Roman Kansy
19. April 2017

Rasender Öko-Eskapismus und Gesellschaftskritik mit der Abrissbirne

Erhabene Black Metal-Mystik in der Glocksee: Wolves In The Throne Room

 

Blecken bereits die Zähne: Wolves In The Throne Room sind endlich einmal in Hannover zu Gast

Wolves In The Throne Room sind für den Black Metal etwas wie das szeneeigene Brecheisen, das die fest verschlossenen Türen dieses sonst konservativ ausgerichteten Genres aufgebrochen hat, um unverbrauchte Luft hineinzulassen und dem alten Moder eine Frische-Kur zu verpassen, ohne in unnötig zuckersüßen Hochglanz-Sound zu verfallen. Denkt man bei Black Metal sonst als erstes an feste Szenegrößen wie Darkthrone oder Mayhem, die das schrabbelige Klangbild und die antichristliche Ideologie des Genres über Jahrzehnte prägten, haben Wolves In The Throne Room einen musikalisch wie ideologisch frischen Pfad beschritten, auf dem es viel zu entdecken gibt.

Statt des bekannten Corpsepaint, das es mittlerweile sogar bis in die Popkultur geschafft hat und des obligatorischen Keifens satanischer Beschwörungen stehen bei den US-Amerikanern die Natur mitsamt ihrer Mystik im musikalischen und ästhetischen Vordergrund. Authentizität! Die Gruppenmitglieder von Wolves In The Throne Room lassen sich mitnichten zu den unglaubwürdigen Kapellen zählen, die erst den Mittelfinger in Richtung Gesellschaft zeigen und anschließend in Filialen der bekannten Burgerketten einkehren, die wenige Augenblicke zuvor noch zum erklärten Feindbild gehörten. Denn die Band rund um die beiden Geschwister Aaron und Nathan Weaver hat sich als autarke Gemeinschaft in den tiefen Wäldern des Staates Washington niedergelassen – fernab der “normalen” Gesellschaft, die an ihrer eigens erzeugten Plastikwelt zu ersticken droht.

Auch musikalisch haben Wolves In The Throne Room für viele neue Einflüsse gesorgt, was manchen Szene-Hardlinern übel aufstößt, der Band aber glücklicherweise schnuppe ist. Auf den erhabenen, herrlich roh produzierten nordischen Black Metal-Sound stoßen hier Elemente aus der Weitläufigkeit des Post Rocks, verspielte Shoegaze-Arrangements und meditative Dark Ambient-Klangwelten. Man könnte das ganze der Einfachheit halber aber auch unter “Blackened Shoegaze” subsumieren, nur weiß dann wieder niemand, was das sein soll. Wer mit Kapellen wie Agaloch, Ashborer oder dem Werk der geradezu unfair unbekannten Untergrundkünstler von Weakling vertraut ist, sollte jedenfalls unbedingt den Mut aufbringen und in einen der überlangen Songs der Wölfe hinein hören – Ausdauer wird belohnt. Live sind die Brüder schon allein deshalb sehenswert, weil sie es rätselhafterweise immer schaffen, die urwäldliche Atmosphäre ihrer Wahl-Heimat auf urbane Bühnen zu transportieren. Feinste Black Metal-Mystik!

Im Vergleich mit den beiden mitangereisten Support-Bands wirken Wolves In The Throne Room mit ihrem kristallklaren Sound fast schon leichtfüßig, denn Lycus und Fórn kommen in erdbebenartiger Doom-Manier daher. Lycus stammen aus dem kalifornischen Rocklin und zelebrieren düsteren und schweren Funeral Doom. Sie schaffen einen derart dichten Sound, dass der eine Ahnung davon vermittelt, wie es wäre, Pudding zu atmen. Hier trifft schwere Melancholie auf sperrigen Doom. Weitaus angepisster und weniger schwermütig sind die Doom-Sludge-Hybriden Fórn aus dem beschaulichen Boston. Wie eine überdimensionierte Dampfwalze machen sie Anstalten, alle Anzeichen menschlicher Zivilisation unter ihrer tonnenschweren Erscheinung dem Erdboden gleichzumachen. Zucker für Fans des Genres. Heute Abend sind alle drei Bands im Café Glocksee zu sehen.

Mittwoch, 19. April 2017:
Wolves in The Throne Room, Support: Lycus und Fórn, Café Glocksee, Glockseestr. 35, 30169 Hannover, Einlass: 19.30 Uhr, Eintritt: 20 Euro

(Foto: Pressefoto/Café Glocksee)

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Kategorien: Musik, Tagestipps

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