Susanne Viktoria Haupt
17. April 2017

Raus aus der rechten Ecke

Seitenansicht: “Nordische Mythen und Sagen” von Neil Gaiman

Ein Gewinn für alle, die Götter-Geschichten mögen: Neil Gaimans “Nordische Mythen und Sagen”, Buchcover

Ich habe keinen blassen Schimmer warum, aber in den vergangenen Jahrzehnten wurde die nordische Mythologie immer gerne in die rechte Ecke gestellt. Vornehmlich, weil sich rechts gesinnte Menschen ihrer Symbole bedient haben. Das ist in etwa so wie bei den New Balance-Schuhen, die auf Grund ihres großen N auf der Seite direkt von den neuen Rechten vereinnahmt wurden. Während New Balance – vor allem die in England produzierten Schuhe – mittlerweile nicht nur angesagt sind, sondern auch häufig bei sogenannten Hipstern im Schuhschrank zu finden sind, tut sich die nordische Mythologie immer noch schwer. Da half es bisher auch nicht, dass Marvel sich schon vor vielen Jahren den Stoff unter den Arm klemmte und vor allem in der letzten Dekade Superhelden wie Thor oder ambivalente Bösewichte wie Loki erfolgreich auf die Kino-Leinwand gescheucht hat. Dabei gehört die nordische Mythologie mit ihren Sagen und Göttern nun mal auch zumidest teilweise zum deutschen Kultur-Raum, wird in der Schule thematisiert – und auch, wenn es dort gerne düster und blutig zugeht, sind die Geschichten doch mindestens genauso unterhaltsam wie die griechischen Theben-Sagen.

Glücklicherweise hat die nordische Mythologie aber nun ordentlich Unterstützung bekommen – und zwar von niemand Geringerem als dem so gar nicht rechten britischem Autor Neil Gaiman. Denn die nordische Mythologie spielte für Gaiman stets eine große Rolle und war ihm Inspiration für unzählige Romane. Dass er ein ausgezeichnetes Händchen für das Fantastische und auch für das Düstere hat, hat er mit Werken wie “Niemalsland” und “American Gods” bereits eindrucksvoll bewiesen. Daher war es ihm eine Herzensangelegenheit, zumindest einen Teil der nordischen Sagen in eigenen Worten nachzuerzählen. Problematisch ist dabei, wie bei nahezu allen Märchen und Sagen, dass ihnen der mündliche Übertragungsweg sozusagen immanent ist. Daher ist es wichtig, dass es immer wieder Menschen gab und gibt, wie beispielsweise die Gebrüder Grimm oder auch Angela Carter und nun eben auch Neil Gaiman, die sich an einer Verschriftlichung versuchen. Um eben das festzuhalten, was womöglich ansonsten eines Tages aus den Köpfen der Menschen verschwindet. Eines der Haupt-Hilfsmittel von Neil Gaiman stellten dabei die Publikationen des deutschen Professors Dr. Rudolf Simek von der Universität Bonn dar. Simek hat sich nicht nur eingehend mit den Germanen, ihrer Mythologie und ihrer Religion beschäftigt, sondern auch etliche wichtige Beiträge zur ansonsten recht dürftigen Fachliteratur geliefert.

Im Original ziert das Cover eine Abbildung von Thors Hammer: Neil Gaimans “Norse Mythology”

Neil Gaiman erfüllt auch mit “Nordische Mythen und Sagen” all die Erwartungen, die man an ein neues Werk von ihm stellt. Mit klarer Sprache, aber vollem Herzblut und der typischen Gaiman-Poesie führt er seine Leserinnen und Leser durch einige der alten Sagen. Wir erfahren zum Beispiel, wie Odin sein Auge verlor, dass Loki ein noch viel komplexerer Charakter ist, als wir dachten, und was die neun Welten der nordischen Mythologie sind (Muspelheim, Niflheim, Midgard, Asgard, Vanaheim, Alfheim, Jotunheim, Svartalfheim und Helheim). Und obendrein erfahren wir auch mehr über Ragnarök, was in der nordischen Mythologie als das Ende der Welt bezeichnet wird. Am Ende der Lektüre ist man um einige Informationen reicher und durch Gaimans literarischen Stempel lassen sich diese auch genießen. Es bleibt natürlich abzuwarten, ob die nordischen Sagen damit endlich den braunen Schleier ablegen können, aber Gaimans “Nordische Mythen und Sagen” wären definitiv ein guter Anlass dazu.

Einziges Manko dieses Buchs ist tatsächlich das Cover. Nachdem man dank sozialer Netzwerke die Aufregung des Autors förmlich spüren konnte und Gaiman auch keinen Hehl aus seiner Liebe zum Cover machte, konnte der deutsche Verlag Bastei Lübbe mit seiner Umsetzung nämlich leider nicht punkten. Das Cover des Originals ziert, wie auf dem Bild zu sehen, eine sehr detaillierte und schmuckvolle Abbildung von Thors Hammer Mjölnir. Deutschsprachige Leser erwartet aber lediglich ein bissiger Wolf. Wer also in der englischen Sprache einigermaßen sicher ist, sollte sich dann doch lieber diese Ausgabe zulegen. Sie macht sich nach dem Lesen im Regal doppelt gut.

Neil Gaiman: “Nordische Mythen und Sagen”, 256 Seiten, Bastei Lübbe, ISBN-13: 978-3847906360, 22 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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