Frau Pernelle, Orgons Mutter, ist ebenso betriebsblind, wie ihr Sohn. Der Rest der Familie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, über das, was sich da gerade wie eine Made im Speck bei ihnen einnistet. Es ist Tartuffe, den der Hausherr als lumpigen Gesellen in der Kirche aufgelesen und dann mit nach Hause gebracht hat. Orgon sieht in ihm einen Heiligen, der ganz auf weltliche Dinge zu verzichten scheint, um seinem frommen Glauben zu frönen. Dabei erschleicht sich Tartuffe immer mehr Einfluss und Vertrauen, so dass alle Warnungen der Familie für die Katz sind. Denn Orgon kann in den Anschuldigungen gegenüber Tartuffe nur eines erkennen: Der Tugendhafte werde immer von seinen Neidern verleumdet werden. Heute hieße das wohl Lügenpresse.

Orgon ist also vollends im postfaktischen Zeitalter angekommen. Weder glaubt er seinem Sohn Damis noch seiner Frau Elmire, die beide bezeugen, dass Tartuffe es auf Elmire abgesehen hat. Aber es kommt noch schlimmer: Orgon bricht das Versprechen, das er seiner Tochter Mariane gegeben hat: nämlich die Hochzeit mit dem Geliebten Valère. Stattdessen soll Mariane nun Tartuffe heiraten. Als Vertrauensbeweis gegenüber dem künftigen Schwiegersohn schickt Orgon sich an, Tartuffe sein Vermögen zu überschreiben. Die Familie ist natürlich dagegegn. Als Orgon endgültig die Augen geöffnet werden, ist es bereits zu spät…

Für Regisseur Martin Laberenz ist „Tartuffe“ nicht die erste Molière-Inszenierung. Am Deutschen Theater in Berlin läuft seit knapp zwei Jahren seine Interpretation von Molières „Der Geizige“. Eine herausragende Aufführung, bei der die Schauspieler so richtig Gas geben und sich austoben können. Sollte es Laberenz gelingen, diese Spielweise auf den „Tartuffe“ zu übertragen, so dürfen wir heute auf einen fulminanten Theater-Abend hoffen. „Tartuffe“ feiert heute Abend Premiere im Schauspielhaus Hannover.

Donnerstag, 27. April 2017:
„Tartuffe“, Komödie von Molière, Inszenierung von Martin Laberenz, Premiere, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 21,50 bis 43,50 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Samstag, 29. April, 19.30 Uhr
  • Freitag, 5. Mai, 19.30 Uhr
  • Freitag, 19. Mai, 19.30 Uhr
  • Freitag, 26. Mai, 19.30 Uhr

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Katrin Ribbe)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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